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Feiertag / Archiv | Beitrag vom 03.11.2013

Zum Segen berufen

Vom gläubigen Umgang mit Menschen und Schöpfung

Von Harald Schwillus, Halle (Saale)

Päpstlichen Segen spendete Benedikt XVI. von 2005 bis 2013. (AP)
Päpstlichen Segen spendete Benedikt XVI. von 2005 bis 2013. (AP)

Schon in der Bibel spielt das Segnen und Gesegnetsein eine bedeutende Rolle. Über Jahrhunderte hinweg haben sich in der Kirche vielfältige Formen von Segnungshandlungen entwickelt, zu denen immer wieder neue hinzukommen. Seit einiger Zeit erfreuen sich auch ganz unterschiedliche Segnungsgottesdienste, wie etwa die Feier der Lebenswende oder die Segnung von Paaren am Valentinstag, zunehmender Beliebtheit.

Kühl ist es geworden und feucht und dunkel – November eben. Vorgestern, am 1. November – an Allerheiligen, war ich vormittags auf dem Pius-Friedhof in Berlin und habe das Grab eines nahen Verwandten besucht: das Laub vom Grab weggeräumt, die verwelkten und durch die Kälte in Mitleidenschaft gezogenen Blumen entfernt, die Erde geharkt, den Grabstein mit dem Papiertaschentuch sauber gemacht. Was man eben so tut.

Doch das Wichtigste war für mich, dass ich eine rote Kerze in die Grablaterne gestellt und angezündet habe. Sie wird – das weiß ich – die Nacht hindurch bis zum Allerseelentag und noch länger brennen. Sie wird auch dann brennen, wenn die Gräber am Nachmittag des Allerheiligentags oder tags darauf, an Allerseelen, mit Weihrauch und Weihwasser gesegnet werden. Leider konnte ich persönlich nicht dabei sein – Termine eben – und weder in Berlin noch in den anderen östlichen Bundesländern ist Allerheiligen ein Feiertag – von Allerseelen ganz zu schweigen.

Dennoch habe ich vorgestern und gestern häufig an das brennende Licht auf dem Friedhof in Berlin gedacht und mir vorgestellt, wie die Gräber dort mit Weihwasser besprengt und gesegnet werden. Ich habe mich dem allen nahe gefühlt und mir hat es geholfen, daran zu denken, dass die Schöpfung, zu der auch der Tod gehört, nicht hoffnungslos ist. Denn Christen sollen nicht trauern "wie die anderen, die keine Hoffnung haben" (1 Thess 4,13) – so schreibt es der Apostel Paulus.

Die vielen Segnungen der Kirche machen diese Hoffnung erfahrbar – an Menschen und im Bezug auf die von den Menschen in Gebrauch genommenen Dinge, Orte und Zeiten. Sie alle sind gesegnet, weil sie Gottes Schöpfung sind – und weisen auf den Ursprung allen Segens hin: auf Gott.

Doch was bedeutet dieses Gesegnetsein und was hat es mit den vielen Segnungen eigentlich auf sich? Einige Gedanken dazu habe ich für die folgende halbe Stunde zusammengetragen.

Heute morgen brennen in der Dämmerung sicherlich noch viele Kerzen auf den Gräbern. Sie erinnern seit Allerheiligen daran, dass die Menschen und mit ihnen die ganze Schöpfung gesegnet sind und durch den Segen Gottes leben.

Für uns Katholikinnen und Katholiken gehören Segnungen und Weihungen einfach zu unserem Glauben dazu. Nicht nur Gräbersegnungen an Allerheiligen oder Allerseelen. Mütter und Kinder, Familien, Reisende, Autos, Schiffe, Busse und Flugzeuge, Wohnungen, Häuser, Geschäfte und Büroräume, Ställe, Felder und Tiere, Kräuter, Kerzen, Kreuze und Rosenkränze, Krankenhäuser, Feuerwehren und Rathäuser, Hotels und Gaststätten, Musikinstrumente und Sportanlagen – all dies und noch viel mehr kann gesegnet werden.

