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Fazit / Archiv | Beitrag vom 11.05.2010

Wunder aus China, Krawall und Videowunden

Eine Bilanz der 12. Münchener Biennale für neues Musiktheater

Von Jörn Florian Fuchs

Die Startvoraussetzungen könnten besser nicht sein. Ein renommiertes Festival mit beträchtlichem Zuspruch von Publikum und Kritik, finanziell gut ausgestattet, dazu ein Leiter, der selbst Künstler ist und dem es an intellektuellem Format und Erfahrung wahrlich nicht mangelt.

Bei der Münchener Biennale haben teils schon einschlägige, teils völlig unbekannte Jungkomponisten die Chance, ihre erste Begegnung mit der Opernbühne professionell zu gestalten. Alle Premieren in München werden zudem mit anderen Häusern koproduziert, sodass die Neuschöpfungen nicht nach zwei, drei Aufführungen von der Bildfläche verschwinden.

Trotzdem hinterlässt der aktuelle Biennale-Jahrgang einen zwiespältigen Eindruck. Das liegt weniger an der Qualität der einzelnen Werke, sondern an der Unfähigkeit vieler Komponisten, musikdramatisch zu denken und zu schreiben.

Schon das Auftaktstück "Maldoror" von Philipp Maintz (auf Texte Lautréamonts) bewegte sich – auch dank der völlig uninspirierten Regie Georges Delnons – auf szenisch sehr magerem Niveau. Ebenso untheatral war "Die weiße Fürstin" von Márton Illés (er vertonte einen späten Rilke-Text), immerhin hat Regisseurin Andrea Moses hier eine charmante eigene Geschichte erzählt, sodass man durchaus den Begriff Musiktheater verwenden darf.

Am prägnantesten geriet "Die Quelle" der Chinesin Lin Wang. Wang amalgamiert östliche und westliche Klangsprachen, wobei sie im Gegensatz zum Weltmusiknebel von Tan Dun ein eigenwillig-authentisches Idiom findet. Inhaltlich geht es um Generationenkonflikte, Kunst und Leben und die Suche nach Spiritualität. Wang schrieb eine witzige und doch tiefgehende Groteske, die von Andreas Bode vorzüglich inszeniert wurde.

Einen Eindruck vom Schaffen der ganz jungen Komponistengeneration gewann man beim Projekt "Warum weiß ich nicht". Hier stellten sich fünf Neu-Opernschaffende mit jeweils rund viertelstündigen Stücken vor. Das Ergebnis ist ziemlich niederschmetternd: Kaum Eigenes war da zu hören, die Libretti strotzen nur so vor selbstverliebtem Jargon und sprachlichen Albernheiten. Eine Ausnahme bildet die Opernszene "L'autre frère" von Samy Moussa. Hier wird auf berührende Weise der Erinnerungsmonolog eines alten Mannes in Wort und Bild gegossen. Interessant auch der Beitrag "at stacke" von Arash Safaian. Hierbei handelt es sich um eine kluge Verbindung von Gesang (reinen Vokalen) und Videobildern. Von Moussa und Safaian hörte und sähe man gern mehr – vielleicht bald auf einer großen Opernbühne?

Als echtes Ärgernis muss dagegen das bisher teuerste Projekt der Biennale verbucht werden: "Amazonas" ist ein gut gemeintes, aber schlecht gemachtes Projekt über die Yanomami-Indianer.

Diese sind vor allem durch die Bodenschatzgewinnung westlicher Firmen in ihrem Lebensraum bedroht. Statt jedoch die Lebensform der Indianer auf kunstvolle Weise zu präsentieren, haben die Komponisten und Medienkünstler Klaus Schedl, Tato Taborda, Ludger Brümmer und Peter Weibel eine vierstündige Krawallorgie ohne einen Hauch von Sinn und Sinnlichkeit, dafür mit selbstverliebt-betulichen Videobildern, einer Menge Bühnennebel und unzusammenhängend-banalen Texten kreiert.

Um dieses Projekt angemessen zu beschreiben, müsste man sprachlich weit unter die Gürtellinie gehen, was einem Qualitätsmedium nicht ansteht. Dass Intendant Peter Ruzicka diese millionenschwere Nullnummer nicht nur nicht gekippt hat, sondern auch noch künstlerisch mitverantwortlich zeichnet, bleibt das größte Rätsel dieser Biennale.

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