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Tonart | Beitrag vom 23.04.2015

Zehn Jahre YouTubeDie Popindustrie auf den Kopf gestellt

Von Laf Überland

Der Stuttgarter Musiker, der als Rapper Cro bekannt ist und mit Vornamen Carlo heißt, steht am Dienstag (12.06.2012) mit seiner Panda-Maske auf dem Dach seines Büros in der Stuttgarter Innenstadt. (Bernd Weißbrod / dpa)
Bekannt wurde der Musiker Cro bei Youtube mit dem Hit "Easy". (Bernd Weißbrod / dpa)

MTV und Viva sind passé, das wichtigste Medium für Künstler und die Popkultur ist heute YouTube. In den letzten zehn Jahren hat sich die Videoplattform gemausert - und sogar eigene Stars hervorgebracht.

Es gibt keinen Zweifel: YouTube hat den Konsum von Musik demokratisiert. Für Musiker ist die Video-Plattform dabei eine wichtiger Kanal, um direkt das Publikum zu erreichen – und noch dazu einer, der jedem Musiker auch ohne Plattenfirma zur Verfügung steht.

Das ist Axel Fischer aus Bad Oldesloe in Schleswig-Holstein, er ist 33, nennt sich Partypilot und bespaßt auf Mallorca Touristenmassen: Und weil er sich mit Social Media auskennt, ist er der erste Schlagersänger, von dem ein Musikvideo mehr als zehn Millionen Mal bei YouTube angesehen wurde.

Nun ja, die Geschmäcker sind so verschieden wie die Mentalitäten, und genau darin liegt ein Vorteil von YouTube: der so genannte Long Tail – dass also übers Netz irgendwann alles seine Abnehmer findet, auch beim Fan am Ende der Welt. Denn das weltweite YouTube hat das weltweite MTV abgelöst, das in den 90er-Jahren beinahe exklusiv für die globale Verbreitung der aktuellen Popkultur verantwortlich war. Jetzt ist das Videoportal das Zentrum der Popwelt.

"Dort werden die Musiken als allererstes gesucht, die es gibt: Nicht umsonst ist ja auch YouTube die zweitgrößte Suchmaschine nach der Google-Suchmaschine. Und da wird halt meistens nach Musik gesucht. Die Videos, die bis heute die allermeisten Views hatten, sind glaube ich auf den ersten zehn Plätzen - mindestens acht, wenn nicht gar zehn - Musikvideos."

Das erläutert Matthias Krebs, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim DigiMediaL_musik-Projekt der Berliner Universität der Künste: Dort bringt er angehenden Musikern bei, wie man über soziale Medien mit dem Publikum kommuniziert.

"Ganz wichtig ist ja auch bei YouTube, durch die Kommentare und die Möglichkeiten zur Interaktion mit dem Musiker in Kontakt zu treten. Und das unterschätzen ganz viele Musiker."

Die stellen einfach nur plakativ ihr Video ein und das war's. Aber viele Nutzer konsumieren zwar zunächst einfach mal das Video, doch wenn sie sich für die Musik interessieren, dann werde das vergleichbar mit der Auseinandersetzung mit dem Album, wo das Booklet durchgelesen wurde...

"Das kann jetzt bei YouTube genau so stattfinden, indem dann halt die Videobeschreibung genauer gelesen wird, die Links auf die eigene Webseite, indem sich in den Kommentaren mit anderen Fans ausgetauscht wird, was an der Musik gelungen ist und was nicht und was vielleicht gewünscht wird, dass es endlich auch mal live aufgeführt wird und so weiter und so fort..."

Nicht mehr das Wunderland der 1000 Möglichkeiten

Aber inzwischen ist auch YouTube nicht mehr das Wunderland der 1000 Möglichkeiten, in dem man nur wie Aladin am richtigen Touchscreen reiben muss und schon tut sich das Land voll Milch und Honig auf.

Bis Musikvideos wie der Gangnam Style auf YouTube mehr als zwei Milliarden Mal angesehen wurden, war es ein langer Weg. Vor acht, neun Jahren warf das YouTube-Phänomen, wie man den Effekt nannte, noch einen exotische Nimbus auf die plötzlich berühmten Künstler: erstaunliche Collegebands, die in ihren Kellern mit der geliehenen Videokamera draufhauten, und erstaunlich viele Liedermacherinnen, die ihre vertonte Lyrik der Welt vorspielen konnten. Aber nachdem man sich völlig an die Dauer-Videotapete gewöhnt hat, gehört inzwischen viel Glück und Arbeit dazu, in der Masse der YouTube-Videos noch aufzufallen - geschweige denn berühmt zu werden.

Eine wichtige Funktion haben dabei die YouTube-Nutzer, die das riesige Archiv durchforsten, Kanäle und Playlists anlegen, so dass man recht schnell hawaiianische Ukulelespielerinnen findet – oder Frauen, die Jimi Hendrix auf dem Klavier spielen - "kuratiertes YouTube", sozusagen. Denn der unbezahlbare Mehrwert von YouTube für den Konsumenten ist ja...

"dass es neue Formen gibt, wo sich der Nutzer selbst die Playlist oder die Tracks zusammensuchen kann und nicht darauf angewiesen ist, dass ihm was vorgesetzt wird. Deswegen ist ja Viva oder MTV bedeutungslos geworden."

Zum anderem müssen sich aber auch die Musiker kümmern, insistiert Matthias Krebs. Denn dass man von einem Tag auf den anderen, mit einer kreativen Idee, auf YouTube berühmt wird, das bezweifelt der Berater.

"Die Leute, die das schaffen, die haben häufig unheimlich viele Jahre schon Aufbauarbeit geleistet, um ein Publikum überhaupt zu erreichen, denn immer noch: Das Publikum sucht aus. Und nicht YouTube sucht aus."

In Amerika hat sich so tatsächlich eine eigene Riege von originären YouTube-Popstars hervorgebracht, die ohne das Portal nicht existieren würden: Sänger von Coverversionen beliebter Popsongs sind das, die entweder extrem musikalisch sind oder mit witzigen Ideen punkten, in Medleys oder Mash-ups. Und dazwischen streuen sie immer auch eigene Songs, und sie haben riesigen Erfolg.

Sie heißen Tyler Ward, Jason Chen oder Sam Tsui, und natürlich haben sie alle ihre eigenen YouTube-Kanäle, die sie fleißig untereinander verlinken. Und da unterläuft tatsächlich YouTube die Mechanismen der mächtigen Musikindustrie: erfolgreich, aber independent – dank YouTube und den Nutzern, um die diese Musiker sich ordentlich bemühen mit sozialen Postings oder netten Dreingaben wie Akkordlisten und Webserien.

Und die Nutzer reagieren stark darauf, wie der Musiker sie, seine Zuhörer also, wahrnimmt. Und echte YouTube-Stars wissen das natürlich.

Im Interview in "Studio 9" erklärte der Buchautor und YouTube-Experte Roman Marek die 10-jährige Erfolgsgeschichte des Mediums.
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