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Feiertag / Archiv | Beitrag vom 09.09.2012

YOUCAT - klassischer Glaube im jugendlichen Outfit

Von Maximilian Barthel, Berlin

Papst Benedikt XVI. beim Weltjugendtag in Madrid 2011
Papst Benedikt XVI. beim Weltjugendtag in Madrid 2011 (AP / Armando Franca)

Wenn man einem katholischen Jugendlichen über den Weg läuft und diesen nach seinem Glauben fragt, kommen kaum überzeugende Antworten hervor. Vielmehr ist es Verunsicherung, die beim Nachfragen aufgedeckt wird. Die Katholische Kirche weiß um dieses Problem. In Zusammenarbeit mit jungen Menschen entstand der Jugendkatechismus, bekannt als Youcat. Auf dem Weltjugendtag 2011 in Madrid wurde er vorgestellt.

Jung, aufgeklärt und katholisch!? Für viele bildet diese Aufzählung einen inneren Wiederspruch. Jung und aufgeklärt will in der heutigen Zeit so gar nicht mehr mit dem verstaubten Wort katholisch zusammen passen. Katholisch ist gestrig, veraltet und generell nichts für junge Leute, so die vorgefasste Meinung einiger in unserem Land. Wenn man dann doch mal einem katholischen Jugendlichen über den Weg läuft und diesen nach seinem Glauben fragt, kommen kaum überzeugende Antworten hervor. Vielmehr ist es Verunsicherung, die beim Nachfragen aufgedeckt wird. Die Katholische Kirche weiß um dieses Problem. In Zusammenarbeit mit jungen Menschen entstand der Jugendkatechismus, bekannt als Youcat. Auf dem Weltjugendtag 2011 in Madrid kam ich zum ersten Mal mit diesem außergewöhnlichen Buch in Kontakt. Seit dem steht es zwischen Tolkins Herr der Ringe und Harry Potter in meinem Bücherregal …

Als Christoph Kardinal Schönborn, der Erzbischof von Wien, 2005 eine Kurzfassung des über 800 Seiten starken Katechismus der Katholischen Kirche vorstellte, meldete sich eine anwesende Journalistin zu Wort: "Herr Kardinal, ich wollte für meine heranwachsenden Kinder dieses Buch kaufen, aber es ist für Jugendliche total unverständlich. Ich werde es nicht kaufen."

Das war wohl der entscheidende Anstoß, der den Stein ins Rollen brachte. Denn Kardinal Schönborn konnte der Frau nur zustimmen. Die katholische Kirche hatte bislang keinen Katechismus, der auch für junge Menschen ansprechend und verständlich war.

Das Projekt You – Cat war somit geboren! 2005 ackerten sich in einem "Sommercamp" 52 junge Katholiken, Protestanten und Kirchenferne durch die Glaubenslehren der Kirche. Ihr Ziel war es, diese gemeinsam zu diskutieren und für andere Jugendliche verständlich zu machen.

In der Endfassung besteht der Youcat aus vier Kapiteln, die viele Lebensbereiche eines jungen Menschen abdecken. Ähnlich wie in einem Gespräch wird man in einem Frage-Antwort Dialog durch das Buch geführt. Am Rand stehen Zitate von Heiligen, aber auch von Philosophen oder Vertretern anderer Religionsgemeinschaften. Einige bunte Bilder, sowie die sehr gelungenen Strichzeichnungen veranschaulichen die Texte. Das Konzept stand, die Jugendlichen hatten ganze Arbeit geleistet.

Mit dem fertigen Youcat im Gepäck machte sich Kardinal Schönborn auf nach Rom, um dem Papst die Idee und das fertige Werk vorzustellen. Der heilige Vater muss schlichtweg begeistert gewesen sein, immerhin kam es auf dem Weltjugendtag 2011 in Madrid zur offiziellen und weltweiten Premiere des Buches. Jeder Teilnehmer fand in seinem Pilgerrucksack neben Proviant und einer Stadtkarte auch den Youcat in der jeweiligen Landessprache. In seinem Vorwort richtete sich Papst Benedikt XVI an die vielen hunderttausend Jugendlichen und junge Erwachsenen, die in diesen Tagen dieses Buch für sich entdeckte.

