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Thema / Archiv | Beitrag vom 06.08.2013

Zeichen der Medienevolution

Medienforscher zum Kauf der "Washington Post" durch Amazon-Gründer Jeff Bezos

Lutz Hachmeister im Gespräch mit Frank Meyer

Der Publizist und Medienforscher Lutz Hachmeister (picture alliance / dpa /Erwin Elsner)
Der Publizist und Medienforscher Lutz Hachmeister (picture alliance / dpa /Erwin Elsner)

Der Kauf der "Washington Post" wird dem Amazon-Gründer Jeff Bezos nur etwas bringen, wenn er an die journalistische Qualität des Blattes anknüpft, meint der Medienforscher Lutz Hachmeister. Er erwartet, dass die künftige Online-Strategie des Blattes außerordentlich interessant wird.

Frank Meyer: Reporter der Zeitung "Washington Post" haben in den 70er-Jahren den Watergate-Skandal ins Rollen gebracht, die "Post" hat im politischen Leben der USA immer wieder eine große Rolle gespielt, vor Kurzem hat die Zeitung gemeinsam mit dem britischen "Guardian" als Erste über das NSA-Überwachungsprogramm Prism informiert. Jetzt hat die Besitzerfamilie die Zeitung verkauft, an den Gründer des weltweiten Online-Händlers Amazon Jeff Bezos. 250 Millionen Dollar hat er dafür bezahlt. Wir reden über diesen Verkauf mit Lutz Hachmeister, Professor für Journalistik an der Uni Dortmund. Grüße Sie, Herr Hachmeister!

Lutz Hachmeister: Ich grüße Sie!

Meyer: Welche Bedeutung hat denn die "Washington Post" heute aus Ihrer Sicht, ist das immer noch eine ganz entscheidende Stimme in der amerikanischen Politik?

Hachmeister: Ja und nein. Es haben sich natürlich im Internet Plattformen herausgebildet wir POLITICO, es gibt eine sehr weit verstreute Informationslandschaft für politische Insider in Washington. Also, diese Alleinstellung, die die "Washington Post" einmal hatte, die ist sicher verlorengegangen. Aber es ist immer noch eine sehr renommierte und stark beachtete Marke, das ist sicher.

Meyer: Wir haben schon öfter gehört, dass die Zeitungen in den USA große wirtschaftliche Probleme haben, aber wie war das bei der "Washington Post" in letzter Zeit, war die in einem besonders schweren Fahrwasser?

Hachmeister: Ja, man muss unterscheiden zwischen dem Mutterunternehmen, der Washington Post Company, das eigentlich profitabel ist, weil es sehr viel Geld mit Bildungsangeboten macht, und der Zeitung an sich, die einfach fortlaufende Verluste schreibt. Und in dieser Situation hat sich die Eigentümerfamilie Graham dann entschlossen, den Verlustbringer – das betrifft nicht nur die "Washington Post", sondern auch noch mehrere andere Blätter, die in der Washington-Post-Gruppe zusammengefasst waren – zu verkaufen.

Meyer: Spiegel Online berichtet heute, dass die "Washington Post" schon ziemlich weit war auf dem Weg in eine auch digitale Zukunft, dass die Redakteure dort für die Print- und für die Online-Ausgabe gearbeitet haben, dass beide Ausgaben, digital und Papier, gemeinsam gesteuert wurden, dass auch ein Bezahlmodell schon existierte für das Online-Angebot. Und man fragt sich: Hat die Zeitung da Fehler gemacht beim Weg in die digitale Zukunft?

Hachmeister: Ja, das müsste man im Einzelnen genauer untersuchen. Es ist sicherlich eine Zeitverzögerung eingetreten, das trifft aber auf fast alle Verleger der Welt zu, dass sie die überrollende Macht des Internets nicht erkannt haben und ihre Inhalte zu lange frei verkauft haben an die Konkurrenz im Grunde, und dazu gehörte ja auch in solches Unternehmen wie Amazon, das einfach das Netz ganz anders nutzen konnte. Man muss ja auch kritisch anmerken, dass Amazon seine Umsätze macht durchaus mit dubiosen Praktiken der Anstellung von Verpackern und schlecht bezahlten Leuten, dadurch macht man einen hohen Gewinn und den kann man offensichtlich dann privat investieren, wie Jeff Bezos das jetzt getan hat, um sich so als Trophäe eine Zeitung zu kaufen wie die "Washington Post".

Meyer: Er hat 250 Millionen Dollar investiert für diese renommierte Zeitung. Wie sehen Sie das, ist das ein angemessener Preis?

