Seit 13:30 Uhr Länderreport
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 13:30 Uhr Länderreport
 
 

Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 06.02.2015

Zerstörtes Kulturerbe in SyrienJähes Ende einer 1000-jährigen Blütezeit

Von Klaus Englert

Die größtenteils zerstörte Altstadt von Aleppo nach dem 22. Oktober 2014. (Uno/Unitar)
Die größtenteils zerstörte Altstadt von Aleppo nach dem 22. Oktober 2014. (Uno/Unitar)

Das Berliner Architekturforum Aedes lädt heute zu einer Tagung, um über Strategien für den Wiederaufbau der Altstadt von Aleppo zu beraten. Nicht das einzige gefährdete Weltkulturerbe in Syrien, das unser Interesse verdient, meint der Architekturkritiker Klaus Englert.

Das antike Apameia war einst eine der größten Städte der Menschheit. Hier lebten 500.000 Menschen, darunter 117.000 freie Männer, wie der römische Statthalter in der Spätantike schrieb. Die nordsyrische Stadt, eine Wiege west-östlicher Zivilisation, war von den unterschiedlichsten Kulturen geprägt.

Anfangs wurde Apameia vom griechischen Feldherrn Alexander dem Großen erobert, danach ins Seleukidenreich einverleibt. Die meisten Spuren finden sich aus der Zeit römischer Kolonialherrschaft: Denn immerhin 500 Jahre lang stand die syrische Großstadt unter römischem Einfluss.

Aber auch die Byzantiner und die nachfolgenden persischen Sassaniden haben die Entwicklung von Apameia beeinflusst. Insgesamt war es eine lange, sehr lange Geschichte, die Apameia bis zum Beginn der muslimischen Herrschaft seit dem 7. Jahrhundert prägte.

Erst seit den 30er- und verstärkt seit den 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts interessierten sich westliche Archäologen für die einst blühende Metropole. Doch diese Zeit ist vorbei. Noch vor drei Jahren forschten mehr als 100 ausländische und viele syrische Ausgrabungsteams in Nordsyrien. Entlang der zwei Kilometer langen römischen Säulenstraße Apameias legte man Schicht um Schicht frei, um der Stadt ihre Geheimnisse zu entlocken.

Unter langer, mühevoller Arbeit wurden römische Tempel und Bäder, Paläste und Kirchenbauten, Aquädukte und Stadtmauern, ein großes Theater und eine Agora vom Staub der Geschichte befreit, ebenso eine seleukidische Zitadelle und eine ottomanische Moschee.

Freies Schussfeld für die Panzer

Doch die Baudenkmäler Apameias, die von der 1000-jährigen kulturellen Blütezeit künden, sind jäh bedroht. Syrische Panzer wurden auf einem Hügel in Stellung gebracht. Granaten flogen über das Ruinenfeld und schlugen in der Zitadelle ein. Bulldozer brachen Öffnungen in die Mauern, um freies Schussfeld für die Panzer zu schaffen.

Nach den Verwüstungen durch die syrische Armee veröffentlichte die UNO Ende 2014 eine Untersuchung der syrischen Weltkulturerbestätten, gestützt auf Satellitenbilder. Allein in Apameia konnten die Forscher elf stark beschädigte Baudenkmäler ausmachen. Es ist zu befürchten, dass Gemäuer aus drei Jahrtausenden unwiederbringlich zerstört sind.

In Sekunden wird ein Kulturerbe zerschossen, für dessen Aufbau viele Generationen gearbeitet haben. Bewaffnete, organisierte Banden tun das übrige, indem sie nach unentdeckten Schätzen graben und das Raubgut im Ausland verscherbeln. Auf den Satellitenbildern sind große Raubgrabungslöcher erkennbar, der Boden Apameias ist durchlöchert wie ein Sieb.