Peter Modler erklärt diese katholische Praxis des Segnens in seinem kleinen Buch "Die wunderbare Welt der Katholiken" so:

"Katholiken scheinen grundsätzlich davon auszugehen, dass so ziemlich jedes einigermaßen positive Vorhaben einen Segen nötig habe. Und sie gehen freigiebig damit um. Es wäre freilich falsch verstanden, wenn man ihnen dabei Unernst unterstellte.

Denn sie sind überhaupt nur darum so zum Segnen bereit, weil sie sich selbst so oft als gesegnet empfinden. Man bekommt in dieser katholischen Glaubenswelt zuerst etwas geschenkt, ohne vorab moralische Höchstleistungen erbringen zu müssen. Zuerst ist das da, was Christen Gnade nennen. Ihr Gottesbild ist das eines Segen verteilenden Gottes, der Menschen Gutes tun möchte, und darum können sie auch selbst so frohgemut segnen."


Wenn im Kirchenlatein von Segnung die Rede ist, dann steht dort Benediktion. Das Wort ist abgeleitet von "benedicere" und bedeutet "loben", "preisen". Im Segen und bei Segnungen wird Gott gepriesen für das Heil, das er Mensch und Schöpfung bereits geschenkt hat. Auch die gesegneten Dinge der Schöpfung weisen auf diesen Ursprung des Heils hin.

Der Lobpreis beim Segnen ist aber immer auch mit einer Bitte verbunden, denn die gute Schöpfung Gottes wartet noch auf ihre Vollendung. Auch die Segnung der Gräber an Allerheiligen oder Allerseelen weist auf dieses Warten hin. Ihr Hauptanliegen ist es, die Hoffnung auf Auferstehung zu bekennen und die Verbundenheit mit den Verstorbenen zu bezeugen, die ganz in Gottes Hand sind. Darüber hinaus erinnert sie uns Lebende an unsere eigene Vergänglichkeit und unsere Verantwortung beim Umgang mit den Dingen der Schöpfung.

Alle Segnungen weisen auf diese Verantwortung hin. Sie werden deshalb letztlich nicht über die Dinge selbst gesprochen, sondern über die Menschen, die zu Gott finden sollen, indem sie sie gebrauchen. Nicht die Sache verändert sich durch den Segen, sondern wir bitten darum, dass wir im Gebrauch der Schöpfung die Herrschaft Gottes über die Welt erkennen und beachten. Deshalb können nicht nur die Gaben der Natur gesegnet werden, sondern auch die Produkte menschlichen Bauens und Entwickelns.

Segnungen gelten häufig als typisch katholisch. Doch auch die evangelische Kirche kennt natürlich den Segen als kirchliche Praxis. Ich habe mich darüber mit Ekkehard Steinhäuser unterhalten. Er ist evangelischer Theologe an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und war zuvor lange Jahre im Gemeindedienst in Quedlinburg und Halberstadt tätig.

Ekkehard Steinhäuser
"Aus evangelisch-theologischer Sicht ist das Thema Segnung eines, was sich verstärkt wieder zeigt in der gegenwärtigen Diskussion, aber nicht nur in der theoretischen Diskussion, sondern eigentlich ja im praktischen Glaubensvollzug. Wir werden immer wieder damit konfrontiert, dass Segenswünsche an uns herangetragen werden, aber vor allem auch die Kirche und die Verantwortlichen im Dienst der Kirche haben, dass es ganz wichtig ist, hier einfühlsam vorzugehen und den Menschen diesen Segen Gottes zu zusprechen.

Segnung bedeutet den Zuspruch Gottes für die Menschen. Darum segnen wir auch Menschen, nicht Objekte oder andere Gegenstände. Segnen heißt den Menschen deutlich machen, dass sie Gott vertrauen dürfen und sie mit seiner Gegenwart rechnen dürfen. Der Segen Gottes ist kein Garant für Glück. Der Segen Gottes ist kein Garant dafür, dass einem nichts Schlimmes oder Böses im Leben widerfährt. Der Segen schützt nicht vor Not, aber er schützt in der Not.

