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Profil / Archiv | Beitrag vom 18.11.2005

Zigeuner-Punk aus New York

Die Band Gogol Bordello erobert die Welt

Von Julia Wachs

Energie aus Wildost (AP Archiv)
Energie aus Wildost (AP Archiv)

Energie aus Wildost bringt eine Band in die New Yorker Szene. Sie heißt Gogol Bordello und mischt Punkmusik mit einem gewaltigen Schuss Zigeunerweisen. Die russischen und ukrainischen Musiker geigen, spielen und singen, dass sich die Balken biegen. Auf ihrer Europa-Tour kommen sie auch nach Deutschland.

Eine winzige Bühne in Manhattans Nachtclub "Roxy". Der Sänger springt mit der Schnelligkeit einer Heuschrecke und der Energie eines Kängurus umher. Er trägt Ringelshirt und Nietengürtel. Er heißt Eugene Hütz und hat die Figur von Mick Jagger und den Sex Appeal von Robbie Williams. Eugene Hütz will schockieren. Und so kann es schon mal sein, dass er sich an den Füßen aufknüpfen lässt und als menschliches Pendel Kopf voran durch die Basspauke donnert. Singend natürlich. Seine Fans lieben ihn dafür.

Mädchen kreischend: " Die sind so cool! Ich mag, dass die mit genauso viel Energie dabei sind wie wir. Ich will die ganze Zeit nur durch die Gegend springen. Diese Band und Publikum sind ganz anders als das, was man sonst in New York heute so hört. "

So exotisch Gogol Bordellos Musik auch für New Yorker Ohren klingt, sie konnte nur in einer westlichen Metropole wie New York entstehen: Slawische Immigranten besinnen sich auf ihre traditionelle Musik in Osteuropa, mit der sie bis dahin häufig nur wenig anfangen konnten:

" Die Musik ist autobiographisch. Ich komme aus einer Zigeunerfamilie, und obwohl wir nicht wie typische Zigeuner gelebt haben, hat die Musik immer eine große Rolle gespielt. Irgendwann habe ich dann Punkrock entdeckt. Ich habe immer nach einer Zigeuner-Punk-Band gesucht und sie nirgends gefunden."

Erst recht nicht in den Karpaten, 60 km von Kiew. Genau dorthin werden Eugene und seine Familie nach dem Ausbruch des Atomreaktors in Tschernobyl 1986 evakuiert. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs verlässt der 17-Jährige die Ukraine. Mitte der 90er Jahre kommt er in New York an.

Der Stadt, aus der seine Lieblingsgruppen stammen wie Suicide und Sonic Youth - und die seine Erwartungen zunächst trotzdem nicht erfüllt:

" Ich war so enttäuscht vom New Yorker Untergrund. Als ich in der Stadt ankam, gabs keinen mehr, ich hatte es nur mit alternden Rocklegenden zu tun, die ihre Ruhe haben wollten. Aus diesem Frust ist unsere Musik entstanden. Wir wollten einen neuen New Yorker Untergrund anschieben, so wie wir ihn uns vorgestellt haben. Und ich glaube, das ist uns gelungen."

Gogol Bordello existiert seit sechs Jahren. Angefangen hat die Band in einer kleinen bulgarischen Bar in China Town, in der sie wöchentlich die New Yorker Szene aufmischt. Mittlerweile ist Zigeuner Punk aber so hip, dass die Band zwei Mal im Jahr durch ganz Amerika und Europa tourt. Umschwärmt von Osteuropäern, die sich an zu Hause erinnert fühlen, und Amerikanern, die den Zigeuner-Punk einfach cool finden.

" In der Show geht es darum, all seine Energie loszuwerden. Wir machen so eine Art Supermusik. Wenn du dich vom Kronleuchter schwingen willst, weil du einfach total abdrehst, dann kannst du das tun."

Gogol Bordello ist Zigeuner-Punk in erster Linie, aber auch Cabarett, minimalistisch, direkt, beißend und manchmal brutal. Zugleich funktionieren Musik und Show der Band auch auf anderen Ebenen:

" Wenn Du lieber im Hintergrund bleibst und analysieren willst, welche verschiedenen kulturellen Aspekte dieser oder jener Song aufgreift, dann funktioniert das auch. Und wenn einen die literarische Seite interessiert – auch davon gibt’s genug."

Der Name Gogol Bordello ist Programm – der ukrainische Literat des 19. Jahrhunderts ist der Lieblingschriftsteller der Band.

" Gogol hatte das Pech, kein Sexleben zu haben. Deshalb habe ich mir gedacht, warum stecken wir ihn nicht in ein Bordell?"

Es ist die Kombination von Gegensätzen, mit der Gogol Bordello provozieren will. Kultur und Trieb. Slawische Weisen und Punk.

Eugene ist der beste Repräsentant seiner Musik: Auf der einen Seite sieht er tatsächlich wie ein Zigeuner aus - mit seinen Goldzähnen, der hellen Haut, den gemeißelten Gesichtszügen, dem Schnurrbart und dem Ring im Ohr. Und auf der anderen Seite hat er den Hang zum Exzess, die Lust auf Provokation und den muskelgestählten Körper eines Iggy Pop.

Die wilden Rhythmen sind durchzogen von melodischen, traurigen Weisen, Geigen- und Kontrabasssoli. Das ist mitreißend, aufregend und immer wieder überraschend. Gogol Bordello hat der Punkmusik eine neue, traditionell slawische Note gegeben.

Service:

Gogol Bordello kommt am 11. Dezember 2005 nach Berlin.

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