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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 02.04.2014

ZeichnungenSelfies mit Feder, Tusche und Buntstift

Sebastian Lörscher: "Making Friends in Bangalore"

Von Pieke Biermann

Eine Zeichnung aus dem Buch "Making Friends in Bangalore" von Sebastian Lörscher (Sebastian Lörscher/Edition Büchergilde)
Eine Zeichnung aus dem Buch "Making Friends in Bangalore" von Sebastian Lörscher (Sebastian Lörscher/Edition Büchergilde)

2011 ging Sebastian Lörscher in die indische IT-Metropolo Bangalore, setzte sich auf die Straße und fing an - zu zeichnen. In explodierenden Buntstiftfarben oder schwarzen Federstrichen hat er so eine Hochzeit, eine muslimische Selbstkasteiungsorgie und Alltagsszenen eingefangen.

Von Reisen in ferne Länder zu erzählen hat eine stolze Tradition. Über Jahrtausende hat Europa seine Welt-Anschauungen aus Schriften von Reisenden generiert: Viele waren im Kriegs- oder Handelsauftrag unterwegs, manche als kriegsgebeutelte Schelme, manche als forschende Doppelgenies wie Georg Forster oder Alexander von Humboldt, die auch einen immensen Bilderschatz mitbrachten. Aber das ist ewig her. Inzwischen sind selbst Kameras fast antik, fluten Smartphones überall und jederzeit die Welt mit Selfies: Bildern von irgendeinem Ich irgendwo. Oft zufällig und besinnungslos.

Sebastian Lörscher macht, könnte man sagen, Selfies mit Feder, Tusche und Buntstift. Auch überall und jederzeit, aber nie besinnungslos. Dabei war er 2011 zufällig einen Monat lang nach Bangalore geraten – in eine südindische IT-Boomtown mit 8,5 Millionen religiös, ethnisch, kastenmäßig gemischten Einwohnern. Hier prallen Atavismen und modern times ohne Knautschzone aufeinander und wird noch immer mit der – rechten! – Hand gegessen. Lörscher erzählt auch vom eigenen Zusammenprall mit all dem, staunend, mit Sinn für Witz und sich selbst als zeichnende – linke! – Hand reflektierend und ironisierend.

Ein erstaunliches Buch

"Friends in Bangalore" ist nicht nur wegen des vermeintlich obsoleten Werkzeugs ein erstaunliches Buch: eine Mischung aus skizzierten Szenen und Personen, Porträts mit Namen und ganzen mehrseitigen Bildergeschichten über mehrere Seiten, fast konventionell mit Sprechblasen in Englisch und Hindi. In explodierenden Buntstiftfarben oder knappen schwarzen Federstrichen auf faksimilierten, nummerierten Seiten des großen roten Skizzenbuchs. Lörscher zeichnet, was er sieht, und kriegt so immer mehr zu sehen.

Dass sich ein Weißer aus Germany einfach auf die Straße setzt und los legt, zieht die Leute an, und sie ziehen ihn umgekehrt in ihre Wirklichkeit(en): eine Hindu-Heirat, eine muslimische Selbstkasteiungsorgie, zu fünf irakischen Gaststudenten, die von deutschen Fußballklubs schwärmen und lieber in Deutschland wären – wegen Merkel und Hitler. Oder auf das Moped der punkigen Filmstudentin Rucha, die ihm mit schlagkräftiger Unterstützung von Polizisten eine kaputte Hand einbrockt. Die Ärzte trösten ihn, es sei ja zum Glück nicht die Esshand – fortan klemmt der Stift auf den Bildern in einer bandagierten Hand.

Studium an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee

Wie viele der in den 1980ern geborenen neuen visuellen Erzähler kommt auch Sebastian Lörscher aus der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Dort lehrt Nanne Meyer nach dem Leitsatz: "Als Zeichner hat man es stets mit drei Welten zu tun: der wirklichen, der im Kopf und der auf dem Papier. So gesehen ist Zeichnen ein Übersetzungsvorgang. Zeichnen heißt also immer auch, seine Haltung zur Welt transparent zu machen, Stellung zu beziehen."

Genau das tut Lörscher. Immer wieder macht er das erzählende Ich in den Bildgeschichten sichtbar – dezent, reduziert auf die Funktion, als tätige Hand, als "Kameraperspektive". So gesehen ist seine erste Graphic Journey auch an Hommage an seine Lehrerin.

 

Belletristik: Sebastian Lörscher: Making Friends in Bangalore
Edition Büchergilde, Frankfurt/Main 2014
144 Seiten, 21,95 Euro

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