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Thema / Archiv | Beitrag vom 07.03.2008

Wolffsohn: "Wahrlich nicht das Schlechteste"

Historiker plädiert für Wiedereinführung des Eisernen Kreuzes

Moderation: Joachim Scholl

Historiker Michael Wolffsohn (AP)
Historiker Michael Wolffsohn (AP)

Der Historiker Michael Wolffsohn hat sich in der Debatte um einen militärischen Tapferkeitsorden für das Eiserne Kreuz ausgesprochen. "Ich vermag nichts Anstößiges am Eisernen Kreuz zu sehen", sagte Wolffsohn. Der Orden symbolisiere den Freiheitskampf gegen Napoleon, der im Geiste der Aufklärung stattgefunden habe.

Joachim Scholl: König Friedrich Wilhelm III. hat es 1813 gestiftet, das Eiserne Kreuz. Es war eine neuartige militärische Auszeichnung, die ohne Ansehen auf Rang und Stand verliehen wurde. Es waren die Zeiten der Befreiungskriege gegen Napoleon. Das Eiserne Kreuz wurde zur deutschen Militärtradition, immer wieder neu gestiftet, zuletzt von Adolf Hitler. Und dieses Kreuz hatte ein Hakenkreuz in der Mitte verliehen für besondere Tapferkeit vor dem Feind. Die Bundeswehr hat bislang auf solche Auszeichnungen verzichtet. Doch jetzt hat der CDU-Bundestagsabgeordnete Ernst-Reinhard Beck, zugleich Präsident des Reservistenverbandes, die Idee öffentlich gemacht, das Eiserne Kreuz als Verdienstmedaille wieder für die Bundeswehr einzuführen. Verteidigungsminister Jung hat sich ebenfalls für einen Orden ausgesprochen, allerdings nicht ausdrücklich für das Eiserne Kreuz. Am Telefon begrüße ich Professor Michael Wolffsohn, von der Bundeswehruniversität München. Schönen guten Tag.

Michael Wolffsohn: Guten Tag.

Scholl: Wie finden Sie diese Idee, die Rückkehr zum Eisernen Kreuz?

Wolffsohn: Im Prinzip finde ich eine solche staatliche Auszeichnung eigentlich das Minimum des Minimums, welches der Staat denen gegenüber erweist, die sich für diese Gemeinschaft eingesetzt haben.

Scholl: Das heißt aber, Sie sprechen sich für eine allgemeine Auszeichnung aus, nicht gerade für dieses Eiserne Kreuz?

Wolffsohn: Ich bin da völlig leidenschaftslos, aber ich halte es für falsch, gute Traditionen zu brechen. Und das Eiserne Kreuz ist, wenn wir in die deutsche Geschichte zurückschauen, durchaus eine ehrenwerte Tradition. Man kann darüber streiten, ob man militärische Auszeichnungen braucht. Dann kann man aber auch darüber streiten, ob man das Militär braucht. Ich glaube angesichts der gegenwärtigen Weltlage dürfte dies leider eher unumstritten sein. Kurzum, das Eiserne Kreuz wurde ja nicht nur als Zeichen des antinapoleonischen, also damals antifranzösischen Kampfes gestiftet, sondern es war ein echter nationaler Befreiungskampf gegen einen Unterdrücker, das war Napoleon damals, einen Unterdrücker, der außerdem die eigenen Landeskinder in einen fremden Krieg genommen hat. Und das Eiserne Kreuz wurde gestiftet im Zeitalter der preußisch-deutschen Reformen. Das ist das Beste, was es außer der altbundesdeutschen Tradition in der bundesdeutschen Geschichte der letzten 200 Jahre überhaupt gab, das heißt, die Verbindung von dem Geist der Aufklärung mit Gesellschaft und Politik, denn bekanntlich sind die Reformer 1819 spätestens dann in Preußen ausgebootet worden. Aber der Befreiungskrieg gegen Napoleon wurde geführt aus dem Geist dieser Reformen. Und das ist nun wahrlich nicht das Schlechteste, was Deutschland zu bieten hat.

