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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 03.04.2008

Zauber eines Kinderalltags

Bruno Schulz: "Die Zimtläden", Carl Hanser Verlag. München 2008, 228 Seiten

Wetterkapriolen, denen Bruno Schulz in seinen Büchern ein Eigenleben entlockt. (Stock.XCHNG / luc sesselle)
Wetterkapriolen, denen Bruno Schulz in seinen Büchern ein Eigenleben entlockt. (Stock.XCHNG / luc sesselle)

Bruno Schulz erzählt in "Die Zimtläden" von seiner Kindheit, die er in Drohobytsch, in Polen, verbracht hat: Die alltäglichsten Dinge tragen märchenhafte Züge und er schildert sie mit ungewöhnlichen Sprachbildern. Trotzdem drohte der Autor in Vergessenheit zu geraten - der Roman wurde nun neu übersetzt.

Um Bruno Schulz, den polnisch-jüdischen Avantgardekünstler, ranken sich Skandale. 2001 hatte man in einer Villa im heute westukrainischen Drohobytsch, unter vielen Farbschichten verborgen, Wandbilder mit Märchenmotiven entdeckt. Schulz hatte sie 1942 als Haussklave des Gestapo-Chefs von Drohobytsch anfertigen müssen. Kurz darauf wurde er von einem SS-Mann erschossen. 2001 trug man die Wandbilder in Drohobytsch ab und brachte sie in einer Nacht-und-Nebel-Aktion nach Israel. Das sorgte für Aufregung im Feuilleton, allerdings nur kurz.

Dann wurde es wieder still um Bruno Schulz, der nicht nur Maler und Zeichner, sondern vor allem ein genialer Autor war. Die Prosa des 1892 geborenen Schulz gehört durch ihre ungewöhnliche Kunst der Sprachbilder zum Bedeutendsten, was die europäische Moderne hervorgebracht hat. Gleichwohl drohte der Autor immer wieder in Vergessenheit zu geraten, weil er als schwer verständlich galt.

Nun hat der Carl Hanser Verlag die "Zimtläden" – als ersten Band einer neuen Schulz-Werkausgabe - in der Übersetzung von Doreen Daume herausgebracht und dabei eine Alternative zu der seit 1961 im deutschsprachigen Raum erhältlichen Übertragung von Josef Hahn eröffnet, auf die Generationen von Schulz-Lesern angewiesen waren.

"Die Zimtläden", 1934 erstmals auf Polnisch publiziert, mythologisieren die Kindheit des Autors in Drohobytsch, das bis 1918 zur Peripherie der Habsburger Monarchie gehörte. Schulz entdeckt in den banalen Dingen des Alltags deren aufregendes Eigenleben, seien es die Kapriolen des Wetters, das Spiel von Licht und Schatten oder die Ornamente der häuslichen Tapete. Dieser Alltag erhält geradezu märchenhafte Züge, wenn Münzen werfende Gassenjungen sich in Wahrsager verwandeln und eine stadtbekannte Wahnsinnige sich als heidnische Göttin entpuppt.

Das ganze Geschehen aber dominiert die Figur des Vaters. Mal ganz neugieriger Forscher weckt dieser Vater in nächtlichen Seancen Schneiderpuppen zum Leben. Mal klettert der Tuchhändler auf die Regale seines Geschäfts und schleudert wie ein zorniger Prophet die Stoffballen der kauflustigen Menge entgegen. Religiöse Überlieferung diente Bruno Schulz, der keine enge Bindung zum jüdischen Glauben besaß, vor allem als sinnlich buntes und zugleich tiefgründiges Spektakel. Er schöpfte daraus theatralisches Potential für seine Prosa.

Die alte Übersetzung von Joseph Hahn steigerte Schulz’ immer wieder ins Absurde mündende Wortakrobatik auch dort ins Aberwitzige, wo es vom Autor keineswegs beabsichtigt war. Vor allem aber schuf sie eine Satzarchitektur, die den Schulz’schen Erzählflüssen und Gedankenströmen gar nicht entsprach und den Leser immer wieder aus der Bahn warf.

Doreen Daumes Neuübersetzung hat viele künstliche Hürden für das Verständnis abgebaut und den Text, ohne ihn zu entzaubern doch – wo nötig – enträtselt. So kann der literarische Strom der Gedanken seinen Sog entfalten, und das Alltägliche in den "Zimtläden" gewinnt an Kontur, ohne das der phantastische, nicht selten skurrile Gesamtentwurf an Glanz verliert – im Gegenteil.


Rezensiert von Martin Sander

Bruno Schulz: Die Zimtläden
Aus dem Polnischen von Doreen Daume
Carl Hanser Verlag, München 2008
228 Seiten, 21,50 EUR

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