Ja also nach evangelischem Verständnis ist es eigentlich nur möglich, Menschen zu segnen, weil es ein Kommunikationsprozess ist. Es ist eine Interaktion und ein kommunikativer Vorgang und muss darum auch vom Menschen rezipiert werden, was eben bei Gräbern oder Häusern oder andern Dingen nicht möglich ist. Aber in gewisser Weise Weihehandlungen zu vollziehen erscheint uns natürlich auch plausibel, weil wir es gerade bei Gräbern oder anderen sensiblen Objekten ja mit Dingen zu tun haben, die sich dem ganz Profanen, ganz Weltlichen auch entziehen."

Katholisches und evangelisches Verständnis von Segnungen und Segenszusagen haben also durchaus mit ihrem Hinweis auf den Menschen deutliche Berührungspunkte, wird er doch bei jedem Segen in einen Dialog mit Gott verwickelt. Dennoch unterscheiden sich beide Konfessionen hierbei auch. Mit Blick auf Martin Luther erläutert der evangelische Theologe Ekkehard Steinhäuser die Bedeutung des Segnens in den protestantischen Kirchen so:

"Luther hatte das Thema Segnen, Segnung natürlich nicht weggeschoben. Also ihm war aus seiner katholischen Tradition her kommend das Thema sehr wohl bewusst. Er hat sich kritisch damit auseinandergesetzt und hat sich etwas distanziert davon, wie er sich ähnlich der Beichte als Sakrament distanziert hat. Aber er hat es nicht ausgeschlossen. Und darum ist es natürlich in der evangelischen Theologie genauso wichtig wie in der katholischen, nur anders akzentuiert.

Insofern akzentuiert, als der Mensch quasi erst einmal als Spendender und Empfangener im Mittelpunkt steht. Aber was uns natürlich als evangelische mit den katholischen Theologen verbindet, ist der Grundgedanke, dass der Segen eine Gabe Gottes ist."

Der Segen ist eine gute Gabe Gottes für die Welt. Und die Kirche hat den Dienst übernommen, diesen Segen weiterzugeben und nicht nur in den eigenen Reihen zu spenden.

Gottesdienste und Segnungsfeiern, die sich ausdrücklich an alle Menschen richten – ganz egal, ob sie zur Kirche gehören oder nicht – machen dies deutlich. Entwickelt wurden solche Feiern seit den 1990er Jahren zunächst im katholischen Bistum Erfurt. Und das hat guten Grund. Bilden doch im Osten Deutschlands Christen allgemein und noch viel mehr Katholiken eine Minderheit in der Gesellschaft. Der überwiegende Teil der Bevölkerung gehört keiner Kirche an und kommt mit jeglicher Form von Religion kaum in Berührung.

An dieser Wirklichkeit konnte und wollte die Kirche nicht vorbeigehen. Sie ist zu allen Menschen gesandt und will für alle da sein. Aus diesem Antrieb heraus haben die Verantwortlichen in Erfurt unterschiedliche Feierformen entwickelt, die den Menschen an den Wendepunkten ihres Lebens und zu besonderen Tagen die Nähe Gottes erfahrbar machen wollen. So gibt es seit über zehn Jahren Segnungsfeiern für Paare am Valentinstag und einen monatlichen Gedächtnisgottesdienst für Verstorbene. In einer Feier zur Lebenswende werden Jugendliche der 8. Klassen gesegnet, die keiner Kirche angehören und deshalb weder zur Firmung noch zur Konfirmation gehen.

Solche Feiern gibt es mittlerweile nicht mehr nur in Erfurt, sondern auch an vielen anderen Orten im Osten Deutschlands. In Halle gibt es sie seit zwölf Jahren. Reinhard Feuersträter organisiert sie. Er ist Diakon und Seelsorger am hiesigen Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara. Ich habe ihn dort besucht und gefragt, wie sich die Feier zur Lebenswende entwickelt hat.

