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Thema / Archiv | Beitrag vom 27.11.2012

Zum Training durch den Checkpoint

Jaklin Jazrá, Kapitänin der Frauenfußball-Nationalelf Palästinas, erzählt über ihren sportlichen Alltag

Moderation: Liane von Billerbeck

Die Beine von Fußball-Nationalspielerinnen (AP - Axel Heimken)
Die Beine von Fußball-Nationalspielerinnen (AP - Axel Heimken)

Um Gleichberechtigung im Fußball geht es derzeit in Berlin bei einem Seminar, zu dem der Verein "Discover football" Ballkünstlerinnen aus 15 Staaten Nordafrikas und dem Nahen Osten eingeladen hat, um voneinander zu lernen. Für Jaklin Jazrá, palästinensische Frauenfußball-Nationalspielerin, ist der Sport eine Art Vorreiter der Gleichberechtigung.

Liane von Billerbeck: In Berlin versammeln sich dieser Tage Frauen aus Saudi-Arabien, den palästinensischen Gebieten, Tunesien, Jordanien, dem Libanon und dem Irak, um über Frauenfußball und Gleichberechtigung zu sprechen. Mit dabei: die Kapitänin der palästinensischen Frauenfußballnationalmannschaft, seit zwei Tagen ist sie in Deutschland - herzlich willkommen, Jaklin Jazrawi!

Jaklin Jazrawi: Ihnen auch ein herzliches Willkommen!

von Billerbeck: Sie sind ja erst vor zwei Tagen gekommen. Wie sieht es denn bei Ihnen aus nach der Waffenruhe? Wie ist die Situation? Wie haben Sie das erlebt?

Jazrawi: Bevor ich losgefahren bin, wusste ich gar nicht, ob es überhaupt möglich ist, dass ich losfahre, weil die politische Situation sehr angespannt war, aber kurz vorher hat sich dann die Lage entspannt, die Waffenruhe wurde eingeläutet sozusagen, und so konnte ich dann nach Deutschland kommen.

von Billerbeck: Was erhoffen Sie sich denn von diesem Treffen mit anderen Frauen, die dem gleichen Sport frönen, die die gleiche Lust auf Fußball haben wie Sie?

Jazrawi: Wir sind noch relativ jung, was den Fußball angeht, und überhaupt den Frauenfußball, und deswegen ist es natürlich für uns sehr interessant oder wichtig auch, dass wir auf Erfahrungen zurückgreifen, also nicht nur in der Region, in der arabischen Welt, sondern auch außerhalb und insbesondere Erfahrungen aus Europa, weil man hier in Europa schon eine lange Geschichte des Fußballs hat und vor allen Dingen auch des Frauenfußballs. Wenn wir uns hier versammeln, dann werden wir Erfahrungen sammeln und etwas lernen, und das können wir dann in unserem Land wieder anwenden.

von Billerbeck: Was ist es genau, was Sie von den Sportlerinnen aus Europa beispielsweise lernen können?

Jazrawi: Die Fußballspielerinnen hier in Europa oder hier in Deutschland haben eigentlich den Fußball von der Pike auf gelernt, also schon als junge Mädchen oder kleine Mädchen haben sie Fußball gespielt und wurden gefördert. Es gibt Trainerinnen, es gibt Fußballplätze, wo man Fußball spielen kann. Und wenn wir hier nach Europa kommen, ist es natürlich für uns eine ganz wichtige Sache, auch mit Frauen Fußball zu spielen, die auch wirklich gut Fußball spielen, und gleichzeitig aber auch theoretisch dazuzulernen, das ist für uns auch sehr wichtig, weil wir das dann praktisch mit in unsere Heimat nehmen können und dort umsetzen können, was wir hier theoretisch gelernt haben.

von Billerbeck: Es geht also nicht bloß um Gleichberechtigung, es geht auch richtig um Fußball spielen - aber Tore schießen können Sie doch genau so gut.

Jazrawi: An sich schon als Frau Fußball zu spielen, ist ja eine Herausforderung, eine gesellschaftliche Herausforderung, vor allen Dingen vor dem Hintergrund, aus welcher Gesellschaft wir kommen, dass eigentlich Fußball immer noch betrachtet wurde bis vor Kurzem als eine Sache der Männer, und dass eben da eine Geschlechteraufteilung stattfindet, Frauen sind halt eher für die Familie und den Haushalt zuständig und Männer eben halt in der Öffentlichkeit eher anzutreffen. Und allein schon die Tatsache, dass wir hier spielen, auf dem Feld, in der Öffentlichkeit, ist ja schon eine Herausforderung.

von Billerbeck: Wie wird denn auf Sie reagiert, wenn Sie Fußball spielen? Was sagen die Leute da? Ich frage das deshalb, weil ich hatte hier auch Fußballerinnen aus dem Iran. Es gab ja einen Film, "Fußball undercover", wo genau beschrieben wurde, wie schwierig es inzwischen im Iran ist für Frauen, Fußball zu spielen, aber sie tun es eben trotzdem. Und Sie tun es auch - auf welche Bedingungen stoßen Sie, wie wird das in der Öffentlichkeit wahrgenommen, wenn Sie Fußball spielen?