Scholl: Nun ist das Symbol aber doch belastet, auch in der öffentlichen Wahrnehmung, als Orden. Wann immer wir einen Film über die NS-Zeit sehen, laufen Wehrmachtssoldaten oder Offiziere mit diesem Kreuz um den Hals durch das Bild. Darauf sind wir schon gewissermaßen dressiert, könnte man sagen. Würden wir nicht automatisch zurückzucken, wenn wir einen Bundeswehrsoldaten mit einem solchen Eisernen Kreuz begegneten.

Wolffsohn: Ich frage zurück, warum sprechen wir miteinander deutsch? Soweit ich weiß, haben die Nationalsozialisten auch deutsch gesprochen, hat Adolf Hitler deutsch gesprochen. Sie können ja nicht so tun, als ob die deutsche Geschichte erst wieder 1945 beginne. Aber wir können genauso wenig so tun, als ob es bis 1933 keine andere, auch durchaus bessere deutsche Geschichte gegeben hätte. Das Argument halte ich für keinesfalls überzeugend. Und auch wenn Minister Jung das Eiserne Kreuz nicht möchte, hat er seine politischen Gründe, die ich akzeptiere. Ich halte sie aber für völlig falsch, weil keine Gemeinschaft traditionslos leben kann. Und der Rückgriff auf die preußisch-reformerische Tradition kennzeichnet ja auch den Geist der Bundeswehr. Wer so tut, als ob zur Bundeswehr nur die Zeit seit 1955/56 gehört, weiß auch nicht um die Gründungsgeschichte und den Gründergeist der Bundeswehr, die ganz bewusst auf die preußischen Reformer zurückgreift. Ich bin mit dem Eisernen Kreuz nicht verheiratet. Wissen Sie, ich bin der Sohn und Enkel von jüdischen Holocaust-Überlebenden. Mein Großvater mütterlicherseits war im Ersten Weltkrieg, wie das damals hieß, Königlich Bayerischer Ulan, hat selber das Eiserne Kreuz zweiter Klasse im Ersten Weltkrieg bekommen. Er ist 1938, am 9. November, in das Konzentrationslager Dachau geschleppt worden von der SA. Als diese ihn abholen wollte, zeigte er ihnen sein Eisernes Kreuz zweiter Klasse und bekam zur Belohnung mit dem Gummiknüppel einen schweren Schlag auf seinen Kopf. Er besuchte Deutschland zwar nach dem Krieg wieder, war aber nicht bereit hier zu leben. Und trotzdem zeigte er mir noch wenige Jahre vor seinem Tod, wohlgemerkt in Israel, wohlgemerkt nach alldem im Jahre 1961 stolz das EK II.

Scholl: Das Eiserne Kreuz zweiter Klasse war das.

Wolffsohn: Ist ganz egal, ob das erster oder zweiter Klasse war - wohlgemerkt auch ohne Hakenkreuz. Aber wenn wir der Meinung sind, dass die deutsche Tradition mit 1945 beginnt, dann müssen wir manches hier auch vollkommen beseitigen, nicht zuletzt die deutsche Sprache.

Scholl: Nun hören wir, Herr Wolffsohn, oft die Phrase, wenn es um die unselige deutsche Vergangenheit geht, dass eine Rückkehr zur Normalität angebracht wäre. Wäre diese Auszeichnung eine solche Rückkehr?

Wolffsohn: Das ist keine Rückkehr in die Normalität. Und ich weiß auch nicht was Normalität sein soll, denn Normalität kann ja nicht bedeuten, dass wir vergessen. Aber wir müssen gerade, und das macht ja die Stärke der bisherigen bundesdeutschen Geschichte aus, wir müssen einerseits etwas Neues aufbauen, ohne so zu tun, als ob vor uns nichts gewesen wäre. Und ich finde, dass die bundesdeutsche Geschichte sich diesbezüglich durchaus sehen lassen kann. Sie hat nichts unter den Teppich geschoben, am Anfang wurde das durchaus versucht, aber das ist längst vorbei. Das gibt auch innere Stärke, dass man eben erkennt, jawohl, es gab schreckliche Zeiten, aber es gab auch bessere Zeiten. Und wir versuchen nach den schrecklichen Zeiten etwas Gutes auf- und auszubauen.