Heute empfehle ich euch ein ungewöhnliches Buch zur Lektüre. Dieses Buch ist spannend, weil es von unserem eigenen Schicksal redet und darum einen jeden von uns zutiefst angeht. Studiert den Katechismus! Das ist mein Herzenswunsch. Studiert den Katechismus mit Leidenschaft und Ausdauer! Studiert ihn in der Stille eurer Zimmer, lest ihn zu zweit, wenn ihr befreundet seid, bildet Lerngruppen und Netzwerke, tauscht euch im Internet aus. Ihr müsst im Glauben noch viel tiefer verwurzelt sein als die Generation Eurer Eltern. (Youcat, Vorwort)

Spätestens nach diesem Vorwort ist es den Meisten klar! Dieser Jugendkatechismus ist nicht für die entspannte Bettlektüre geeignet. Der Kirche geht es hier um mehr! Und wenn der hochgebildete Theologe und Philosoph, Joseph Ratzinger, von "studieren" spricht, muss dieses freundlich, gelbe Buch wohl Schwerstarbeit bedeuten. Als junger Mensch ist man gewohnt, dass man von der Kirche keine bequemen Antworten auf die vielen Fragen des Lebens bekommt. Oft sind es sogar unbequeme Wahrheiten an denen man sich aufreibt. Nichts desto Trotz, auf diesem Weltjugendtag war jeder neugierig auf die "frohe Botschaft" die uns in diesem Buch versprochen wurde.

Die Tage in Madrid waren ein frohes Miteinander aller Kulturen und Nationen, verbunden im gemeinsamen Glauben an Jesus. Dabei war bei vielen Begegnungen der Youcat Gesprächsgrundlage. Einige Ansichten oder Dogmen der Kirche wurden von uns heftig diskutiert. Priester, Bischöfe, sogar Kardinäle stellten sich in den täglichen Katechesen unseren Fragen und Anmerkungen. Dieses Buch regte einfach zum Austausch an! Wir waren uns jedoch trotz unterschiedlicher Meinungen immer Einig, dass diese klare Positionierung der Kirche zu den Fragen des Lebens uns brennend interessierte. Die Tage in Madrid vergingen rasch. In einem Gottesdienst mit 2 Millionen Teilnehmern fanden sie einen überragenden Abschluss.

Die sinnbildlich, kalte Dusche bekam ich zu Hause in Berlin. Anstatt euphorischer Gleichgesinnter traf ich hier auf kühles Desinteresse, gelegentlich auch auf Anfeindungen, wenn ich über das berichtete was ich in Madrid erlebt hatte. Dass der Kirche in Deutschland schon seit langem ein kalter Wind ins Gesicht weht, ist mir bekannt. Überrascht war ich trotzdem über die unterschiedlichen Reaktionen, die man als katholisch geouteter Jungendlicher in der so toleranten Großstadt Berlin hervorrufen kann. Mit der Zeit habe ich begriffen worin die Schwierigkeit liegt. Abseits der katholischen Großevents ist es schwer, sich konkret mit den hohen Anforderungen des Youcats auseinander zu setzen. Dabei geht es nicht um die berühmte Frage nach vorehelichem Sex. Nein! Allein schon der sonntägliche Besuch der heiligen Messe ist für mich nach kurzen Nächten eine Überwindung des inneren Schweinehundes. Dabei war gerade das in Madrid kein Problem. Wiegesagt, ohne den gewissen Spirit einer so großen religiösen Veranstaltung kann vieles wieder sehr schwer werden. Gerade davor hat Papst Benedikt alle Leser gewarnt: Auch ohne Massenevent glauben, in den eigenen vier Wänden studieren, trotz der vielen Kritiker überzeugt bleiben, wo passt das besser als in der Diaspora Berlin?!

Wozu sind wir auf der Erde?

Wir sind auf der Erde, um Gott zu erkennen und zu lieben, nach seinem Willen das Gute zu tun und eines Tages in den Himmel zu kommen.

Mensch sein heißt: von Gott kommen und zu Gott gehen. Wir kommen von weiter her als von unseren Eltern. Wir kommen von Gott, indem alles Glück des Himmels und der Erde zu Hause ist, und wir werden in seiner ewigen grenzenlosen Seligkeit erwartet. Dazwischen leben wir auf dieser Erde. Manchmal spüren wir die Nähe unseres Schöpfers, oft spüren wir gar nichts. Damit wir den Weg nach Hause finden, hat Gott uns seinen Sohn geschickt, der uns von der Sünde befreit hat, uns erlöst von allem Bösen und uns unfehlbar ins wahre Leben führt. Er ist "der Weg die Wahrheit und das Leben. (Joh 14,6)


