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Interview / Archiv | Beitrag vom 27.03.2015

Zum 70. Geburtstag von Harry Rowohlt"Seine Stimme ist ein Geschenk"

F. W. Bernstein im Gespräch mit Nana Brink

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Schriftsteller, Kolumnist, Übersetzer, Rezitator und Schauspieler Harry Rowohlt  (picture alliance / dpa / Susannah V. Vergau)
Schriftsteller, Kolumnist, Übersetzer, Rezitator und Schauspieler Harry Rowohlt (picture alliance / dpa / Susannah V. Vergau)

Egal ob er "Pooh der Bär" oder irische Literatur lese, die Stimme sei "ein Geschenk", sagt der Zeichner F.W. Bernstein über Harry Rowohlt, der heute seinen 70. Geburtstag feiert. Ein Exzentriker aber sei Rowohlt nicht, das sei nur seine Show für die Bühne.

Nana Brink: Harry Rowohlt, Sohn des Gründers des Verlags Ernst Rowohlt, ist für vieles und zu Recht bekannt geworden, als Übersetzer englischer Literatur, seit den 70er-Jahren, als Rezitator, Kolumnist, Schriftsteller, Schauspieler – da hat er ja die Figur des Penners Harry in der "Lindenstraße" gespielt – also eine nicht weg zu denkende Figur des deutschen Literaturbetriebes. Heute wird er 70 Jahre alt. Und als Harry Rowohlt 60 wurde, da hat ein Kollege Folgendes über ihn geschrieben: "Wie die meisten Menschen bin auch ich Harrys Bart begegnet, bevor ich Harry begegnet bin. Ich war im Hamburger Literaturhaus, als im Türrahmen dieser tief beeindruckende Bart auftauchte. Ein paar Minuten später folgte dann der Rest von Harry." Und wer das geschrieben hat, ist F.W. Bernstein. Wir kennen ihn als Lyriker, Karikaturisten und Grafiker, Mitarbeiter der Satirezeitschriften "Pardon" und "Titanic", und jetzt ist er bei mir im Studio. Wir freuen uns sehr. Schönen guten Morgen!

F.W. Bernstein: Schönen guten Morgen!

Brink: Sie sind Harry Rowohlt ja oft begegnet, wie Sie gerade geschildert haben, im Literaturbetrieb. Welcher Rowohlt ist Ihnen denn der liebste?

Bernstein: Oh, die Frage ist schwierig. Natürlich habe ich zuerst kennengelernt den Übersetzer. Und der hat das Kultbuch, das bei uns in den 60er-Jahren schon eine Rolle spielte, neu übersetzt: "Auf Schwimmen-zwei-Vögel" von Flann O'Brien. Und das war schon in der "Pardon"-Zeit ein richtiger Kult. Und dann geht es bei mir durcheinander. Als ich ihn selber kennenlernte, da war es Harry leibhaftig.

Brink: War das wirklich so, wie Sie es geschildert haben, dass erst der Bart kam und dann der Rest?

Bernstein: Natürlich – da schwindele ich doch nicht. Der Bart war – er hat – inzwischen hat das für die Karikaturisten so ein Schema geschaffen, was gestern dann auch in der "TAZ" von Rattelschneck gemacht war, was dann nicht mehr ganz stimmt. Da wird auch immer der Harry als großer, schwerer Brocken gemacht, und das stimmt aber gar nicht. Er ist ein ganz schmales Hemd, und oben drauf sitzt halt dann der Bart und der Haarschopf – jetzt wohl auch nicht mehr so. Und das wird dann immer wieder vergessen, dass er ein schmaler, hochgewachsener junger Mann ist, auch mit 70 noch. Ja, ich bin ihm oft begegnet und merkte immer wieder, dass, wenn ich jetzt in den Briefen nachgelesen habe, dass er selber sich viel genauer erinnert, auch an mich erinnert – große Ehre –, als ich mich an ihn erinnere, die vielen Begegnungen. Er war ein ganz großer Inszenator. Als er dies Buch eben von Flann O'Brien, "Auf Schwimmen-zwei-Vögel" neu übersetzt hatte, da hat er eine große Lesung gemacht, wo mehrere – da durfte ich auch mit dabei sein – mehrere prominente und nicht-prominente Leser die ganze Nacht durch gelesen haben, um das Buch fertig zu kriegen. Das war in Hamburg in der "Fabrik" und da lernten sich auch die, die heute ihm gratulieren, soweit sie noch am Leben sind, die Gratulanten, die Verehrer kennen, ... in welcher Gesellschaft ich dann da bin als Freund und Bekannter von Harry Rowohlt. Das war nicht bloß die Hamburger Szene, die sowieso eine ganz andere ist als die Frankfurter Szene, die ich kannte, oder die Berliner. Und er hat es dann aber geschafft, über die Hamburger Szene überhaupt rauszukommen und gesamtdeutsch zu werden.

