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Thema / Archiv | Beitrag vom 05.07.2005

Zufall Mensch

Vom großen Plan hinter den Dingen des Lebens

Von Susanne Nessler

Blick auf die Erde aus 37.000 Kilometern Entfernung  (AP Archiv)
Blick auf die Erde aus 37.000 Kilometern Entfernung (AP Archiv)

Der britische Paläontologe Simon Conway Morris von der Univerität in Cambridge glaubt an Gott, an Außerirdische und an den ganz großen Plan hinter den Dingen. Die Erde und seine Bewohner sind kein Zufallsprodukt, keine Laune der Evolution, sagt das Mitglied der britischen Royal Society und hat damit eine Diskussion unter Evolutionsforschern entfacht.

Der britische Paläontologe Simon Conway Morris von der Univerität in Cambridge glaubt an Gott, an Außerirdische und an den ganz großen Plan hinter den Dingen. Die Erde und seine Bewohner sind kein Zufallsprodukt, keine Laune der Evolution, sagt das Mitglied der britischen Royal Society und hat damit eine Diskussion unter Evolutionsforschern entfacht.

Morris stellt sich mit seiner These gegen seinen berühmten Kollege Jay Gould, der das Buch "Zufall Mensch" geschrieben hat. Gould der kürzlich verstorben ist, behauptet in seinem Buch: Ließe man die Evolution noch einmal ganz neu ablaufen, würde etwas komplett Neues herauskommen, etwas, was mit den jetzigen Leben auf dem Planeten Erde und vor allem dem Mensch überhaupt nichts gemein hätte. Die Erde und seine Bewohner sind ein pures Produkt vieler Zufälle.

Die Idee von Morris ist nicht neu, aber schon länger nicht mehr so dezidiert von einem Naturwissenschaftler formuliert worden. Ein Art Retrotrend in der Wissenschaft, der an das vor wenigen Wochen erschienene Kinoremake von Douglas Adams "Per Anhalter durch die Galaxis" erinnert. Alles wiederholt sich irgendwann, egal was passiert. Douglas Adams, arbeitete übrigens, so wie Simon Conway Morris jahrelang an der britischen Universität in Cambridge. Wenn das kein Zufall ist!

Die Antwort auf die Frage aller Fragen lautet: 42. Was die Frage aller Fragen ist, weiß bis heute niemand so genau und die Antwort darauf versteht auch keiner richtig. Aber eins ist sicher: Hinter allem steckt ein großer Plan. In Douglas Adams Per Anhalter durch die Galaxis haben weiße Mäuse den Plan gemacht. Bei Simon Conway Morris, dem britischen Evolutionsforscher und Paläontologen sind die Urheberechte für den großen Plan des Lebens noch nicht geklärt. Doch dass dieser existiert, davon ist Morris überzeugt. Als Beweis führt der bekannte britische Wissenschaftler folgende simple Tatsache an: Im Laufe der Erdgeschichte ist das Leben immer wieder zu denselben Lösungen gelangt. Ein Beispiel: Tiere haben Augen, Menschen haben Augen. Ob Insekt, Fisch, Reptil, Hund oder Mensch alle Lebewesen haben eine ziemlich ähnliche Form der optischen Wahrnehmung. Das kann kein Zufall sein. Und deshalb werden auch Außerirdische ziemlich sicher Augen haben.

"Sollte wir es irgendwann einmal schaffen Kontakt zu Außerirdischen aufzunehmen, bin ich sicher, dass wir auch mit ihnen reden werden können. Ich würde sogar soweit gehen zu sagen, das sind Wesen wie wir, nicht unbedingt intelligent, aber auf jeden Fall neugierig. Wesen also, die wissen wollen, warum die Welt so ist wie sie ist. Ich bin sicher, das ist etwas, was wir auch bei Außerirdischen finden werden, wenn wir sie denn finden. Aber vielleicht lautet die Alternative, dass unser Sonnensystem ein so spezieller Ort ist, dass wir vielleicht doch hier ganz allein sind. Und sollte das der Fall sein, ist das eine ebenso interessante Frage."

Simon Conway Morris stellt gerne Frage, ungewöhnliche Fragen, Fragen die über die Grenzen herkömmlicher Lehrmeinungen hinausgehen. Und Fragen über Fragen die er noch gar nicht kennt. Wissenschaftler sind neugierige Menschen. Es gehört zu ihrem Job, alles ständig in Frage zu stellen. Und so fragt sich Morris, warum das Leben ein Zufall sein soll, wenn es doch so viele Hinweise darauf gibt, dass es immer denn selben Regel folgt.

