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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 26.02.2016

Zersplitterter KulturbegriffReden von Kultur ist Müll

Von Eberhard Straub

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Das Kunstobjekt «Behausung 6/2016» der Künstlerin Romana Menze-Kuhn steht in Mannheim in der evangelischen Philippuskirche.  (dpa/ picture-alliance/ Uwe Anspach)
Gefühlkultur, Esskultur, Körperkultur - für Eberhard Straub ist das viele Kulturgerede Müll. (dpa/ picture-alliance/ Uwe Anspach)

Praktische Ratschläge hätten sich zu ehrfurchtgebietenden Kulturbeschwörungen aufgeschwungen, die in den Kulturmüll gehörten. Denn sie würden eine sich auflösende Lebenskultur durch Redensarten ersetzen, beklagt der Kulturjournalist Eberhard Straub.

Im Lande der Willkommenskultur und der Leitkultur ist man sehr kulturbewusst. Alles, was der Mensch treibe, kultiviere ihn, vermutete Goethe. Seine guten Deutschen kultivieren hingegen alles, was sie treiben. Die alte cultura civilis vitae, die gefällige Lebenskultur des tätigen Mannes, lösten sie in mannigfache Sonderkulturen auf, die jeden Deutschen mittlerweile arg bedrängen.

Kultur pflegen, zugleich auf kritische Distanz halten

Er muss die Wohnkultur beachten, die Esskultur pflegen und darf die Trinkkultur nicht vernachlässigen. Der Subkultur soll er seine Aufmerksamkeit nicht entziehen und zur Hochkultur eine kritische geläuterte Distanz suchen. Der Buchkultur kann sich vorerst keiner vollständig entziehen.

Auf die Beziehungs- und Gefühlkultur hat sich jeder zu seinem ureigenen Wohle einzulassen. Der Körperkultur darf er den erforderlichen Dienst nicht versagen. Für die Kultur der Achselhöhle warb einst ein so genanntes Geschäft im Wien der dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Sie ist freilich so selbstverständlich geworden, dass auf ihren kulturellen Wert nicht mehr ausdrücklich hingewiesen werden muss.

Das enthebt aber niemanden der Mühe, zur Verfeinerung der Streitkultur beizutragen, damit sie nicht in eine Kultur des Hasses umschlage, was der politischen Kultur und der Gesprächskultur schrecklichen Schaden zufügen würde.

Konsum als kultivierende Absicht einer Drogerie

Deshalb ist eine Kultur der Zurückhaltung geboten und eine Kultur des Zuhörens. Beide helfen auch dabei, sich nicht unbedacht der Kultur der Verdrängung hinzugeben. Denn diese hält jeden auf, an das Ziel seiner wahren Bestimmung zu gelangen, zur Kultur der Humanität, die sich in der umsichtigen Konsumkultur vollendet: Hier bin ich Mensch, hier kauf ich ein. Ein Glück, welches eine Drogeriekette in humanistisch kultivierender Absicht verheißt.

Die Kulturträger haben - vollausgelastet durch dauernde Kulturarbeit - jeden Überblick verloren. Keine Kultur des Helfens entlastet sie oder bewahrt sie davor, Kulturzwängen zu erliegen. Sie könnten sich am besten entlasten, wenn sie den prall gefüllten Kulturbeutel in den Mülltonnen des Kulturbetriebes entsorgten, wohin er gehört.

Redensarten anstelle eine sich auflösenden Lebenskultur

All die ehrfurchtgebietenden Kulturbeschwörungen meinen doch nur praktische Ratschläge: Seid nett zu einander, wascht euch, lest ein Buch, esst nicht übermäßig, trinkt nicht zu viel, reißt Euch im Gespräch nicht moralisch die Kleider vom Leib, bleibt halt vernünftig.

Oder wie Goethe empfahl: "Vernunft sei überall zugegen, / Wo Leben sich des Lebens freut".

Das alles gehörte zur Lebenskultur, die sich indessen in heilloser Auflösung befindet. An ihre Stelle treten kulturelle Redensarten. Sie sind der Kulturkritik entzogen. Denn diese verleitet schnell zum lebensfeindlichen Kulturpessimismus.

Zu unserer offenen Gesellschaft gehören aber Optimismus und Lebensfreude und eben Kulturbemühungen, die solche Voraussetzungen fördern. Schließlich ist zumindest redensartlich Kultur nun einmal die Projektionsfläche unseres Wertehorizontes und als solche unverzichtbar. Alles klar?

Eberhard Straub (dpa / picture alliance / Uwe Zucchi)Eberhard Straub (dpa / picture alliance / Uwe Zucchi)Eberhard Straub, geboren 1940, studierte Geschichte, Kunstgeschichte und Archäologie. Der habilitierte Historiker war bis 1986 Feuilletonredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und bis 1997 Pressereferent des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft. Heute lebt er als freier Journalist in Berlin. Buchveröffentlichungen u.a.: "Die Wittelsbacher", "Drei letzte Kaiser", "Das zerbrechliche Glück. Liebe und Ehe im Wandel der Zeit" und "Zur Tyrannei der Werte".

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