F. W. Bernstein zu Gast im Deutschlandradio Kultur (Deutschlandradiokultur / Manfred Hilling)F. W. Bernstein zu Gast im Deutschlandradio Kultur (Deutschlandradiokultur / Manfred Hilling)
Brink: Sie haben ja gerade geschildert, dass Sie ihn oft erlebt haben, auf der Bühne, aber auch hinter der Bühne. Ist er da auch immer so exzentrisch, so ausladend gewesen? Er hat ja selbst mal seine Lesungen als "Schausaufen mit Betonung" bezeichnet.

Bernstein: Ja, das war – da hat er sich auch Mühe gegeben, um dem Ruf gerecht zu werden. Das hat er dann aber ab einer bestimmten Zeit nicht mehr gemacht, er kam ja dann runter vom Saufen und hat von heute auf morgen aufgehört zu trinken wegen der Polyneuropathie –

Brink: Das ist die Krankheit, unter der er seit über zehn Jahren leidet ...

Bernstein: Da kann ich mitreden, Harry, ich auch. Und er hat ohne Not sofort aufgehört, von heute auf morgen. Also, es war nicht die Sucht, die schwierig ist, davon runter zu kommen, sondern er hat einfach nicht mehr getrunken. Und die Folge war dann, dass er abends nicht mehr so lang gemacht hat, er wurde müder und sagte, es wird für mich Zeit. Aber er war eben hinter der Bühne ein völlig zurechnungsfähiger, normaler, mit dem man schwatzen konnte. Nichts Exzentrisches – das war für die Bühne, das war seine Show.

Brink: Über diese Show aber trotzdem, die ja so viele von uns auch fasziniert, die ihn erlebt haben – die "FAZ" hat seine Stimme mal "Seebär-grollend" genannt und ihn selbst ja den "größten Egozentriker der deutschen Hörbuch-Szene". Worin liegt seine Kunst? Oder für Sie, was ist das, was Sie fasziniert an diesen Auftritten?

Bernstein: Er bringt etwas mit, was ein Geschenk ist, das ist die Stimme, mit der er viel anfangen kann, also diese Bärenstimme. Und egal, ob er nun "Pooh der Bär" liest oder neue irische Literatur, er kann sehr variabel sein dabei. Er liest zum Beispiel den "Pooh der Bär" mit einer tiefen Bärenstimme, die eigentlich für viele gar nicht dazu passt, zu diesem Pooh. Und es klappt aber. Er hat dieses Schauspieltalent, nicht bloß mit der Stimme da umgehen zu können, sondern die auch einzusetzen. Und klar, darauf warten dann alle, die ihn bei Lesungen hören. Ich hab ihn jetzt vor ein paar Wochen zum letzten Mal gehört, da hat er in Berlin gelesen, ein englisches Kinderbuch, und seine Stimme war da wie nur was. Er saß im Rollstuhl aber – prima. Also, die Stimme ist eines, und dann seine Schauspieler-Klugheit. Egozentrik ist Quatsch! War er überhaupt nicht. Er weiß, was er seinem Beruf schuldig ist und gibt dem nach. Aber Egozentrik ist ein anderer, Egozentriker war zum Beispiel der Fritz J. Raddatz, Gott hab ihn selig. Und den hat er mal beschimpft. Aber das kann man hier nicht sagen, sonst kriegt man mit der Justiz zu tun.

