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Fazit / Archiv | Beitrag vom 29.12.2012

Zeitungstode, Fernsehflops und Superstars

Ein Rückblick auf das Medienjahr 2012

Von Michael Meyer

Thomas Gottschalk hat es 2012 vorgemacht - Abschiede können auch Spaß machen.  (Clemens Bilan/dapd)
Thomas Gottschalk hat es 2012 vorgemacht - Abschiede können auch Spaß machen. (Clemens Bilan/dapd)

Das Medienjahr 2012 berührte, verführte und empörte: Thomas Gottschalk nahm Abschied und kam wieder und nahm noch einmal Abschied und kam noch einmal wieder. Horst Seehofer agierte hinter der Kamera und wurde auch dabei gefilmt. Und der Zeitungswald lichtete sich erheblich.

Christian Wulff: "Ich trete deswegen heute vom Amt des Bundespräsidenten zurück, um den Weg zügig für die Nachfolge freizumachen. "

Erinnern Sie sich noch? Gefühlte Jahre ist es her, dass Christian Wulff vom Amt des Bundespräsidenten zurücktrat. Und irgendwie sahen nach diesem Rücktritt alle derangiert aus: Wulff sowieso, aber auch die Politik und die Medien.

Auch Wulffs Frau Bettina machte in diesem aufgeregten Medienjahr keine gute Figur. Ausgerechnet eine Woche vor dem Erscheinen ihrer Memoiren, die natürlich auch die kritischen Wochen im Schloss Bellevue thematisierten, schlug Bettina Wulff zeitlich punktgenau getaktet gegen Günther Jauch und Google los: Sie fühle sich verleumdet, und der Suchmaschinenkonzern solle gefälligst die "Auto-Complete-Funktion" ändern - das ist jene Funktion, die Nutzern bestimmte Begriffe vorschlägt.

In Bettina Wulffs Fall erschienen nach ihrem Namen sogleich die unschönen Worte "Rotlichtmilieu" oder "Prostituierte". Google hat dann zwar einen Rückzieher gemacht, aber an zweiter Stelle erscheint noch heute der Begriff "Escort", und das meint ja doch dasselbe - nur auf etwas noblere Art. Auf jeden Fall hat die Ex-First-Lady einen guten Anwalt. Witze wie jene der Comedy-Frau Monika Gruber wären heute wohl nicht mehr möglich:

"Der Wulff hatte ja Steherqualitäten, die jeden Pornoproduzenten in Ekstase versetzen würden. "

Danach folgten noch Gags über Bettina Wulffs Vorleben, die wir hier nicht mehr wiederholen können. Monika Gruber selbst übrigens wird ihre Show "Leute, Leute" nicht mehr fortsetzen. Das ZDF konnte sich nicht über das künftige Konzept einigen. Alles in allem lief es für den Mainzer Sender in diesem Jahr aber richtig rund - ok, man muss über 300 Leute entlassen, weil die Gebührenkommission Sparen verordnet hat, programmlich ist das ZDF jedoch gut aufgestellt, gerade im Comedy und Unterhaltungsbereich. Die "heute show" wird beispielsweise überall gelobt - und selbst die verzweifelte Suche nach einem "Wetten, dass" - Nachfolger für Thomas Gottschalk ging schließlich gut aus:

Markus Lanz: "Ja, mein Name ist Markus Lanz, ich bin der Neue, schön, dass Sie da sind, freue mich sehr. "

Was wurde nicht alles geschrieben über Markus Lanz in diesem Jahr: Ist er zu verkrampft, zu locker, zu alt, zu jung, zu groß, zu klein - was auch immer. Unter dem Strich muss man aber festhalten: Das ZDF hat mit Lanz einen guten Fang gemacht, wenn man auf derlei launig-mainstreamige Shows und Talks steht. Ab einem gewissen Punkt ist das wohl auch Geschmackssache. Weniger Glück hatte in diesem Jahr die ARD:

Thomas Gottschalk: "Für die, die es nicht wissen, das ist die letzte Ausgabe von 'Gottschalk Live'. Und damit bin ich einer der wenigen Fernsehmoderatoren, die es geschafft haben, sich zweimal in einem halben Jahr von seinem Publikum zu verabschieden. "

Es wurde auch höchste Zeit, dass die ARD im Juni Gottschalk den Stecker seiner Vorabendshow rauszog: Was das Ganze überhaupt sollte, wissen allein die Programmplaner der ARD. Jedenfalls kann die "Rampensau" Gottschalk nicht ohne Aufmerksamkeit: Er heuerte danach kurzerhand bei RTL an, war da aber unglücklich, wie man hört, und will nun einmalig eine Sendung bei Bayern 3 Radio moderieren.

Irgendwie kündigte sich dieses Jahr der Herbst der Patriarchen an: Harald Schmidt legte seine gefühlte 17. Abschiedssendung bei SAT.1 hin - und sendet seitdem unter Ausschluss der Öffentlichkeit im Bezahlsender Sky. Und auch Horst Seehofer, seines Zeichens Bayerns Ministerpräsident, redete sich mal wieder in den Fettnapf - im Sommer sogar vor laufenden ZDF-Kameras:

Horst Seehofer: "Sie können das alles senden, was ich gesagt habe, weil ich wirklich entschlossen bin, dass wir da was ändern, und wir werdens ändern."
"Na das machen wir, wir nehmen Sie beim Wort."
"Machen's eine Sondersendung draus, also Servus, Wiederschauen, Danke, adé."

"Sie können das alles senden" wurde zu einer Art geflügeltem Wort, und das ZDF sonnte sich in einer Art heroischem Akt, das Nachgespräch gesendet zu haben, dabei hatte Seehofer nicht eine einzige heikle Bemerkung abgelassen, die er nicht schon im Hauptteil des Interviews von sich gegeben hatte. Aber klappern gehört eben zum Handwerk.

Da wir schon dabei sind: Das journalistische Handwerk wurde in diesem Jahr stark bedroht: Nicht nur, dass weltweit so viele Journalisten in Ausübung ihres Berufes umgekommen sind wie seit 1995 nicht mehr und in Deutschland so viele Journalisten entlassen wurden wie kaum in einem Jahr zuvor: Die Agentur dapd, das Stadtmagazin Prinz, die Wochenzeitung Der Freitag, die Frankfurter Rundschau und die Financial Times sind die prominentesten Namen auf der Liste jener Unternehmen, die dichtmachen oder stark abspecken müssen:

"Das war das Härteste, was ich in meinem Leben seit langem erlebt habe."
"Es ist schade, dass diese Stimme verstummen wird. "
"Wir wussten nicht, was mit uns ist, wir wussten, es wird nachgedacht, wir haben das dann häppchenweise aus den Medien erfahren, das war schon ärgerlich, mit uns hat keiner richtig geredet."

So ehemalige Mitarbeiter der "Financial Times Deutschland". Seit Anfang der Dezember ist damit eine weitere Zeitungsstimme verstummt. Doch manchmal gibt es auch in den Verlagen vernünftige Entscheidungen: Der "Bonner General-Anzeiger", der allen Ernstes den irrwitzigen Plan hatte, sein Berliner Büro zu schließen, hat die Entscheidung zurückgenommen - die drei Mitarbeiter dürfen bleiben. Lieber Gott, lass Weisheit regnen, in den Verlagen und in den Sendern.

Das wünsche ich mir fürs nächste Jahr auch für Italien, und damit kommen wir auf den Anfang zurück: Politiker und ihre Affären, die medial ausgeschlachtet werden. Denn: Berlusconi steht mal wieder ante portas und will in die Politik zurück. "Mamma mia" kann man da nur mit Ex-Ministerpräsident Berlusconi anstimmen, der ja mal Schlagersänger auf Schiffen war.

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