Reinhard Feuersträter
"Begonnen hat es im Zusammenhang mit dem katholischen Gymnasium hier in Halle, dem Elisabethgymnasium, weil man dort eine Alternative suchte zur Jugendweihe, die ja allerorts noch lief und andererseits die Jugendlichen, die eben konfessionslos waren, mit einbinden wollte. Zunächst waren es so um die 20. Das war auch viele Jahre so in dieser Größenordnung. Hat sich dann aber vor drei Jahren plötzlich ganz anders entwickelt. Plötzlich waren es also nicht mehr 20, 30 sondern 125 Jugendliche, die sich angemeldet haben.

In diesem Jahr waren es dann plötzlich 260 Jugendliche und für das nächste Jahr sind jetzt auch schon über 250 angemeldet. Und es gibt bereits Anmeldungen für 2015.

Es ist nicht in direktem Sinne ein kirchliches Arbeitsfeld, aber wenn Kirche ein Interesse an den Menschen hat, dann heißt es doch genau dort, wo auch Wendepunkte im Leben der Menschen sind, dann auch da zu sein, das Angebot zu machen und ein so ein Wendepunkt ist halt der Übergang vom Kindsein in die Zeit des jungen Erwachsenen, in das Erwachsenwerden."

Die Feier der Lebenswende spricht den jungen Menschen der 8. Klassen an diesem Wendepunkt ihres Lebens den Segen Gottes zu. Doch dies ist nicht auf die eigentliche Feier in der St. Moritzkirche in Halle beschränkt, wie Reinhard Feuersträter deutlich macht:

"Wenn man so will, muss man eigentlich sagen, dass der Charakter des Segnungsgottesdienstes bereits in der Vorbereitung beginnt, wenn es nämlich darum geht, was hält mich eigentlich in meinem Leben, was ist mir wichtig in meinem Leben, wo sind die Fundamente meines Lebens. Wir bauen da auch so ein Lebenshaus regelrecht aus Pappe, das beschriftet wird. Und ein zweites ist nun die Frage, welche Menschen waren mir auf meinem bisherigen Lebensweg wichtig, was hab‘ ich von ihnen erfahren und was ist mir für mich daran wichtig geworden. Bei der Feier selber – und das wird auch vorher mit dem Jugendlichen bzw. bei den Elternabenden mit den Eltern besprochen, dass ich ihnen sage, ich möchte den Jugendlichen etwas mitgeben, was mir wichtig ist, nämlich einen Segen. Und Segen heißt, ich will dir Gutes sagen bzw. für uns Christen ja auch: Gott will uns Gutes zusagen. Und diese gute Zusage, die geb ich in diesem Gottesdienst in dieser Feier weiter."

Segnungen wollen den Menschen helfen, selbst zum Segen für die Welt zu werden. In jedem Segen blitzt damit ein bisschen der Dank und die Freude des eigenen Gesegnetseins auf. Gott hat die Welt und die Geschöpfe gesegnet. Und er selbst ist in dieser Welt zum Segen geworden – er ist Mensch geworden und hat in seiner guten Schöpfung unter uns gewohnt. Das feiern wir Christen bald an Weihnachten. Und da passt es dann sehr gut, dass der Papst – genau wie an Ostern – von der Loggia der Peterskirche in Rom seinen Segen ‚Urbi et orbi‘ – ‚ für die Stadt und die ganze Welt‘ spendet.

So verbinden sich im Segen die Lichter von Weihnachten mit den Lichtern auf den Friedhöfen von Allerheiligen und Allerseelen.

Musik und Literatur dieser Sendung
• CD: New Seasons. Händel for Oboe & Orchestra, Albrecht Mayer, Sinfonia Varsovia, Deutsche Grammophon
• Modler, Peter: Die wunderbare Welt der Katholiken. Eine Art Liebeserklärung, Herder Freiburg i. Br. 2007

Die redaktionelle und inhaltliche Verantwortung für diesen Beitrag hat der katholische Senderbeauftragte für Deutschlandradio Kultur, Pfarrer Lutz Nehk.

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