Jetzt nun mal ein Beispiel aus dem Buch, um das es hier geht. Wozu sind wir auf der Erde? Das ist eine Grundfrage aller Menschen und auch die erste die der Youcat beantwortet. Und genau darum geht es: Fragen beantworten. Im Jugendkatechismus dreht sich alles darum, Fragen der Menschen rund um den Glauben und des eigenen Lebens zu beantworten. Es werden sämtliche Themenfelder bearbeitet. Von ganz schwierigen wie: "Sind die Juden Schuld an Jesu Tod?" - bis hin zu ganz aktuellen. "Wie sollen wir mit der Schöpfung umgehen?". Alle Fragen werden basierend auf der Lehre der katholischen Kirche beantwortet. Oft sind das auch unbequeme Antworten.

Wer sich vom Youcat eine Abwandlung des katholischen Glaubens erhofft hat, wird hier enttäuscht. Es ist nicht so, dass für Jugendliche eine neue, eine eigene, leichtere Lehre entworfen wurde. Die Kirche bleibt bei ihren Überzeugungen. Reizthemen wie das Kondom Verbot oder Homosexualität werden zwar in verständlicher Sprache aufgearbeitet, jedoch nicht mit einer Anpassung der eigenen Lehre an den heutigen Zeitgeist.

Die Katholische Kirche macht es sich wirklich nicht leicht. Eine weltliche Firma würde ein neues Produkt auf die Wünsche und Vorlieben der Kunden abstimmen um die Verkaufszahlen und den Gewinn in die Höhe zu treiben. Aber Zum Glück ist die Kirche keine Firma, die Gläubigen keine Kunden und der Youcat kein Produkt. Der Kirche geht es in diesem Buch nicht um das eigene Image oder um eine sprunghafte Zunahme der Kirchenbesucher. Die katholische Kirche ist vom eigenen Wahrheitsanspruch - wie nahezu jede Religion - überzeugt. Der Jugendkatechismus ist daher eine Art der Vermittlung der alten und immer gültigen Wahrheit für junge Menschen. Der Inhalt ist dabei derselbe wie in dem Katechismus, den auch schon Kardinal Schönborn vorgestellt hat. Die Aufmachung ist nur eine andere. Sprache, Layout und Design wurden an die heutige Zeit angepasst. Es ist eben ein klassischer Glaube im jugendlichen Outfit.

Der Kirche ist es wichtig, dass Jugendliche ihren Glauben kennen, denn nur durch ein gewisses Fundament an Wissen kann man auch eine feste Bindung an seine Religion, seine Kirche, seinen Gott haben. Dabei kann man sich nicht jede unpassende Lehre der Kirche zurechtbiegen. Glaube und Wahrheit sind schließlich nicht verhandel- oder austauschbar. Wenn man sich eine Zeit mit dem Youcat beschäftigt, erahnt man die große Tradition in der man als gläubiger Christ steht. Wer möchte sich da anmaßen, einen Glauben in seinem Inhalt zu verändern.

Dieser Jugendkatechismus möchte junge Menschen im Glauben Erwachsen werden lassen. Man soll heraustreten aus dem kindlichen Glauben, aus einer Welt, in der alles nur gut oder böse ist. Im Glauben und in der Vernunft soll ein junger Christ Verantwortung für seine Mitmenschen und in der Gesellschaft übernehmen. Mündige und aufgeklärte Christen sollen aus dieser Generation hervortreten. Selten wurden sie so dringend gebraucht wie heute.

Dem Youcat ist es wichtig es nicht beim Wissen zu belassen. Er verknüpft Wissen mit tiefem Glauben. So ist es bezeichnend, dass zum klassischen Youcat ein passendes Youcat –Gebetbuch erschien. Der Youcat ist also kein Buch der Selbsterlösung. Er bietet keine Patentlösung auf ein besseres und erfülltes Leben. Der Jugendkatechismus vermittelt klar und unmissverständlich den Glauben. Dazu gehört neben theoretischem Wissen vor allem das persönliche Gebet. Christen sollen erkennen, dass sie durch ihr Leben viel jedoch nicht alles verändern können. Das ist das Kernanliegen des Projekts: die Hinwendung zu Gott! Erst durch sein Zutun kann es gelingen, die Herausforderungen der Kirchenlehre im Alltag zu meistern. Eine bessere Welt ist also nicht durch das stumpfe auswendig lernen eines Buches möglich, sondern nur durch Gottes Hilfe.

