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Reportage / Archiv | Beitrag vom 05.04.2013

Zugvögel im Stau

Beobachtungen am Rhein

Von Ludger Fittkau

Auf diesen Anblick müssen wir dieses Jahr noch warten!
Auf diesen Anblick müssen wir dieses Jahr noch warten! (AP)

Der nicht enden wollende Winter macht nicht nur den Menschen zu schaffen, sondern auch den Tieren. Die Zugvögel sind irritiert und fliegen nicht wie gewohnt in den Norden. Sie suchen sich wärmere Regionen und warten auf bessere Zeiten.

Wildgänse watscheln auf einer Wiese am Rheinufer. Am Rande strecken einige weiß und grau gefiederte Wächter aufmerksam den Kopf nach oben. Sie kontrollieren, was auf dem nahen Wanderweg passiert.

In den Rheinauen bei Bingen sind einige hundert Vögel versammelt - Menschen verlaufen sich hier nur wenige bei bedecktem Himmel, stetigem Ostwind und Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt.

Noch sperrt hier niemand ab, um Spaziergänger daran zu hindern, entkräftete Zugvögel aufzuscheuchen, die sich hier zusammendrängen. In diesem kalten Frühjahr landen am vergleichsweise warmen Rhein Vögel, die sonst auf ihrem Weg Richtung Norden keinen Zwischenstopp einlegen. Manche ziehen weiter und kommen zurück, weil es auf ihrem Weg immer kälter wird. An einigen Stellen am Rhein gibt es jetzt einen regelrechten Vogelstau und Stoppschilder für Wanderer - zum Schutz von wintergebeutelten Kranichen und Kibitzen auf ihren Rastplätzen. Wenn hier der Durchgang verboten wird, akzeptiert das Walter Jelschka, ein Spaziergänger, ohne Murren. Der Alt-Hiipie mit üppigem Bart und langem grauen Haar will seinen Frieden mit dem Federvieh:

"Na klar, das ist doch Naturschutz! Ich kann ja eine andere Richtung nehmen, muss ich nicht unbedingt da lang gehen. Da haben wir ja auch noch Vögel…."

Noch nicht da

Die immer noch bitterkalten Nächte machen vor allem den kleinen Singvögeln zu schaffen. Doch auch viele robustere Zugvögel wie die Kraniche sind offenbar noch nicht da angekommen, wo sie sonst um diese Jahreszeit sind - in ihren Sommerquartieren im Ostseeraum. Die Langstrecken-Flieger, die im Winter in Afrika waren und schon längst wieder hierzulande erwartet werden, sind auch in den Rheinauen noch nicht alle wieder da.

"Wir sind ja öfter mal hier und der Storch ist normalerweise um diese Zeit schon hier, in diesem Jahr noch nicht, die Wildgänse teilweise da, einen Pirol haben wir letztes Jahr um diese Zeit schon gehört, der Kuckuck ist noch nicht da."

Wolrad Schwalm ist ein pensionierter Agraringenieur. Seine beiden Hunde, die junge Frieda und den 14 Jahre alten Snoopy, hält er eng an der Leine.

"Der tut nichts mehr, der ist zu alt, aber wenn der andere auf einmal was sieht und losrennt, dann muss man schon ganz schön festhalten."

Mit den Hunden ist der ehrenamtliche Klimamelder des Deutschen Wetterdienstes regelmäßig an den Flüssen Nahe und Rhein unterwegs, um das Pflanzenwachstum zu beobachten:

"Dieses Jahr ist es unnormal. Die Forsythien haben sonst im März schon geblüht, die Weidenkätzchen - dieses Jahr ist noch nichts da."

Dicke, knorpelige Kopfweiden biegen sich über Bächen und Wassergräben, schlanke Obstbäume stehen verstreut auf den Wiesen. Die locker bepflanzten Ufer des Inselrheins sind ein Paradies für Zugvögel. Natürliche und künstliche Inseln im Rhein trennen auf fast 30 Kilometern Länge zwischen Mainz und Bingen immer wieder ruhige Wasserflächen vom Hauptstrom ab, die den Vögeln als Rastplatz dienen. Aufgescheucht werden sie im Winter bisweilen von Anglern, die ihre Boote verbotenerweise in die Vogelschutzzonen lenken. Am Ufer gibt es für Störche Masten, auf denen sie nisten können.

Der pensionierte Landwirt Wolrad Schwalm denkt nicht nur an die Vögel, die in diesem Winter auf ihren Zugrouten ins Stocken geraten. Sondern auch an die eingefrorenen Feldfrüchte seiner jüngeren Kollegen auf den Bauernhöfen:

"Das sind für viele Landwirte schon herbe Einbußen. Gerade bei uns in den Sonderkulturen, den Spargel, den es sonst zu Ostern schon immer gab, noch gar nix dieses Jahr. Alles entsprechend später. Ist für die Landwirte ein Rückschlag, gerade auch für die Obstbauern."

"Dann kommen sie halt einen Monat später!"

Zehn Kilometer stromaufwärts, an der Fähre nach Oestrich-Winkel drüben im Rheingau. Eva Kartuscha, Urlauberin aus Litauen und ihr 17-jähriger Sohn Modestas fotografieren sich fröhlich gegenseitig am Wasser.

"Nicht alles verstehen, aus Litauen!" (lacht)"

Vom Problem der frierenden Gänse nur wenige Meter von ihnen entfernt, hat auch der englisch sprechende Modestas noch nicht gehört:

""I don´t have heard about this problem, I not know… ( lacht)"

Unsere Vögel ziehen doch im Winter aus Litauen weg, sagt er:

"In winter they go to Africa - and now they come back."

Es ist doch jetzt nicht kalt hier am Rhein, behauptet Modestas lachend, zu Hause im Baltikum ist es jetzt viel kälter. Die Zugvögel sollen einfach noch vier Wochen warten, bevor sie weiterfliegen, schlägt er vor.

"They come one month later" ( lacht sehr)"

Nebenan auf der Parkbank wartet Margit John in dickem Wintermantel mit hochgeschlagenem Kragen auf die nächste Fähre, die den Inselrhein queren wird. Ihr Zuhause ist drüben auf der hessischen Rheinseite, im reichlich mit Weinbergen geschmückten Rheingau. Margit John hat die Vögel, die hier leben oder Rast machen, von der Fähre aus gut im Blick:

""Ja gut, die Gänse sind wieder da auf der anderen Rheinseite. Die Möwen die fehlen noch, die kommen auch noch. Die Schwäne, wenn sie da sind, aber im Moment fehlt halt noch alles. Ist viel zu kalt noch, leider. Soll ja auch noch so bleiben."

Wie die Vögel und die Menschen frieren auch die alten, silbernen Pappeln am Ufer. Keine Spur von Knospen an Bäumen und Sträuchern, weit und breit keine lachenden Blumenwiesen. Alles ist immer noch im Winterschlaf erstarrt - dort, wo der Frühling normalerweise früher da ist als in den meisten anderen Regionen des Landes.

Das wissen auch die Zugvögel und stauen sich nun auf dem Weg nach Norden und Osten - aber auch beim Zwischenstopp am sonst so frühlingsfreudigen Inselrhein zwischen Mainz und Bingen hat es sie kalt erwischt.