Vernehmbarer Protestschrei

Als die Taliban im März 2001 die 2.500 Jahre alten Buddha-Statuen im afghanischen Bamiyan sprengten, ging durch die internationalen Medien ein allseits vernehmbarer Protestschrei. Heute sind nicht zwei Buddha-Statuen bedroht, heute sind im Kernland Assyrien 1800 archäologische Stätten von Kriegshandlungen direkt betroffen. Stätten, die von den wissenschaftlichen und künstlerischen Errungenschaften unserer Zivilisation künden.

Ist in diesen Tagen ein ähnlicher Protestschrei zu hören? Fehlanzeige. Die Medien berichten lieber von den technologischen Wunderdingen aus Silicon Valley, von Windows 10, von den allerneuesten i-Phones und Apps, von der angeblichen Revolution der Welt durch Larry Page.

Eines steht fest: Es wird die Arbeit künftiger Generationen von Forschern und Architekten bedürfen, um zu heilen, was noch zu heilen ist. Sie werden die Arbeit fortsetzen, die andernorts schon längst begonnen hat, in den ehemaligen Kriegszonen von Kabul (Afghanistan), Prishtina (Kosovo), Mostar (Herzegowina) oder Birzeit (Palaestina). Ob das eine Meldung in den Medien wert sein wird, steht in den Sternen.

(privat)Klaus Englert (privat)Klaus Englert, Architekturkritiker, schreibt für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" und den Hörfunk.

Er war Kurator der Ausstellung "Architektenstreit. Brüche und Kontinuitäten beim Wiederaufbau in Düsseldorf" (Stadtmuseum Düsseldorf) und der Wanderausstellung von "Neue Museen in Spanien".

Klaus Englert veröffentlichte die Bücher "Jacques Derrida" und "New Museums in Spain".

 

Informationen des Architekturforums Aedes zur Fachtagung "Die Altstadt von Aleppo − Strategien für den Wiederaufbau" am 6.2.2015 in Berlin

Mehr zum Thema:

Syrien - Massive Zerstörung von Kulturstätten
(Deutschlandfunk, Informationen am Morgen, 23.12.2014)

Syrienkonferenz - Kulturerbe in Trümmern
(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 21.1.2014)

Timbuktu - Der Wiederaufbau eines Weltkulturerbes
(Deutschlandfunk, Hintergrund, 1.2.2015)

Politisches Feuilleton

Flüchtlingspolitik"Wir haben das nicht geschafft!"
Ein Flüchtling schwent eine Deutschlandfahne in Idomeni an der Grenze zwischen Griechenland und Mazedonien. (dpa / Kay Nietfeld)

Zwei Sätze stehen für Angela Merkels Flüchtlingspolitik: "Wir schaffen das" hatte sie vor einem Jahr gesagt. Um jetzt hinterherzuschieben, am liebsten würde sie die Zeit "um viele Jahre zurückspulen". Dabei, so Islamwissenschaftler Fabian Köhler, müssten sich vor allem die Linken eingestehen: "Wir haben das nicht geschafft". Mehr

Lehren aus der TreuhandanstaltDie blinde Ideologie des Westens
Pressekonferenz der Treuhandanstalt  (picture alliance/dpa/Foto: Thomas Lehmann)

26 Jahre nach der Wiedervereinigung hat die Bundesregierung eine wissenschaftliche Untersuchung der Treuhand in Auftrag gegeben. Dabei ist eins der Ergebnisse schon klar, meint der Wirtschaftsjournalist Klaus Weinert: die Treuhandanstalt folgte einer blinden Ideologie.Mehr

Politische RhetorikAbscheu ist keine Lösung
Abscheu ist etwas Körperliches: Diese Frau ist angewidert von ihrem Getränk. (imago/Westend61)

Abscheu ist eine körperliche Reaktion auf etwas Widerwärtiges, ähnlich dem Ekel, und liegt damit im vorpolitischen Raum. Wer politische Positionen und Gegner verabscheut, verlässt den Raum der deliberativen Demokratie, meint der Journalist Alexander Kissler.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur