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Buchkritik

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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 23.07.2012

Wortgeschwader und Erklärungsversuche

Johannes Jansen: "nach her - Eine Erklärung", Wien 2012 165 Seiten

Das Erzähler-Ich in "nach her" schickt seine Gedanken wie Geschwader in die Welt. (AP)
Das Erzähler-Ich in "nach her" schickt seine Gedanken wie Geschwader in die Welt. (AP)

Johannes Jansen ist ein Vielschreiber: Seit 1988 veröffentlicht er - oft mehrere Bücher pro Jahr. Das jüngste heißt "nach her – eine Erklärung". Wieder einmal versucht Jansen, der menschlichen Existenz auf die Spur zu kommen - und deckt dabei zugleich ihre Zerbrechlichkeit auf.

Das neue Buch des 1966 in Ost-Berlin geborenen Johannes Jansen trägt den Titel "nach her". Zwischen beiden Worten klafft eine Lücke. Es geht nicht einfach um ein zeitliches ‚Danach’. Das für sich stehende "her" intendiert den Wusch, jemand möge sich auf den Sprecher zu bewegen. Dieser Wunsch richtet sich an eine namenlos bleibende weibliche Person, die aus dem "Blickfeld" des Sprechers verschwunden ist. Der Titel macht den Verlust durch Leerstellen kenntlich. Es geht sowohl um die Beschreibung einer zeitlichen Zäsur, zugleich wird aber auch ein Wunsch im Sinne von: Komm (wieder) her, formuliert.

Im Untertitel nennt Jansen sein Buch "Eine Erklärung". Das hört sich grundsätzlich an und ist durchaus auch so gemeint. Begonnen wird die Erklärung mit einem "Bericht", in dem auf die Ortlosigkeit des Sprechers hingewiesen wird: "Da die Vergangenheit nie mit sich Schluß macht und aufpaßt, daß die Zukunft nicht kommt, steht man ziemlich vertrackt auf dem verschütteten Stellplatz und weiß nicht wohin."

Jansen, der gern Zitate seiner schreibenden Kollegen verwendet – im Band "Reisswolf" (1992) finden sich Autorennamen, von denen er "zitatreste" verwendet hat –, paraphrasiert hier eine Formulierung aus Heiner Müllers Gedicht "DER GLÜCKLOSE ENGEL". Müller spricht in dem Gedicht von 1959 vom "verschütteten Stehplatz". In auswegloser Lage wartet sein Engel, ‚hinter dem sich Vergangenheit anschwemmt und vor dem sich Zukunft staut’, auf Geschichte.

Jansens Sprecher befindet sich in einer ähnlich vertrackten Situation: Auch er hofft, dass Bewegung in die erstarrten Verhältnisse kommt. Dass dies notwendig wäre, scheint ihm angesichts des persönlichen Verlustes umso deutlicher geworden zu sein. Dieser programmatische Monolog handelt von den Gebrechen der Welt. Jansen hat seine "Gedanken" wie tieffliegende "Geschwader" in die Welt geschickt. Die von diesen Erkundungsflügen mitgebrachten Eindrücke verdichten sich zu einem Bild, in dem der Einzelne in seiner Weltverlorenheit zu erkennen ist. Jansen stellt Fragen und fragend stellt er in Frage. Dieses Prinzip liegt Jansens Erklärung zugrunde.

Das Fundament, auf dem sie sich bewegt, weist in seiner Fragilität Parallelen zum Zustand der Welt auf. Zu Beginn des Berichts liebäugelt das sprechende Ich mit der "Bettdecke", diesem "Paradies", das schnell zur Hölle werden kann, wenn sich unter ihr auch die Katastrophen eingerichtet haben.

"Wie hält man die Zeit aus?" - diese Frage wird im Text gestellt, aber sie bleibt unbeantwortet. Jansen beschreibt ein gegenwärtiges, sich zukünftig nur noch verstärkendes Dilemma: "Wir werden schwächer und hoffen dennoch, daß die Welt gelingt." Worauf gründet sich eigentlich diese Hoffnung, fragt man sich nach der Lektüre? Woher kommt dieser Optimismus?

Jansens Text ist wie ein Ausrufezeichen, der an Thomas Bernhards Formulierung erinnert, dass in der Finsternis alles deutlicher zu sehen ist.

Besprochen von Michael Opitz

Johannes Jansen: nach her - Eine Erklärung
Klever Verlag, Wien 2012
165 Seiten, 17,90 Euro