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Interview | Beitrag vom 06.10.2016

Zukunft der Rente"Das System als Ganzes ist sehr stabil"

Axel Börsch-Supan im Gespräch mit Korbinian Frenzel

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Eine Renteninformation der Deutschen Rentenversicherung (dpa / picture-alliance / Daniel Karmann)
Eine Renteninformation der Deutschen Rentenversicherung (dpa / picture-alliance / Daniel Karmann)

Unser Rentensystem hat eine "ganz solide Basis", doch man müsse jetzt nachsteuern, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Axel Börsch-Supan. Lebenszeit und Rentenzeit müssten in einem bestimmten Verhältnis stehen – nur so sei die Rente "relativ sicher".

Korbinian Frenzel: Es gibt so manches, das ist noch sicherer als die Rente, lieber Norbert Blüm, die Debatte zum Beispiel darüber, ob die Rente noch sicher ist. Eine neue Runde gibt es heute im Koalitionsausschuss. Die Angleichung der Ostrenten steht da auf der Agenda und sicher auch die generelle Frage, wie können wir das Rentenniveau halten. Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles hat vor zwei Tagen eine Haltelinie angekündigt, also eine Art Untergrenze. Klingt gut, klingt aber auch teuer. Am Telefon ist Axel Börsch-Supan, Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des Bundeswirtschaftsministeriums und Direktor des Munich Center for the Economics of Aging, kurz MEA, einer Abteilung des Max-Planck-Institutes. Guten Morgen!

Axel Börsch-Supan: Guten Morgen!

Frenzel: Eine Ministerin redet, Sie haben schon mal gerechnet: nehmen wir mal diese Haltelinie ab 2030, also eine Garantie, dass die Rente nicht weiter absinkt. Was kostet das?

Börsch-Supan: Genau, das ist sehr teuer. Also das kostet bei dem anvisierten Rentenniveau etwa 40 Milliarden im Jahr.

Frenzel: 40 Milliarden im Jahr. Das ist ein Summe, die aufbringbar ist für eine Volkswirtschaft?

Die Folgen gestiegener Lebenserwartung

Börsch-Supan: Nein, nicht so einfach. Und das ist auch eigentlich nur eine Zahl, die einem sagt, wie groß die Probleme sind, die wir zu bewältigen haben, wenn wir immer länger leben, und das ist, glaube ich, eine ganz wichtige Einsicht. Um die Zeit werden die Mehrkosten im Wesentlichen dadurch getrieben, dass die Lebenserwartung weiter steigt – davon gehen wir aus –, aber die Arbeitszeit auf 45 Jahre beschränkt bleibt.

Frenzel: Worauf müssen wir uns denn dann einstellen realistischerweise – dass wir einfach im Alter weniger Geld haben im Vergleich zu heute?

Börsch-Supan: Nein, also zunächst müssen wir uns mal auf das Positive einstellen: Wir leben länger, und vor allen Dingen leben wir ja länger gesund. Es ist ja nicht so, dass die zusätzliche Lebenserwartung in Krankheit verbracht wird, sondern die ist überwiegend gesund. Wir können also ungefähr sechs Jahre länger Rente beziehen als bisher, und davon sind ungefähr viereinhalb Jahre in Gesundheit.

Müssen wir länger arbeiten?

Frenzel: Das heißt, die Konsequenz wäre eigentlich naheliegend: wir müssen länger arbeiten.

Börsch-Supan: Das ist relativ naheliegend, genau, wie Sie sagen.

Frenzel: Haben Sie eine Zahl, welches Lebensalter?

Börsch-Supan: Na, das sollte man vielleicht nicht am Lebensalter direkt festmachen, sondern wenn wir sechs Jahre länger leben, dann kann man, glaube ich, den Leuten zumuten, dass sie drei, vier Jahre länger arbeiten, aber auch zwei Jahre länger die Rente beziehen, dass es also in einem halbwegs ausgeglichenen Verhältnis ist. Das ist sicher der Trick bei der ganzen Geschichte: Man muss im Leben die Lebenszeit und die Rentenzeit in Proportion halten, dann ist das mit der Rente – jetzt darf ich den guten Norbert Blüm nachmachen – doch schon relativ sicher.

Frenzel: Müssen wir uns – Norbert Blüm war ja nicht der erste, aber da fing es dann so richtig an, der daran herumgedoktert hat –, müssen wir uns Gedanken darüber machen, wie wir diese Altersversorgung institutionell aufstellen, also welches System wir haben, um sie zu finanzieren oder ist das gesetzliche Rentensystem, das wir im Grunde haben, eigentlich eine ganz solide Basis?

Börsch-Supan: Letzteres, das ist eine ganz solide Basis. Man muss aber hier und da nachsteuern. Also es können eben nicht alle so lange arbeiten, und es werden auch nicht alle gesund bleiben. Deswegen muss man also zum Beispiel bei der Erwerbsminderungsrente großzügiger werden als wir jetzt sind, man muss sich Gedanken machen, was mit den Menschen ist, die lange Zeit arbeitslos sind und eben dann nicht auf die entsprechenden Geldpunkte kommen. Also man muss sehr gezielt nachjustieren, aber das System als Ganzes ist sehr stabil.

Sinn und Unsinn der Riester-Rente

Frenzel: Nach Norbert Blüm kam ja ein gewisser Walter Riester, mit ihm die Riesterrente und die Idee: Wir machen das zum Teil auch privat. Ist diese Idee eigentlich wieder vom Tisch nach den ganzen Stürmen, die wir erlebt haben auf den Finanzmärkten, nach der Erkenntnis, dass man da eigentlich auch nicht so viel bei rausholt zinsenmäßig?

Börsch-Supan: Na, da ist das Glas genauso halbvoll wie halbleer. Es war ein halber Erfolg, aber kein ganzer Erfolg, und weniger Probleme machten die Kapitalmärkte als solche, als dass die Riesterrente eben sehr intransparent ist. Es gibt tausende von Produkten, die man ganz schwer vergleichen kann. Also da ist die Politik auch gefragt, mehr Transparenz in den Markt zu kriegen, sodass der Kunde etwas besser bedient wird als er im Augenblick wird.

Mehr-Finanzierung durch Zuwanderung?

Frenzel: Eine Frage habe ich noch mit Blick auf die große Zuwanderung, die wir zurzeit erleben, die wird ja auch immer wieder in der Hinsicht positiv verkauft politisch, dass diese Menschen unsere überalterte Gesellschaft verjüngen. Also mal knapp gesagt, irgendwann zahlen die Syrer und Afghanen unsere Rente. Geht das auf?

Börsch-Supan: Nein, das funktioniert nicht. Ganz einfach, weil wir 80 Millionen Deutsche sind. Und selbst wenn anderthalb Millionen Neue dazukommen, ist das ein Tropfen auf dem heißen Stein. Wir werden unsere Rente schon selber finanzieren müssen.

Frenzel: Axel Börsch-Supan, vielen Dank für dieses Gespräch über die Rente!

Börsch-Supan: Bitte schön!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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