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Kulturpresseschau

Aus den Feuilletons"Der Hass zeigt seine Fratze“
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Fazit / Archiv | Beitrag vom 30.11.2012

Zeig mir deine Zähne

Die beklemmenden Mensch-Maschinen von Andreas Fischer werden in Köln gezeigt

Von Anette Schneider

Das Museum Ludwig in Köln
Das Museum Ludwig in Köln (museenkoeln.de)

Der in Düsseldorf lebende Künstler Andreas Fischer entwirft kleine und große Maschinen, die es in sich haben. Im Museum Ludwig in Köln sind sie zu sehen und zu hören.

"Der Rabe raucht und raucht und raucht. Der Rabe raucht. Er raucht die ganze Nacht. Der Rabe raucht und raucht und raucht, die ganze Nacht!"

"Das Rabenrohr" besteht aus einer mit Papier überklebten Pringelsrolle, die an einem Stock befestigt ist. Durch lange Drähte mit der Wand und einem kleinen Motor verbunden, bewegt sich die Rolle aufgeregt hin und her. Je mehr sie sich dabei in Rage redet, desto energischer stößt sie mit dem Stock auf den Boden – und nervt!

In einem klaustrophobisch anmutenden Kabuff, von denen Andreas Fischer einige in die Ausstellungsräume baute, stehen sich zwei übermannshohe Metallständer gegenüber. Oben galgenförmig abknickend, schlagen sie mit harten Plastikstücken aufeinander ein.

Andreas Fischer: "Die hauen sich dann auch so richtig die Lappen um die Ohren, ne. Das ist so ein lauter und leiser werdendes Streitgespräch, was man nicht wirklich entziffern kann."

Wie wir es aber wohl alle kennen.

Andreas Fischer, 1972 in München geboren, baut kleine und große Maschinen aus Müll. Fahrradspeichen, Metallhaken, Mixer, Helme, Lampen, Fahrradbremsen, Sperrholzplatten – nichts, was nicht Verwendung finden würde. Oft sehen die Ergebnisse so schedderig und instabil aus, als würden sie gleich wieder in ihre bis zu 500 Einzelteile zerfallen. Doch nähert man sich ihnen, erweckt ein Bewegungsmelder die mit ausgeklügelter Technik versehenen Maschinen zum Leben.

Kuratorin Jasmina Merz: "Alle Arbeiten vollziehen eine Handlung. Die haben alle eine Agenda. Die verfolgen irgend etwas. Der eine teilt etwas mit, der andere versucht, eine Flagge zu winken, der andere wartet. Aber letztlich wird die Geschichte nie aufgelöst. Also es kommt nie zum finalen Durchbruch."

Das kann witzig sein, berühren oder anekeln wie in der Arbeit "A good Deal": In einem winzigen Raum hängt über Kopf ein Sessel von der Decke. Er mutiert zu einem suggestiven Politiker oder Sektenführer, der verspricht, Angst in Liebe zu verwandeln. Natürlich gegen Bezahlung: "Your time is my Rolex"...

Andreas Fischer: "Ich glaube, es gibt auch aus den fatalsten Angelegenheiten Auswege. Eigentlich versuche ich, mich eher an die positiven Geschichten zu halten, die mich ausmachen, und über eine Übersetzung dieser Geschichten zur Arbeit zu kommen. Aber um die negativen Sachen kommt man einfach nicht drumrum. Die kommen. Die sind halt stark genug. Da braucht man sich aber auch keine Sorgen zu machen. Die kommen dann von selber und kommen dann auch dran, ne."

In einem aufgebockten Guckkasten hängt links ein Helm, dessen Vorderfront mit einem schwarzen Tuch verdeckt ist. Dort hinein stößt von rechts ein großer Eisenhaken, wieder und wieder. Dazu ätzt eine Stimme:

"Zeig mir deine Zähne, zeig mir doch deine Zähne."

Andreas Fischer: "Ein Drama zwischen eigentlich ebenbürtigen Kontrahenten. Der eine wartet halt noch ab, der andere fordert ihn heraus. Er lässt wahrscheinlich ziemlich viel mit sich machen. Aber stille Wasser sind tief. Ich weiß nicht, wer hier der Gefährlichere ist."

Je länger man diesen Mensch-Maschinen zusieht, desto beklemmender wirken sie. Ihre zwanghaft wiederkehrenden Bewegungsabläufe und die immer aggressiver werdenden Stimmen verursachen Unbehagen. Es ist, als führten sie vor, was diese Gesellschaft mit uns und aus uns macht: Wie uns verinnerlichte Normen zu immer gleichen Handlungen führen, aus denen es angeblich kein Entkommen gibt. Wie uns gesellschaftliche Zwänge einengen, zurichten, aggressiv machen.

Einem Gewehr gleich lagert ein langes Kupferrohr auf einem wackeligen Metallständer. Ein Plastikgehäuse dient als Zielfernrohr, vor dem ein kleiner Metallhaken nach Kugeln greift, die aufgereiht wie an einem Rosenkranz an dem Kupferrohr hängen. Gleichzeitig beschwört eine Stimme:

"Wird’s bald. Oder wird’s doch nicht. Es wird doch. Wird’s bald. Na, wird’s bald."

Immer fordernder wird die Stimme, als solle noch dem Letzten ins Hirn gebrannt werden, dass Krieg lediglich Politik mit anderen Mitteln sei. So gehen die Zwänge, geht die menschliche Zurichtung immer weiter. Oder doch nicht?

Andreas Fischer: "Das ist dann die Frage: Ob das Gebetsmühlenhafte irgendwann ein Ende hat, oder nicht. Ob eine Auflösung kommt oder nicht. Manchmal spielt man halt damit, ob das Ende offen oder der Ofen aus ist."

Und gibt es da nicht auch versteckte Zeichen? Muten nicht die engen Kabuffs an wie Aufrufe zum Ausbruch? Schließlich bestehen die dicken Mauern nur aus Styropor! Verweigert da nicht irgend jemand trotz des immer wieder beschworenen "Wird’s bald!" das Schießen? Was also hindert uns, auszubrechen aus diesen Verhältnissen?

Informationen des Museums Ludwig zur Ausstellung "Maschinen. Your Time Is My Rolex"