FW Bernstein zeichnet Harry Rowohlt (Deutschlandradiokultur / Manfred Hilling)Eine Hommage von F.W. Bernstein an Harry Rowohlt zum 70. Geburtstag. (Deutschlandradiokultur / Manfred Hilling)

Brink: Es hätte für Harry Rowohlt ja auch ganz anders kommen können. Er ist der Sohn des Gründers des Verlages, Ernst Rowohlt. Er hat ja das Handwerk gelernt, das Unternehmen dann mit seinem Halbbruder 1982 an die Holtzbrinck-Verlagsgruppe verkauft. Warum hat er sich nicht ins gemachte Nest gesetzt?

Bernstein: Er wollte wahrscheinlich unabhängig sein. Aber auf jeden Fall hat er die Frage nicht gern, was haben Sie mit dem Rowohlt-Verlag zu tun?

Brink: Ja, er wollte nie drauf antworten. Er gibt auch keine Interviews dazu.

Bernstein: Der Bernd Rauschenbach, der auch zur Gratulantenschar gehört, hat in der Festschrift ihn vorgestellt als Uwe Suhrkamp, der auch immer gefragt wird, was haben Sie mit dem Suhrkamp-Verlag zu tun? Nee, er wollte – er war nun früh schon unabhängig als Übersetzer. Und wie viel hat er – 150 und mehr Bücher übersetzt. Und das ist auch eine Gabe, die braucht er nicht als Verlagschef, da wäre ihm der Verlagschef nur im Weg gewesen. So konnte er übersetzen und übertragen ins Irische, ins Englische, andersherum, vom Englischen ins Deutsche. Ich kann nachher auch damit angeben, dass er mal ein Gedicht von mir ins Englische übersetzt hat.

Brink: Wie fanden Sie das, also ...

Bernstein: Hervorragend. Darf ich es kurz erzählen?

Brink: Ja, na sicher!

Bernstein: Er hat auch mir einen Brief geschrieben, wo er noch eine Geschichte drum rum bastelt. Es ist ein Vierzeiler: "Horch, ein Schrank geht durch die Nacht, voll mit Nassen Hemden, den hab ich mir ausgedacht, um euch zu befremden." Und da schreibt er, und es ist eigentlich – er korrespondiert da noch mit einer irischen Literatin, und sie sind sich einig, das Gedicht, die Übersetzung musste beginnen mit dem altenglischen Horch: "Hark": "Hark, a closet walks by night, full of shirts so wet; Did I make up this, thought, you might be displeased, you bet." Also, er müsste es selber vorlesen. Und, ja, das ist nicht jedem widerfahren, dass er einen Vierzeiler übersetzt.

Brink: 2007 gab Rowohlt ja bekannt, dass er an einer nicht heilbaren Krankheit leidet, Sie haben es ja auch selbst für sich erwähnt, die ihm das Gehen schwer macht. Wie geht er damit um?

Bernstein: Das hat sich wohl auch gegeben, dass er mit – er muss prima damit umgehen. Ulla – Hallo, Ulla! – die erzählt, wie gut er drauf sei –

Brink: Seine Frau.

Bernstein: Ja. Dass sie oft mehr leidet als er. Und er kann mit dem Rollstuhl gehen, er kann wohl auch eine Zeit lang, konnte er wieder tapern. Und ich weiß nicht, was noch alles dazu kommt, seine Krankengeschichte, die trägt er – das ist eine lange Geschichte, wo nicht bloß die Neuro-Dingsbums da eine Rolle spielt. Aber das wäre jetzt auch kein Thema. Gestern hat Christian Maintz in der "TAZ" über ihn gedichtet, und da war von Harry, wie wir ihn kennen, "Ein Tag im Leben des Harry Rowohlt". Und dabei sollte es auch erst mal bleiben, wenn er nicht selber – also in dem Brief an mich hat er das, was ich nun weitergeben kann, mal geschrieben, als er die Übersetzung mit dem Hemd da gemacht hat: "Mach du nur so weiter – bis du von mir was anderes hörst."

Brink: Herzlichen Dank für das Gespräch, F.W. Bernstein. Schön, dass Sie uns besucht haben im "Studio 9" hier. Heute wird der Übersetzer und Schriftsteller Harry Rowohlt 70 Jahre alt, und wir gratulieren natürlich.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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