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Lesart / Archiv | Beitrag vom 22.08.2015

Xenophobie"Nichts gegen Ausländer! Aber..."

Von Ernst Rommeney

Anhänger des islamkritischen Bündnisses Pegida am 4. Mai 2015 in Dresden (DPA / Matthias Hiekel)
Anhänger des islamkritischen Bündnisses Pegida am 4. Mai 2015 in Dresden (DPA / Matthias Hiekel)

Gegen das Schweigen zum Alltagsrassismus wollen Britta Marschke und Heinz Ulrich Brinkmann anschreiben. Über die Angst vor dem Fremden liefert Erhard Oeser eine gründliche historische Betrachtung.

"Ich habe nichts gegen Ausländer, aber ..."

Das "Aber", die unterschwelligen Vorbehalte machen den Fremden zu schaffen. Sie werden nicht selten mit der abschwächenden Redewendung angekündigt: "Ich habe nichts gegen Ausländer, aber ..." Und auf das "Aber" folgt das, was Britta Marschke und Heinz Ulrich Brinkmann Alltagsrassismus nennen, der diskriminiere, benachteilige oder gar sich offen gewalttätig zeige.

Von ihren Interviewpartnern - von Künstlern, Sportlern, Politikern und Schriftstellern - erfuhren sie, dass sich Migranten ein dickes Fell zugelegt haben und eher weitere Nachteile befürchten, wenn sie über ihre diskriminierenden Erfahrungen auch noch öffentlich redeten. Wider dieses Schweigen wollten beide Autoren ihr Buch schreiben.

"Ich habe nichts gegen Ausländer, aber..." (LIT Verlag)Cover: "Ich habe nichts gegen Ausländer, aber..." (LIT Verlag)Ein Buch wider das Schweigen

Integration brauche lange Zeit, mindestens vier Generationen. Und die dritte habe derzeit besonders große Schwierigkeiten damit, dass soziale Probleme in Aversion umschlügen, dass Migranten je nach Herkunft und Aussehen anders behandelt würden, also Nordeuropäer und Nordamerikaner besser als Türken, Araber oder Afrikaner.

Und dennoch verlaufe die Integration in Deutschland erfolgreicher als in anderen Länder. Weshalb die Islamwissenschaftlerin und der Politologe empfehlen, mehr über eben diese Erfolge zu reden und weniger die Misserfolge politisch auszuschlachten. Und sie weisen darauf hin, dass die wenigsten, die sich negativ über Migranten äußern, einen persönlichen Kontakt zu ihnen hätten, geschweige denn eine Freundschaft.

 "Ich habe nichts gegen Ausländer, aber..." Britta Marschke und Heinz Ulrich Brinkmann über Alltagsrassismus in Deutschland, LIT Verlag, Münster, 440 Seiten, 44,90 Euro.

Es sei nur schwer zu ertragen gewesen, was er an historischem Material, an Grausamkeit und Gräuel zusammengetragen habe. Und gerade weil er diese seine Emotion spüren lässt, ohne von sachlich geschriebener und wissenschaftlich gründlicher Analyse abzuweichen, gelang Erhard Oeser ein Geschichtsbuch der besonderen Art, das gut zu lesen ist und ins bildungsbürgerliche Regal gehört.

Erhard Oeser: "Die Angst vor dem Fremden" (Theiss Verlag)Cover Erhard Oeser: "Die Angst vor dem Fremden" (Theiss Verlag)Der Wiener Philosoph und Wissenschaftstheoretiker schreibt zwar über die dunkle Seite der Menschheit von der Antike über Zeiten religiöser und kolonialer Kriege, des Sklavenhandels und der  Judenverfolgung bis zum fatalen "Kampf der Kulturen". Dabei hielte er es für eine Selbsttäuschung zu glauben, der zivilisatorische Fortschritt habe Fremdenfeindlichkeit und Fremdenhass beseitigt.

Eine Analyse ohne Kulturpessimismus

Im Gegenteil sei die Xenophobie brutaler geworden, ziehe über Jahrhunderte eine breiter werdende Blutspur hinter sich her. Als Wiedergängerin bediene sie sich stets gleicher Methoden und Motive. So würde die Islamkritik von heute dem Muster des althergebrachten Antisemitismus ähneln.

Aber er sieht sich nicht als Kulturpessimist. Denn wissenschaftliches Denken und Menschenrechte seien universelle Gemeingüter, denen er zutraut, mit Rationalität gewalttätige Angst und Fanatismus in Schranken zu weisen, gestützt auf Wissen anstelle von Vorurteilen, auf Zusammenarbeit anstelle von Verweigerung.

Die Angst vor dem Fremden. Erhard Oeser über die Wurzeln der Xenophobie, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart, 507 Seiten, 29,95 Euro.

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