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Studio 9 | Beitrag vom 06.01.2017

WZB-Studie zu WissenschaftsstiftungenTransparenz und Einblicke unerwünscht

Von Christiane Habermalz

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Das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) in Berlin ist ein Entwurf des britischen Architekten James Stirling. ( imago / Reiner Zensen)
Das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) hat die Interessen unternehmensnaher Stiftungen untersucht. ( imago / Reiner Zensen)

Bosch, Bertelsmann & Co: Bei ihrer Stiftungstätigkeit lassen sich große Unternehmen ungern in die Karten blicken, hat eine Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung ergeben. Die Politologin Anja Hirsch fordert mehr Transparenz.

Tue Gutes und sprich darüber – nichts gegen dieses alte Motto unternehmerischer Wohltätigkeit. Doch wem Gutes getan wird, tatsächlich ganz selbstlos der Gesellschaft, oder vielleicht doch auch den eigenen wirtschaftlichen Interessen, darüber lässt sich bei den meisten Unternehmensstiftungen in Deutschland keine befriedigende Aussage treffen. Denn ein Großteil ist nicht bereit, der Öffentlichkeit Informationen über ihre Aktivitäten bereitzustellen, erklärt Anja Hirsch, Politikwissenschaftlerin an der Universität Köln:

"Über der Hälfte der von uns untersuchten Stiftungen machen keine Angaben zu Mittelverwendung, Mittelherkunft oder über das Stiftervermögen. Auch veröffentlichen nur 36 Prozent ihre Satzung oder nehmen an der Initiative Transparente Zivilgesellschaft teil."

Fehlende Transparenz über Interessen der Eigentümer

Für die Öffentlichkeit sei daher nicht nachzuvollziehen, ob die Stiftungen neben gemeinnützigen auch politische Interessen der Eigentümer oder Unternehmen verfolgten, so die Kritik der Wissenschaftler. Dieser Frage gingen Hirsch und ihr Kollege Moritz Neujeffski in einer Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) nach. Sie untersuchten 61 unternehmensnahe Stiftungen, die Wissenschaftsförderung betreiben – und deren Einfluss auf die öffentliche Debatte, auf Forschungs- und Bildungspolitik, vermutlich besonders groß ist.

Megaplayer wie die Bertelsmann-Stiftung, die Bosch-Stiftung, die Mercator-Stiftung, oder die von der Lidl-Gruppe gegründete Dieter-Schwarz-Stiftung erstellen Studien, beauftragen Forschungsprojekte, organisieren Debatten und Podien, finanzieren Lehrstühle oder betreiben Politikberatung. Bei 41 Prozent von ihnen gibt es eine Überschneidung von Stiftungsaktivitäten und Geschäftsfeldern des Unternehmens.

Anja Hirsch: "Zum Beispiel gibt es eben Pharmastiftungen die von Pharmakonzernen gegründet wurden. Das ist zum Beispiel die Stiftung Boehringer Ingelheim oder die Fresenius-Stiftung, oder die Aventis Foundation, die als Stiftung auch Forschung im Medizinbereich betreiben. Oder zum Beispiel die Wüstenrot-Stiftung die mit dem Versicherer und der Bausparkasse Wüstenrot verbunden ist, betreibt zum Beispiel Forschung im Bereich Baukultur, Wohnen und Stadtentwicklung."

Forderung nach gesetzliche Auflagen

Das alles heiße noch nicht, dass Stiftungszwecke tatsächlich zweckentfremdet würden - doch ein gutes Licht werfe es auch nicht auf die privaten Wohltäter der Wissenschaft. Die Wissenschaftler fordern gesetzliche Auflagen zur Transparenz von Stiftungen, wie sie auch in anderen Ländern üblich sind. Dass als gemeinnützig anerkannte Unternehmensstiftungen durchaus auch politische Interessen und die ihrer Eigentümer verfolgen könnten, wird immer wieder kritisch hinterfragt. Beispiel Bertelsmann-Stiftung: Die Stiftung hat in großem Maße in den vergangenen Jahren Studien veröffentlicht, die die Notwendigkeit der Digitalisierung im Bildungswesen aufzeigen. Gleichzeitig vertreibt der Bertelsmann-Konzern die entsprechenden Produkte, an der Umstellung von Schulen auf digitale Medien wird sich ein Vermögen verdienen lassen.

Die bloße Überschneidung von Stiftungszweck und Unternehmenszielen sieht Andreas Schlüter, Generalsekretär des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft noch nicht als problematisch an:

"Die Autobauer beschäftigen sich mit der Verkehrstechnologie der Zukunft. Und die Energieunternehmen beschäftigen sich mit der Frage, wie kann man erneuerbare Energien erzeugen, vermarkten, weiterleiten. Da sind die Forschungsthemen und die Unternehmensthemen nahe beieinander. Und auch bei der Digitalisierung der Bildung. Die Bertelsmann-Stiftung kann schlecht sagen, nur weil das Unternehmen sich jetzt mit dem Thema beschäftigt, halten wir uns da raus. Das ist ein Megathema unserer Gesellschaft, wie die Digitalisierung sich auf unsere Bildungssysteme auswirkt."

Weitreichende Mitsprache bei Professoren-Berufung

Doch wie ist es mit der Boehringer-Ingelheim-Stiftung? Deren Vorstand, Andreas Barner, war bis vor kurzem auch Vorstandschef des Pharma-Riesenkonzerns Boehringer-Ingelheim. Vor einigen Jahren gründete die Stiftung an der Universität Mainz mit viel Geld ein eigenes Institut für Molekulare Biologie, ließ sich im Gegenzug von der Universität weitreichende Mitsprache bei der Berufung der Professoren und Zugriff auf medizinische Studien der Universität an Zigtausend Probanden einräumen. Das recherchierte vor kurzem der Journalist Christian Füller für einen Artikel, der in den "Blättern für Deutsche und Internationale Politik" veröffentlicht wurde. Dazu könne er leider nichts sagen, sagt Schlüter entschuldigend. Kein Wunder: Barner ist auch Präsident des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft.

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