" Mein Standpunkt ist, dass die Evolution so wie sie verlaufen ist, zwingend sein muss. Es gibt nicht mehrere Möglichkeiten. Warum ich das glaube, nun, würde man annehmen alles ist Zufall, die Evolution eine Möglichkeit von vielen, dann wäre so etwas wie menschliche Intelligenz nur ein glücklicher Zufall, ein Unfall quasi. Ich sage aber, dass so etwas Komplexes wie Intelligenz zwingend entstanden sein muss. Denn wir finden es in sehr ähnlicher Form auch bei Tieren wie Delfinen oder Krähen."

Das Auftreten verschiedenen komplexer biologischer Systeme ist im Gesamtsystem Natur fest einprogrammiert, sagt Simon Conway Morris. Er will mit seiner These, einen neuen Anstoß in der wissenschaftlichen Diskussion über den Ursprung der Evolution und die geben. Für den Zufall ist darin kein Platz. Morris glaubt zwar, dass sich das Leben auf der Erde, so wie Darwin es erklärt hat, durch Mutation und Selektion entwickelt hat. Doch dieses Wechselspiel läuft nach immer gleichen Bedingungen ab. Wir kennen bloß noch nicht die Regel und wir wissen ebenso wenig wer sie gemacht hat.

"Wenn sie einen Plan suchen, so wie zum Beispiel die Physik eine immer exaktere Vorstellung über den Aufbau des Universums gewinnt, dann werden sie ihn auch finden. Würde sie zum Beispiel nur eine winzige Konstante während der Entstehung des Universums ändern, wäre die Welt nicht mehr bewohnbar. Und wenn die Physik das kann oder die Chemie mit ihrem Periodensystem, warum soll das nicht eben so für die Biologie gelten. "

Morris Thesen erscheinen bestechend einfach und einleuchtend. Was unabhängig voneinander an verschiedenen Orten vorkommt, muss die gleiche Bauanleitung haben. Klassische Evolutionsforscher halten allerdings eine gesteuerte Entwicklung von intelligenten Lebewesen nach einem Plan für mehr als unwahrscheinlich. Das ist schlichtweg falsch, lautet ihre Antwort auf Morris Theorie und dazu ein ziemlich alter Hut. Ulrich Welsch, Biologe, Arzt und Evolutionsforscher von der Universität München,

"Das sich ähnliche Formen entwickeln, hat die Leute immer beschäftigt. Im Meer zum Beispiel Medusen usw. und das war immer ein Grund, da gibt es den berühmten Botaniker Troll, der schon in den 20er Jahren sagte, da steckt ein Plan hinter. Die klassische darwinistische Evolution sieht das nicht so, das ist zufällig eine Besiedelung eines ähnlichen Lebensraums und dadurch werden bestimmte Lebensformen, Lebenstypen bevorzugt. [...] ich würde sagen, da ist kein Plan hinter, kein Plan."

Die Welt besteht aus chemischen Molekülen, sagt der Biologe. Und chemische Moleküle haben bestimmte Eigenschaften. Diese Eigenschaften funktionieren in bestimmten Umgebungen und in anderen nicht, dafür braucht es keinen Plan. Wenn doch, dann hat das nichts mehr mit Wissenschaft zu tun, sondern fällt in den Bereich Glauben und Religion.
Morris Thesen sind wie ein Stachel für die moderne Evolutionstheorie, sagt Ludger Honnefelder, Philosoph und Experte für Grenzfragen in den Lebenswissenschaften.

" Ich finde die Argumente sehr stark. Seine These ist eben die, wenn wir das aus dem Zufall erklären würden dass der Mensch beziehungsweise dass sich zunächst das Wahrnehmungsvermögen und dann das Bewusstsein durch Zufall entwickelt hat, bräuchten wir eine Zeitachse, die viel länger wäre, als die die nach dem bisherigen Forschungsstand dafür zu Verfügung steht. "

Simon Conway Morris will klären, warum die Welt so ist wie sie. Eine Antwort hat er ebenso wenig wie seine Gegner. Aber solange es die nicht gibt, glaubt der britische Forscher, darf man nicht aufhören zu fragen und alles nur dem Zufall überlassen. Auch dann nicht, wenn am Ende vielleicht der Zufall der Plan ist.

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