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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 04.10.2013

Zu viel der Integration!

Warum ein türkischer Name ein türkischer Name bleiben muss

Von Canan Topçu

Wann ist zu viel Integration zu viel?  (picture alliance / dpa / Wolfgang Kumm)
Wann ist zu viel Integration zu viel? (picture alliance / dpa / Wolfgang Kumm)

Manche Türken in Deutschland passen die Schreibweise ihres Namens der landestypischen Phonetik an. Das ärgert Canan Topçu, - das C ist so wie bei Gianna und das Tsch in Topçu wie bei Tschechoslowakei -, denn wer das tue, habe Integration falsch verstanden.

Nehmen wir mal an, Sie heißen Achim. Sie sind als Kind deutscher Eltern groß geworden und mit der deutschen Aussprache ihres Namens aufgewachsen. Aus welchem Grund auch immer sind sie aber nicht in Deutschland zu Hause, sondern in Italien, Frankreich oder in der Türkei. Sie leben also in einem Land, in dem Achim nicht Achim ist! In Italien heißen Sie "Akim". In Frankreich: Aschim. Und in der Türkei: "Adsch-him".

Mal ehrlich: Wäre das für Sie ein Grund, die Buchstaben Ihres Namens der landestypischen Phonetik anzupassen? Würden sie aus sich einen Akim, Aschim oder Adsch-him machen? Ich nicht! Noch nie habe ich es hingenommen, dass mein Name falsch ausgesprochen wurde.

Ich heiße weder Sanan Topkuh, noch Kanan Topsu, sondern Canan Topçu. - Freundlich und höflich, aber auch resolut weise ich auf die richtige Aussprache meines Vor- und Nachnamens hin.

Warum ich davon spreche? Weil mir immer wieder Leute über den Weg laufen, die wie ich aus der Türkei stammen und ihre Namen verhunzen. Ihre Vor- und ihre Nachnamen! Sie rollen das R nicht mehr, machen aus einem "ı" ein "i", dehnen Vokale und betonen falsche Silben.

Das nervt mich total! So sehr, dass ich inzwischen meinen Ärger nicht mehr für mich behalte. Ich verstehe nicht, warum Menschen türkischer Herkunft ihre Namen der deutschen Phonetik anpassen! In meinen Ohren klingt das nach Anbiederei. Das ist mir zu viel der Integration!

Was Namen und ihre Aussprache betrifft, da bin ich konservativ: Der Name ist ein wichtiger Bestandteil des Ichs und gehört zum kulturellen Erbe; deshalb sollte er nicht so einfach preisgegeben werden. Ich bin weder hier noch anderswo Amerikanern, Italienern, Franzosen oder Spaniern begegnet, die sich namentlich angepasst hätten.

Sicher, wir haben Namen, die sind wie Stolpersteine - etwa Karaahmetoglu oder Adısönmez – das bedeutet übrigens unauslöschlicher Name. Keine Frage: Es gibt Menschen, denen es massive Probleme bereitet, fremde Namen korrekt aussprechen. Ihre Lippen oder ihre Stimmbänder streiken bei bestimmten Buchstabenkombinationen - wie etwa bei 'czch'; so sehr sie sich auch anstrengen, sie verhaspeln sich.

Andere bemühen sich erst gar nicht - weil sie meinen, dass sich Zugezogene anzupassen haben. Und das eben auch mit ihren Namen. Es gibt zudem Menschen, die weder organisch blockiert noch ideologisch belastet sind. Sie sind einfach nur ignorant. Sie alle sollten die Chance bekommen, das Aussprechen klangvoller Namen zu lernen.

Mal ehrlich: Canan Topçu hört sich doch viel schöner an als Kanan Topku, oder? Oder eine Deniz bräuchte sich keineswegs hinter Denise zu verstecken.

Ich finde: Wir sollten Verständnis mit Einheimischen haben, denen die Aussprache unserer türkischen Namen Probleme bereitet. Wir sollten uns aber nicht anbiedern, sondern ihnen entgegenkommen. Das können wir, in dem wir unsere Namen richtig aussprechen und Eselsbrücken anbieten.

Ich stelle mich meist so vor: Canan Topçu, das C ist so wie bei Gianna und das Tsch in Topçu wie bei Tschechoslowakei. - Und jetzt können Sie mir nachsprechen: Canan Topçu! Geht doch, oder?

Canan Topçu (Christoph Boeckheler)Canan Topçu (Christoph Boeckheler)Canan Topçu, 1965 in der Türkei geboren, lebt seit 1973 in Deutschland. Sie studierte Literaturwissenschaft und Geschichte, absolvierte ein Volontariat bei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung und war zwölf Jahre Redakteurin bei der Frankfurter Rundschau. Sie ist auf Themen rund um Migration, Integration und Islam spezialisiert und arbeitet nunmehr als freiberufliche Journalistin. Zudem ist sie an der Hochschule Darmstadt im Fachbereich Media als Dozentin tätig.

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