Während Esoteriker zumeist annehmen, der Mensch könne sich selbst erlösen, glauben Christen, dass nur Jesus Christus und die Gnade Gottes sie erlöst. Auch die Natur und der Kosmos sind nicht Gott. Vielmehr ist der Schöpfer, bei aller Liebe zu uns, unendlich viel größer und anders als alles, was er geschaffen hat.

Nach dem Weltjugendtag sollte es nicht lange dauern, bis es für mich und viele andere Katholiken unseres Landes zum nächsten Großereignis kam. Der Papstbesuch stand an! In katholischen Kirche und Schulen hingen die Plakate aus, die Anmeldungen für den Gottesdienst im Olympiastadion Berlin liefen auf Hochtouren. Bei mir persönlich stieg die Vorfreude. Doch Papst Benedikt wurde nicht von allen so froh erwartet. Stärker noch als die Begeisterung waren vorab die kritischen und aggressiven Stimmen. Unbeirrt davon wurde der Papstbesuch in seiner Heimat für viele Gläubige ein unvergessenes Erlebnis. Im Nachhinein war ich jedoch erschrocken wie in den vorherigen Monaten mit dem Papst und der gesamten katholischen Kirche umgegangen wurde.

Als junger Christ lebt man wahrlich in keiner einfachen Zeit! Doch wann ist das Leben als Christ einfach oder gar bequem gewesen? Mit hohen moralischen Werten als Messlatte sind es oft gläubige Menschen die an Gesellschaft und Zeitgeist anecken. Gegen den Strom schwimmen ist wahrscheinlich das passende Bild dafür. Als junger Mensch fällt es mir nachwievor schwer, meinen Glauben auch im Alltag immer hochzuhalten. Auch sehe ich einige Dinge der Kirchenlehre kritisch oder mit anderen Augen. Jedoch bin ich dankbar für ein Buch, das mich und viele andere junge Menschen dazu einlädt, den Glauben in seiner ganzen Vielfalt für sich zu entdecken.

Ich glaube, dass viele, auch vermeintliche Kirchenkritiker, gespannt sind auf Antworten die ihnen die Religion geben kann. In Zeiten von Wirtschaftskrise, weltweiten Revolutionen und Aufständen sollen auch Christen Verantwortung in der Welt übernehmen.

Als Israel am tiefsten Punkt seiner Geschichte war, rief Gott nicht die Großen und Angesehenen, sondern einen Jugendlichen namens Jeremia zu Hilfe. Jeremia fühlte sich überfordert: "Ach mein Gott und Herr, ich kann doch nicht reden, ich bin ja noch so jung" (Jer 1,6). Doch Gott lies sich nicht beirren: "Sag nicht: Ich bin noch so jung. Wohin ich dich auch sende, dahin sollst du gehen, und was ich dir auftrage, das sollst du verkünden" (Jer 1,7)

Der Youcat macht niemanden von heute auf morgen zum Propheten, doch kann er eine Basis sein um Zeugnis von seinem Glauben zu geben. Er zeigt, dass jung, aufgeklärt und katholisch durchaus zusammenpasst. Und auch wenn die Zeit des kritischen Hinterfragens noch nicht vorbei ist, bin ich froh, dass genau dieser gelbe Youcat neben all den anderen Büchern in meinem Regal steht, als wäre es das normalste auf der Welt.
Gott sei Dank!


Musik und Literatur dieser Sendung:
• CD: Single Sonnentanz, Komponisten: Tobias Rieser und Adrian Held, Interpret: Klangkarussell, 2012, Vertigo Berlin ( Universal )
• CD: Berlin Calling, Komponist: Paul Kalkbrenner, Interpret: Paul Kalkbrenner, 2008, Bpitch Control (rough trade)
• CD: Wes Ep, Komponist Fritz Kalkbrenner, Interpret: Fritz Kalkbrenner, 2012, soul (rough trade)
• CD: Viva la Vida or death and all his friends, Komponisten und Interpreten: Guy Berryman, Jonny Buckland, Will Champion, Chris Martin, 2008, Parlophone (EMI)
• CD: 1967-1970 (Blue Album), Komponist: George Harrison, Interpret: the Beatles, 1993, Parlophone (EMI)
• YOUCAT-DEUTSCH, Jugendkatechismus der Katholischen Kirche, mit einem Vorwort von Papst Benedikt XVI., Herausgeber: Österreichische Bischofskonferenz, Pattloch Verlag, München 2011


Die redaktionelle und inhaltliche Verantwortung für diesen Beitrag hat der katholische Senderbeauftragte für Deutschlandradio Kultur, Pfarrer Lutz Nehk.