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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 28.09.2009

Zusammen allein

Dominique Anne Schuetz: "Leo & Ludwig. Eine Biografie des Unvorstellbaren", Dittrich Verlag, Berlin 2009, 448 Seiten

Mit viel Liebe  zum zeithistorischen Detail schildert Dominique Anne Schuetz die Geschichter siamesischer Zwillinge in Berlin Anfang des 20. Jahrhunderts. (AP)
Mit viel Liebe zum zeithistorischen Detail schildert Dominique Anne Schuetz die Geschichter siamesischer Zwillinge in Berlin Anfang des 20. Jahrhunderts. (AP)

Eineiigen Zwillingen wird eine große Seelenverwandtschaft nachgesagt. Wenn jedoch Zwillinge unfreiwillig aneinander gekettet sind und sich einen Körper teilen müssen, dann stehen ihre unterschiedlichen Charaktere im Vordergrund und das Schicksal, immer nur ein Teil des Ganzen zu sein.

Das ist auch in dem Roman der Schweizerin Dominique Anne Schuetz der Fall. Mit "Leo & Ludwig" verlegt sie die Geschichte ihrer siamesischen Zwillinge in das Berlin des beginnenden Zwanzigsten Jahrhunderts.

Luise Hartwig stammt aus der Uckermark und sucht wie viele arme Mädchen am Ende des neunzehnten Jahrhunderts in der wachsenden Metropole Berlin ihr Glück. Sie findet eine Anstellung, verliebt sich in einen reichen jungen Mann und wird schwanger. Heimlich entbindet sie, ohne den Vater zu benennen und stirbt nach der schweren Geburt. Übrig bleiben als Waisen die siamesischen Zwillinge Leo und Ludwig.

Sie kommen in das Waisenhaus Rummelsburg und wachsen dort unter dem Spott und der Missachtung ihrer Mitzöglinge und des Personals heran. Bereits äußerlich sind die beiden Köpfe auf einem Körper grundverschieden: Ludwig hat blonde Haare und blaue Augen, Leo ist braunäugig und dunkelhaarig. Es zeigt sich, dass die beiden eine schnelle Auffassungsgabe haben.

Schließlich gelingt es dem Arzt des Waisenhauses, die Aufmerksamkeit von Professor Rudolf Virchow auf diese ungewöhnlichen siamesischen Zwillinge zu lenken. Mit seiner Hilfe werden sie von dem Psychiater Dr. Justus von Winterfeld aufgenommen.

Der Psychiater ist von Leo und Ludwig schnell fasziniert, denn zu den unterschiedlichen Köpfen gehören auch grundverschiedene Charaktere. Während Ludwig sensibel, schöngeistig und begeistert von der Natur ist - und damit seine Mutter widerspiegelt -, hat Leo den scharfen analytischen Verstand seines Vaters, den er zynisch einsetzt, um jeglichen Gefühlen aus dem Weg zu gehen. Seine große Leidenschaft sind Maschinen.

Dr. Winterfeld fördert die beiden Heranwachsenden in allen Bereichen, so dass sie sogar schließlich beide ein Jurastudium, als Kompromiss zwischen Biologie und Maschinenbau, absolvieren. Der Psychiater versucht immer wieder, die beiden Jungen in die Gesellschaft einzuführen. Während Leo sich dem abwertenden und zum Teil ängstlichen Gebaren ihnen gegenüber mit beißendem Spott erwehrt, wird der sensible Ludwig oft von seiner Umwelt verletzt.

Doch mit zunehmendem Alter zeigt sich, dass Ludwig auch unter seinem Bruder leidet. Als die beiden sich schließlich in dieselbe Frau verlieben, scheint der Bruch unausweichlich.

Leo und Ludwig hat es als Personen nie gegeben, aber der Rahmen der Handlung wirkt sehr authentisch. Nicht nur, dass neben Rudolf Virchow auch Heinrich Zille auftritt, sondern Dominique Anne Schuetz zeigt auch sehr detailliert die vielfältigen Gesichter Berlins in seiner Entwicklung mit den dazugehörigen Schattenseiten. Die Authentizität geht soweit, dass die Figuren in den Dialogen berlinern. Das mag Geschmackssache sein, aber die Liebe zum Detail des Zeitgeistes macht den Roman zu einer spannenden Lektüre neben den psychologischen Verwicklungen von Leo und Ludwig.

Besprochen von Birgit Koß

Dominique Anne Schuetz: Leo & Ludwig. Eine Biographie des Unvorstellbaren
Dittrich Verlag, Berlin 2009
448 Seiten, 22,80 EUR

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