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Buchkritik

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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 07.08.2012

Zickzackkurs der Castro-Brüder

Michael Zeuske: "Kuba im 21. Jahrhundert", Rotbuch, Berlin 2012, 224 Seiten

Zeuske untersucht, welche Leistungen Kuba mit seiner autoritären Führung vorzuweisen hat.
Zeuske untersucht, welche Leistungen Kuba mit seiner autoritären Führung vorzuweisen hat. (picture alliance / dpa)

Der Lateinamerikanist Michael Zeuske versucht, in seinem Buch "Kuba im 21. Jahrhundert" eine Bilanz der Ära Castro zu ziehen. Er behandelt die Facetten der kubanischen Zeitgeschichte: die Außenpolitik, die Binnenwirtschaft und die gesellschaftliche Dynamik der Revolution.

Das Buch ist eine Fortschreibung, die aktualisierte und erweiterte Version eines früheren Werks des Historikers und Lateinamerikanisten Michael Zeuske: nach "Insel der Extreme. Kuba im 20. Jahrhundert", 2004 erschienen und inzwischen vergriffen.

Zeuske, Professor für lateinamerikanische Geschichte an der Uni Köln und Verfasser mehrerer Bücher über Kuba, unternimmt weniger eine politologische Analyse der kubanischen Gegenwart, wie der Titel nahelegt, sondern untersucht eher die Auswirkungen historischer Gegebenheiten und Entwicklungen auf das castristische Projekt.

Seit 1976, das ist sein Ausgangspunkt, existiert "auf der Antilleninsel eine nachrevolutionäre Gesellschaft unter schwierigen Bedingungen, zugleich der erste Sozialstaat Lateinamerikas". Damit setzt er sich deutlich von einer linken Mythologie ab, die in Kuba noch immer ein revolutionäres Modell erblicken will. In den 1970er-Jahren, so seine These, hat sich die Führungsriege um die Brüder Castro von ihrer revolutionären Mission verabschiedet und auf die Konsolidierung der kubanischen Gesellschaft hin gearbeitet.

Akribisch zeichnet Zeuske die Reformen, Gegenreformen, Anpassungen und Anstrengungen nach, die - zumal auf ökonomischer Ebene - langfristig einen klaren Zickzackkurs erkennen lassen. Und er untersucht kritisch und vielschichtig, welche Leistungen dieser Staat mit seiner autoritären Führung tatsächlich vorzuweisen hat. Fazit: Das Projekt ist ökonomisch und außenpolitisch völlig gescheitert. Geblieben aber ist derjenige Staat in Lateinamerika, der in Hinblick auf Bildung, Gesundheit, Egalität und Sicherheit die beste Bilanz für seine Bürger aufweist.

Der Sturz des Diktators Batista durch die Guerilleros um Fidel Castro - der sich bis 1961 weder für einen Kommunisten hielt noch sich als einen solchen bezeichnete - wäre nur ein Putsch unter vielen geblieben, so glaubt Zeuske, hätten die USA nicht überzogen auf die kubanische Agrarreform von 1959 reagiert.

Die sehr unterschiedlichen Kapitel dieses Buches sind eigentlich eigenständige Texte, die verschiedene Facetten der kubanischen Zeitgeschichte behandeln: die Außenpolitik, die Binnenwirtschaft; die gesellschaftliche Dynamik der Revolution - und etwas so Spezielles wie die Ernährungsproblematik unter besonderer Berücksichtigung der kubanischen Küche.

Vor allem bei letzterem Kapitel zu einem höchst interessanten und für die Zukunft - nicht nur Kubas - wichtigen Thema vermisst man eines besonders schmerzlich: das Lektorat! Wiederholungen, inhaltliche Sprünge und Ungereimtheiten machen die Lektüre trotz ihres hohen Informations- und Reflexionsgehalts gelegentlich mühsam.

Eine Zukunftsprognose für die Zeit nach dem absehbaren biologischen Ende der Ära Castro wagt Zeuske nicht - und ist doch sicher, dass es "keinen Zusammenbruch geben wird". Immerhin könne das Regime, wie er mehrfach schreibt, aber mit keiner Quelle belegt, auf etwa siebzig Prozent Zustimmung bei der im Land verbliebenen Bevölkerung zählen.

Besprochen von Katharina Döbler

Michael Zeuske: Kuba im 21. Jahrhundert. Revolution und Reform auf der Insel der Extreme
Rotbuch, Berlin 2012
224 Seiten, 14,95 Euro