Hachmeister: Also, was den Markenwert anlangt, könnte man sagen, es ist zu niedrig. Was man daraus machen könnte, auch unter dieser Marke "Washington Post", was man damit noch alles im Internet anstellen kann, das muss Jeff Bezos jetzt auch zeigen. Was die reale ökonomische Situation anbelangt, das wird von Betriebswirtschaftlern ausgerechnet und der Preis wird schon stimmen. Man muss sich vorstellen, dass "The Boston Globe" ja noch von der "New York Times" in der vergangenen Woche oder vor zwei Wochen noch für einen wesentlich niedrigeren Betrag verkauft wurde. Also, wenn man mal die Privatvermögen dieser ersten Generation von Internetunternehmern nimmt und den Verkaufspreis dieser Zeitung, dann erschrickt man schon etwas.

Meyer: Jeff Bezos soll irgendetwas über 20 Milliarden Dollar besitzen, da ist das ein Taschengeld, das er jetzt auf den Tisch gelegt hat.

Hachmeister: Ja. Gut, die 20 Milliarden sind zum Teil angelegt in Amazon, das ist mit Sicherheit kein Barvermögen oder Immobilienvermögen, aber das trifft ungefähr zu. Aber man sieht, er könnte auch die "FAZ" und die "Süddeutsche", also, im Prinzip könnte er mit diesem Vermögen so fast alle renommierten deutschen Zeitungen auch noch dazu kaufen, ohne dass es ihn großartig belasten würde. Wenn er Interesse daran hätte!

Meyer: Jetzt fragen sich natürlich alle, was will Jeff Bezos wohl mit dieser "Washington Post", was hat er vor! Was denken Sie?

Hachmeister: Die meisten Kommentatoren gehen ja davon aus, dass es wirklich eine Art von Hobby ist, eine Art von Trophäe. Er zeigt, ich bin nicht nur der Parvenü, der sein Geld mit einer Art erweiterten Versandhandel macht, sondern ich habe wirklich Interesse an gedruckten Werken, ob Bücher oder Zeitungen, und insofern leiste ich mir einfach die "Washington Post". Ich denke, das ist eine richtige Einschätzung. Auf der anderen Seite kann man seiner Kreativität oder der Kreativität im Unternehmen auch sicher zutrauen, dass man aus dieser Marke im Netz doch mehr macht, als es die "Washington Post" bisher alleine hinbekommen hat.

Meyer: Deutschlandradio Kultur, wir reden mit dem Journalistikprofessor Lutz Hachmeister über den Verkauf der "Washington Post" an den Amazon-Gründer Jeff Bezos. Der hat sich vor wenigen Monaten erst geäußert in einem Interview mit der "Berliner Zeitung" zur Zukunft des Journalismus und der Zeitung, und er hat da gesagt, in 20 Jahren wird es keine gedruckten Zeitungen mehr geben. Er hat aber auch gesagt, der Journalismus wird nicht verschwinden. Wenn Sie jetzt auf seinen Zeitungskauf schauen, was schlussfolgern Sie daraus? Hat er vielleicht vor, eine Art digitales Medienunternehmen da aufzubauen?

Hachmeister: Im Prinzip sicherlich, das ist die Sphäre, aus der er kommt und in der er auch bleiben wird. Nun darf man in der Mediengeschichte und in der Medienevolution bestimmte Resistenzen nicht unterschätzen. Also, manche Medien und manche Medienformen leben länger, als die Untergangspropheten dann annehmen. Es gibt diese Luxusprodukttheorie, dass sich die Zeitung eigentlich in Richtung der Schweizer Luxusuhren entwickeln wird, teurer wird und nur noch für eine Klientel existiert, auf Papier eben, die sie sich leisten kann, dann aber auch wahrscheinlich mit noch mehr journalistischen Investitionen. Also, da ist das Spiel im Moment offen. Man darf auch nicht vergessen, dass natürlich die auf Papier gedruckte Zeitung ein künstliches Produkt in der Medienevolution ist, auch sie ist einmal entstanden aus einer bestimmten Entwicklung, historischen Entwicklung heraus und natürlich kann sie – und danach sieht es jetzt aus – auch ihre Dominanz an andere Medienformen abgeben. Das ist kein besonders dramatischer Prozess, wenn man die geschichtliche Dimension nimmt.

Meyer: Nun ist Jeff Bezos ja nicht irgendwer, er hat ja mit seinem Amazon-Unternehmen auf dem amerikanischen Buchmarkt eine marktbeherrschende Stellung erreicht, er hat den Durchmarsch zum Quasimonopolisten geschafft, das hat die "Zeit" vor Kurzem geschrieben. Wenn so ein Mann in den Journalismus einsteigt, macht Ihnen das eigentlich Sorgen, wenn Sie so auf Monopolstellungen schauen?

Hachmeister: Natürlich ist es einem lieber, wenn journalistische oder publizistische Unternehmen aus sich selbst heraus existieren können und auch die Gründerfamilien in diesem berühmten Spagat zwischen Ökonomie und Journalismus eigene Traditionen aufbauen können und das möglichst lange durchhalten. Auf der anderen Seite hat es in der Zeitungsgeschichte so viele wechselnde Eigentümer von Zeitungen gegeben, denken Sie an Hugenberg und die Situation nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und in der Weimarer Republik. Das ist keine Ausnahmesituation, dass ein Branchenfremder, nennen wir ihn mal so, Unternehmer wie Jeff Bezos sich eine Zeitung zulegt. Der "Boston Globe" ist ja von dem Besitzer vom 1. FC Liverpool gekauft worden, also, der hat sich auch noch zusätzlich einen Fußballverein zugelegt. Wer das Geld hat, kann im Moment Zeitungen einfach günstig kaufen!