Jazrawi: Es ist natürlich eine große Schwierigkeit, in einem Sport, der hauptsächlich von Männern ausgeübt wird, als Frau aufzutreten. Das heißt, da muss man schon auch einen großen Tabubruch begehen, und das haben wir getan. Das war natürlich anfangs nicht so einfach, weil wir haben viele Widerstände mitbekommen, und haben es trotzdem gemacht und haben dann im Prinzip so die Barrikaden sozusagen gebrochen. Für uns war es natürlich immer noch einfacher - hinzu kommt, es gibt ja auch Fußballspielerinnen mit Kopftuch, und die große Schwierigkeit war, dass die Fifa ja verboten hat, dass Frauen mit Kopftuch aufs Fußballfeld gehen, und das war natürlich sehr schwierig, weil: Diese Tabus sind ja nicht nur von unserer Seite, sondern auch von internationaler Seite, und dann haben sich aber große Persönlichkeiten, internationale Persönlichkeiten eingemischt - Herr Willi Lemke, der hat sich dafür eingesetzt, dass eben auch Frauen mit Kopftuch aufs Fußballfeld dürfen, und das war natürlich ein großer Erfolg für uns.

von Billerbeck: Wie viele Frauen in Ihrer Mannschaft spielen denn mit Kopftuch?

Jazrawi: In der Nationalmannschaft spielen drei bis vier Frauen Fußball mit Kopftuch, und im Verein sind es ungefähr zwei bis drei. Ich möchte noch eine Sache hinzufügen, inzwischen ist es so, ich habe ja erzählt von den anfänglichen Schwierigkeiten, aber inzwischen ist es so, dass wir großen Zuspruch haben, auch von Männerseite. Wenn wir zum Beispiel ein Fußballspiel haben, kommen sehr viele Männer, auch männliche Fußballspieler, und feuern uns an.

von Billerbeck: Nun gibt es ja im internationalen Fußball so Stars, die kennt man weltweit, also ich sage jetzt mal: David Beckham, den kennt jeder, der Fußball spielt, wahrscheinlich Sie auch. Aber trotzdem, gibt es auch weibliche Stars, wo Sie sich die Poster an die Wand hängen würden, oder die Sie bewundern im Fußball?

Jazrawi: Für uns in Palästina ist natürlich dieser Sport noch sehr jung sozusagen, und wir haben noch keine öffentliche Präsenz, aber in Palästina hat es zum Beispiel eine Handyfirma gegeben, die damit Reklame gemacht hat, dass sie Fußballspielerinnen auf Postern abgebildet hat, und auch Fußballspielerinnen. Ich konnte leider zu dem Zeitpunkt nicht da sein, ich musste arbeiten.

von Billerbeck: Sind Sie jetzt kein Star?

Jazrawi: Doch, ich bin ein Star, ich bin sehr bekannt in Palästina.

von Billerbeck: Das freut mich, dass wir Sie hier haben, wenn Sie so eine Berühmtheit sind. Viele Ihrer Spielerinnen, habe ich gelesen, kommen ja aus Bethlehem oder auch aus der Umgebung von Bethlehem, und jeder, der schon mal da war, weiß, wie schwierig es ist, dann auch zu einem Training zu kommen, weil dort Checkpoints sind. Beschreiben Sie uns das doch mal, wie wir uns das vorstellen müssen, wenn man bei Ihnen zum Training kommen will, welchen Weg man dann nimmt.

Jazrawi: Das größte Problem, was wir haben, ist, pünktlich zu dem Training zu kommen oder überhaupt zu erscheinen. Einige sind aus Bethlehem, einige sind aus Dschenin, einige sind aus Ramallah, und wir machen unsere Trainings immer in verschiedenen Städten. Und wie man weiß, sind ja überall in Palästina Checkpoints, und oftmals ist es so, dass man einfach am Checkpoint angehalten wird und nicht mehr durchgelassen wird, und dann geht es teilweise nicht, dass man pünktlich erscheint oder überhaupt kommt. Teilweise auch, wenn die Spielerinnen aus Ramallah kommen und das Training in Ramallah stattfindet, ist es so, dass, wenn man von einem Stadtteil zum anderen fährt, oftmals aufgehalten wird.

von Billerbeck: Sie waren ja in diesem Jahr schon einmal hier mit Ihrer Mannschaft, haben bei Turbine Potsdam gespielt. Sie hatten ja Ministerpräsident Platzeck bei dessen Nahostreise kennengelernt. Frau Jazrawi, was fehlt Ihnen dazu, um Ihren Traum, richtig Frauenfußball spielen zu können, in die Wirklichkeit umzusetzen?

Jazrawi: Erstmal wünsche ich mir, nicht nur für uns Fußballspieler, sondern für das ganze gesamte palästinensische Volk, dass wir in Freiheit uns bewegen können von einem Gebiet zum anderen in unserem eigenen Land, und natürlich eben auch für die Fußballspielerinnen, und das wird natürlich ein langer Weg sein. Ich möchte auch, dass unsere Generation und die nachfolgenden Generationen zunehmend Erfahrungen sammeln im Fußballspiel und richtig gute Fußballspielerinnen werden, und irgendwann möchte ich gerne auch den Weltpokal gewinnen.

von Billerbeck: Da drücken wir die Daumen, dass Sie das schaffen. Danke, Frau Jaklin Jazrawi war meine Gesprächspartnerin, die Kapitänin der Frauenfußballnationalmannschaft. Danke für das Gespräch, das Leila Chamaa übersetzt hat.

Jazrawi: Vielen Dank für die Gelegenheit von Deutschlandradio, dass ich hier auftreten durfte und erzählen durfte von meinem Leben als Fußballspielerin, und auch von meinem Land, Palästina. Und ich wünsche mir in Zukunft auch mehr Austausch, damit wir in Kontakt bleiben.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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