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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 18.04.2013

Zukunft in Zahlen

Die Wissenschaft kann vieles vorhersagen – aber wer setzt es um?

Von Martin Tschechne

Nicht von den Statistiken verwirren lassen, rät Martin Tschechne. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
Nicht von den Statistiken verwirren lassen, rät Martin Tschechne. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

Die Leibniz-Gemeinschaft schickt die Ausstellung "Zukunft leben" durch die Bundesrepublik. Und bei aller Komplexität der Zahlen wird ihre Botschaft an die Politik erstaunlich klar, meint der Journalist Martin Tschechne: Ältere Arbeitskräfte mobilisieren und faire Bedingungen für Kinder schaffen.

Das eine Problem der Statistik ist die Langsamkeit ihrer Phänomene: Keine Legislaturperiode ist lang genug, um dem Klimawandel Einhalt zu gebieten. Und jede Rentendebatte ist überholt, wenn das Durchschnittsalter erst einmal auf 50 oder darüber angewachsen ist.

Sehr lange wird das nicht dauern, aber noch tun viele solche Gewissheiten mit einem Achselzucken ab: Ist nicht ein schneereicher Winter das beste Argument gegen die Furcht vor globaler Erwärmung? Und: 50 ist doch ein prima Alter.

Das zweite Problem der Statistik ist ihre Komplexität. Dass medizinische Versorgung und eine leidlich gesunde Ernährung uns Europäern ein längeres Leben bescheren. Dass also die Bevölkerung im Schnitt immer älter wird: Das lässt sich vielleicht noch im Kopf nachrechnen.

Die Deutlichkeit dieses Effekts aber könnte demografische Laien überraschen. Um volle 30 Jahre ist die statistische Lebenserwartung innerhalb weniger Generationen gestiegen - wer nicht enden will wie ein vom Glück überrumpelter Lottomillionär, der muss lernen, solch ein Geschenk sinnvoll zu nutzen.

Die Geburtenquoten hüpfen auf und ab

Zugleich aber hüpfen die Geburtenquoten je nach Konjunktur und allgemeinem Lebensgefühl auf und ab wie ein Seismograf kurz vor dem Erdbeben. Die 60er-Jahre in ihrer Lust auf Zukunft bescherten den Deutschen einen Baby-Boom – und demnächst Scharen von putzmunteren Rentnern.

Und während mancher noch orakelt, das Boot sei voll, und der Gesellschaft drohe Überfremdung, mahnen Bevölkerungsstatistiker längst, dass mehr Einwanderer kommen müssen, um für die Zukunft genügend Facharbeiter oder Informatiker im Lande zu haben. Oder ganz allgemein: genügend Menschen, die berufstätig sind, die Konjunktur in Bewegung halten und in die Rentenkassen einzahlen.

Aber lässt sich solche Vielfalt der Entwicklungen überhaupt erfassen? Wo kann ein auf fünf Jahre gewählter Politiker ansetzen, damit der Gewinn an Lebenszeit, an Vielfalt und Beweglichkeit nicht endet in einer Gesellschaft aus Greisen?

Hilft eine Betreuungsprämie? Hilft die Abschaffung des Ehegattensplittings zugunsten einer Kinderförderung? Und ist die behutsame Anhebung des Rentenalters von 65 auf 67 nicht ein Witz im Angesicht der glücksverwöhnten, aber leider meist kinderarmen Baby-Boomer, die in zehn, zwanzig Jahren auf Versorgung pochen werden?

Immerhin, eine Zahl lässt sich aus dem Gewirr der demografischen Prognosen einigermaßen sicher herausgreifen. In absehbarer Zukunft wird jeder Dritte im Rentenalter sein - und ein Leben lang erzogen zu der Erwartung, dass nun gefälligst die Jüngeren für ihn zu sorgen hätten.

Das Scheitern in komplexen Systemen

Fast 25 Jahre liegt es zurück, dass der Bamberger Psychologe Dietrich Dörner seine Studie über "Die Logik des Misslingens" veröffentlichte, eine exemplarische Analyse des Scheiterns in komplexen Systemen.

Bestätigt hat sich ihr Befund seither immer wieder: dass es nicht genügt, an ein paar Stellschrauben zu drehen, um wesentliche Veränderungen herbeizuführen. Und dass taktische Leisetreterei mit Blick auf die nächste Bundestagswahl allzu schnell in einem Labyrinth aus Gewohnheiten und Verpflichtungen endet.

Was Dörners Studie schon damals vor Augen führte, war nichts anderes als die Begrenztheit menschlichen Verstandes gegenüber den Problemen einer hoch komplexen Welt.

Jetzt sortiert eine Wanderausstellung die vielen Befunde und Prognosen zum demografischen Wandel, der ja nicht etwa bevorsteht, sondern längst seine eigenen Probleme formuliert hat: Bildungsprobleme, Integrationsprobleme, Finanzprobleme. Die Leibniz-Gesellschaft, zu der 86 Forschungseinrichtungen aller Disziplinen zusammengeschlossen sind, hat die Schau organisiert.

Und bei aller Komplexität der Zahlen und Vorhersagen – die Botschaft wird erstaunlich klar: Eine Gesellschaft, die überleben will, muss Arbeitskräfte mobilisieren, auch wenn sie 60 oder darüber sind. Und muss zugleich der jüngeren Generation faire Bedingungen schaffen, Kinder in die Welt zu setzen und sie großzuziehen. Damit ließe sich doch mal beginnen.

Martin Tschechne (privat)Martin Tschechne (privat)Martin Tschechne hat zwei tolle Söhne. Es hätten ruhig mehr Kinder sein dürfen – aber dazu hätte er früher und mutiger mit der Familienplanung beginnen müssen. Der Journalist und Autor lebt mit seiner Familie in Hamburg.
Die Deutsche Gesellschaft für Psychologie DGPs zeichnete ihn kürzlich mit ihrem Preis für Wissenschaftspublizistik aus. Zuvor erschien seine Biografie des Begabungsforschers William Stern (Verlag Ellert & Richter, 2010).

Service:
Die Ausstellung "Zukunft leben: Die demografische Chance" ist vom 19.4. bis 2.6.2013 im Museum für antike Schifffahrt des Römisch-Germanischen Zentralmuseums in Mainz zu sehen. Weitere Stationen sind Dresden, Bochum, Bremerhaven und München.

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