Meyer: Wir haben mal überlegt hier in der Redaktion, gerade in dieser Verbindung, Amazon und Zeitung, was könnte man da machen. Und wenn man sich zum Beispiel mal überlegt, Amazon macht ja im Moment massiv Werbung für seine Kindle-Lesegeräte, davon sind schon einige Millionen verkauft worden, wenn man sich jetzt mal vorstellt, Jeff Bezos lässt die "Washington Post" als Gratis-Zeitung an alle seine Kindles schicken, dann haben die anderen Zeitungen doch ein echtes Problem!

Hachmeister: Ja, das ist ein interessantes Modell, das Sie nennen, das ist sicherlich vorstellbar, dass man es stärker an die Hardware, die man dann auch noch selbst vertreibt, koppelt. Zum anderen, denken Sie an die doch sehr renditeträchtigen "Washington Post"-Operationen im Bildungswesen, man könnte mit dem gigantischen Archiv der "Washington Post" doch durchaus Dossiers erstellen, spezialisiertere Dienstleistungen anbieten, das mit Beratungsleistung koppeln. Also, all das ist möglich, und ich denke, darüber denken Bezos und seine Berater auch nach.

Meyer: Sie haben das selbst schon angesprochen: Es gab ja in der jüngsten Zeit eine Menge Zeitungsverkäufe, eben die "Boston Globe", das Traditionsblatt "Boston Globe" wurde verkauft, das Wochenmagazin "Newsweek", Rupert Murdoch hat seine Zeitungsbeteiligungen umsortiert, und in Deutschland natürlich der Fall Springer, "Hamburger Abendblatt" und "Berliner Morgenpost" verkauft. Diese vielen Zeitungsverkäufe, müssen wir die sehen als ein Zeichen eben für die tiefe Krise des Zeitungsgeschäfts?

Hachmeister: Also, Krise des Zeitungsgeschäfts ist vielleicht noch zu gering gegriffen. Es ist einfach ein Sprung in der Medienevolution, den wir im Augenblick erleben, da hat es ja auch schon mehrere gegeben, den man einfach als solchen auch akzeptieren muss. Die Zeitung ist aus etwas heraus entstanden und die elektronische Kommunikation, die digitale Kommunikation entsteht auch aus etwas heraus. Und das würde ich gar nicht kulturkritisch bewerten. Die andere Frage ist, was wird aus dem unabhängigen Journalismus als Dienst an der Gesellschaft oder als treuhänderische Arbeit für eine offene Gesellschaft, da muss man auch kritische Fragen an den Journalismus selbst stellen. Also, wenn die Aufdeckung der Tatsache, dass die NSA umfassend überwacht, als eine journalistische Großtat gewertet werden kann, dann brauche ich diesen Journalismus nicht unbedingt. Ich habe nichts dagegen, dass die Geschichte eines Whistleblowers über einen amerikanischen Geheimdienst groß aufgemacht wird, aber das hat uns nicht wirklich überrascht! Also, im Journalismus fehlt doch sehr stark für viele Leser und viele Nutzer das überraschende Instrument, es werden häufig Dinge publiziert oder öffentlich gemacht, die man schon längst weiß im Grunde. Also, da hat der Journalismus als Berufsstand und auch als Teil von Medienunternehmen sehr viele Fragen an sich selbst zu stellen, das kann man nicht immer nur auf Krisen und die Medienevolution schieben.

Meyer: Aber können Sie sich vorstellen, dass – um zur "Washington Post" zurückzukommen –, dass ein Unternehmer wie Jeff Bezos den Journalismus in eine gute Richtung voranbringt mit dieser Investition?

Hachmeister: Ich kann mir das schon vorstellen, weil, wenn die Marke überhaupt als journalistische Marke erhalten bleiben soll, dann müssen natürlich auch entsprechende journalistische Leistungen erbracht werden, die an die Tradition der "Washington Post" anknüpfen. Also, sobald der Markenwert zerstört ist und davon entkoppelt wird durch, sage ich jetzt mal, schlechten Journalismus, ist die Marke auch für Jeff Bezos nichts mehr wert.

Meyer: Eine der berühmtesten Zeitungen der Welt wird verkauft, die "Washington Post", an den Gründer von Amazon, Jeff Bezos. Darüber haben wir mit dem Medienforscher Lutz Hachmeister gesprochen. Ganz herzlichen Dank für das Gespräch!

Hachmeister: Bitte sehr!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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US-Zeitung "Washington Post" wechselt Besitzer

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