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Fazit / Archiv | Beitrag vom 13.06.2011

Zum Knuddeln

Fast zweistündige Dokumentation über die Klitschko-Brüder und ihre Sicht aufs Boxen

Von Sina Fröhndrich

Die Box-Brüder Vitali (re.) und Wladimir Klitschko  (picture alliance / dpa)
Die Box-Brüder Vitali (re.) und Wladimir Klitschko (picture alliance / dpa)

Sie sind die beiden erfolgreichsten und wohl auch sympathischsten Brüder der Box-Geschichte. Der Dokumentar-Filmer Sebastian Dehnhard hat versucht, dem Erfolgsgeheimnis der Klitschkos auf die Spur zu kommen - am 14. Juni feiert sein Film Europapremiere.

Entschlossener Blick, stählerne Körper in kurzen Shorts, zwei gigantische Schwergewichte. So kennen wir die Klitschko-Brüder aus dem Boxring. Ganz anders zeigen sich Vitali und Wladimir bei der Vorstellung des Dokumentarfilms über ihr Leben Anfang April in Berlin. Freundliches Lächeln, gebügelte Hemden – nur zwei nette Jungs von nebenan. Die ukrainischen Hünen wirken irgendwie handzahm, als sie über ihr Boxerleben sprechen.

"Er hat angefangen, ich habe nachgemacht. So einfach ist das!"

Was die Klitschko-Brüder in zwei Sätzen erzählen, zeigt der deutsche Regisseur Sebastian Dehnhardt nun ausführlich in 110 Minuten. Mit seinem Kinodebüt ist ihm ein wunderbares Portrait zweier ehrgeiziger Brüder gelungen und zugleich ein faszinierender Einblick in die Welt des Boxens.

"Ich hatte ganz viele Klischees im Kopf, wie glaube ich viele Menschen, die haben sich alle als Quatsch erwiesen. Ich habe noch nie so unkomplizierte, nette, freundliche, höfliche Menschen kennengelernt, und damit meine ich nicht nur die Klitschkos sondern Boxer im Generellen, was die auch für eine Hochachtung untereinander haben, das hat mich wirklich fasziniert und umgehauen."

Treffen diese netten Menschen allerdings im Boxring aufeinander, geht es richtig zur Sache. In einem Kampf zieht sich Vitali eine tiefe Wunde über dem Auge zu. Das Blut läuft, der Zuschauer leidet. Wo diese eindrucksvollen Bilder, diese Nahaufnahmen fehlen, erinnern sich Wegbegleiter der Klitschkos.

Das kurze, blonde Haar ordentlich frisiert, sitzt Mutter Nadeschda Klitschko aufrecht und stolz auf einer Sessellehne. Bei Kämpfen geht sie meist spazieren, erzählt sie. Sie vertreibt sich die Zeit, bis einer ihrer Söhne anruft.

"Mama? Alles in Ordnung!"

Und die Mutter erzählt:

"Wladimir rief mich danach dann noch mal an, um zu sagen: Ich habe vergessen Dir zu sagen, dass ich Dich liebe."

Die Eltern der Klitschkos sprechen zum ersten Mal vor laufender Kamera über ihre berühmten Söhne, ganz zur Zufriedenheit von Regisseur Dehnhardt.

"Also wenn die Klitschkos nicht gesagt hätten, bitte macht das, dann hätten sie es nicht getan. Aber das war eine Offenbarung, die Mutter musste man nur anstupsen, dann redet die 20 Minuten am Stück. Und ich habe eines begriffen nach diesem Interview mit Mutter Klitschko. Die Frau saß auf einer Armlehne auf dem Sessel, in einer Haltung und hat diese Haltung über drei Stunden nicht verloren. Da war mir klar, wo die das herhaben."

Die Klitschkos sind diszipliniert und ehrgeizig. Eigenschaften, die sie nicht nur von ihrer Mutter sondern auch von ihrem Vater haben. Einst ukrainischer Offizier in der Sowjetarmee. Frühe Aufnahmen zeigen einen Mann mit entschlossenen Gesichtszügen, die sich heute bei seinen Söhnen wiederfinden. Weil der Vater Offizier ist, zieht die Familie oft um. Eine verlassene Militärbasis: Ein schmales Zimmer in einer Baracke, bröckelnder Putz, zerschlissener Fußboden. Hier lebte die Familie auf engstem Raum. Das schweißt zusammen.

"Wie man sieht, nach wie vor, wir haben sehr gute Verständnis füreinander und miteinander und Umgang... Letztendlich sind wir eine Familie, und in einer Familie gibt’s natürlich Dinge, die man Dinge klären, nicht mit Fäusten, sondern mit Gesprächen","

sagt Wladimir.

""Oh, streiten mit Bruder ist gefährlich","

sagt Vitali.

Nicht immer sind sich die Brüder so einig. Sieben Jahre zuvor: Wladimir verliert gegen den US-Boxer Lamon Brewster. Seine Karriere steht auf dem Spiel.

""Nach dem Kampf saßen Vitali und ich im Flieger an. Vitali sagte, schau mal Dich im Spiegel an." - "Das wars!" - "Wir haben uns zum ersten Mal im Leben angeschrien. Vitali, sei nicht böse, das will ich allein machen."

Wladimir fährt ohne Vitali ins Trainingscamp. An diese Zeit erinnern sich die Brüder ehrlich und ungeschminkt. Es ist eine der stärksten Szenen, die Regisseur Dehnhardt gelungen ist. Seine Dokumentation ist damit weit mehr als ein Film über das Boxen, es ist ein Film über die Liebe zweier Brüder, der damit nicht nur für Boxfans sehenswert ist.

Eine Frage bleibt aber leider offen. Gegner und Freunde werfen sie immer wieder auf. Warum boxen diese beiden studierten Männer eigentlich? Einst war es ihr Weg ins Ausland. Warum sie aber noch heute soviel Schweiß und Blut investieren, wird nicht beantwortet. Die unbefriedigende Botschaft im Subtext lautet: Boxen ist mehr als ein Kampfsport. Wladimir:

"Der Sport wahrscheinlich ist das beste Beispiel für die Gesellschaft. Vor allem für Jugendliche, wenn man den Film anschaut, weiß man genau, im Sport wird es nicht leicht gehen, genau wie im Leben."

Und Vitali:

"Nur dann kannst Du erfolgreich sein, wenn Du bist fest überzeugt, Du bist bereit, selbstbewusst. Wenn Du Visionen hast, kannst Du alles schaffen."

Die Klitschkos haben es geschafft. Regisseur Sebastian Dehnhardt inszeniert den Aufstieg zweier Giganten, die selbst sitzend noch jeden anderen überragen. Und doch möchte man diese beiden Muskelpakete am liebsten knuddeln. Sie sind nicht nur sympathisch und nett, sondern auch bodenständig. Ein weiterer Grund, diesem Brüderpaar fast zwei Stunden lang auf der Kinoleinwand zuzuschauen. Wladimir:

"Bin sehr nervös, wie das ankommt bei den Menschen, ob die es gut und interessant finden werden."


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