Scholl: Sie halten ja gewissermaßen beruflich engen Kontakt zur Bundeswehr. Wie diskutiert man eigentlich dort über Auszeichnungen und Orden. Hat das überhaupt einen Stellenwert?

Wolffsohn: Das kann ich Ihnen deswegen schlecht beantworten, weil ich zwar Professor an der Bundeswehruniversität München seit mehr als 20 Jahren bin, aber ich bin als Historiker dort eben tätig, als Hochschullehrer und Wissenschaftler. Natürlich wird darüber diskutiert. Aber unabhängig davon, was die Studenten, Schrägstrich Offiziere sagen, es ist eine Selbstverständlichkeit von jemandem, der etwas bekommt, ein Dankeschön zu geben. Wer ist derjenige, der etwas bekommt? Der Staat. Wer ist derjenige, der etwas gibt? Die Soldaten. Und sie sind bereit, sie müssen in schrecklichen Situationen ihr Leben geben. Und dann ist es doch wohl das Mindeste, das der Staat für diejenigen, die sich dabei auszeichnen und Tapferkeit zeigen, auch seinerseits Dankeschön sagt. Das ist eine urmenschliche Geste, das hat mit menschlicher Gesellschaft zu tun, mit Zivilität zu tun und nichts mit Militärischem. Das ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit, und die wird auch vernünftigerweise in allen Streitkräften der Welt angewandt.

Scholl: Was wäre denn davon zu halten, wenn man Soldaten einfach mit dem Bundesverdienstkreuz auszeichnen würde. Wäre das nicht noch ehrenvoller im Sinne der Bürger in Uniform.

Wolffsohn: Das ist gar keine schlecht Idee. Übrigens in das Bundesverdienstkreuz in seiner äußeren Form nicht ganz unähnlich dem Eisernen Kreuz. Machen wir uns doch damit nichts vor. Amerika ist, wenn ich dieses Geheimnis verraten darf, bereits entdeckt worden. Und das christliche Abendland, das sich immer weniger christlich versteht, geht ja bezeichnenderweise immer wieder auf die Urformen des Kreuzes zurück, obwohl es mit dem Christentum, also der Kreuzigung Jesu immer weniger zu tun hat. Aber das ist das abendländische Symbol. Das Eiserne Kreuz ist eine Verbindung eben dieser religiös-zivilen mit der militärischen Variante. Und das Bundesverdienstkreuz wohlgemerkt ist sowohl vom Kreuz als auch von seiner äußerlichen Form des wohlgemerkt Kreuzes durchaus ähnlich. Also haben wir uns wieder im Kreis bewegt, ohne dass wir das Problem wirklich damit beiseite geschafft hätten.

Scholl: Gut, die Symbolik des Eisernen Kreuzes ist ja auch präsent als Hoheitszeichen der Bundeswehr, auf Flugzeugen, Schiffen oder Fahrzeugen, auf jeder Regierungsmaschine.

Wolffsohn: Eben.

Scholl: Daran nimmt ja niemand Anstoß. Aber ich könnte mir trotzdem vorstellen, dass sozusagen die Ordenssymbolik noch einmal eine andere Qualität hat. Muss man diese Debatte überhaupt riskieren?

Wolffsohn: Ja natürlich. Jede Debatte muss in einer Demokratie geführt werden. Das gehört zur Demokratie und das ist auch völlig richtig. Aber ich vermag nichts Anstößiges am Eisernen Kreuz zu sehen. Und dass es ein Hakenkreuz mal darin gab, das wissen wir. Aber bekanntlich hätte das jetzige Eiserne Kreuz als Ehrenzeichen kein Hakenkreuz, Gott sei Dank. Da, wo es die Bundeswehr benutzt, auch nicht. Also wir müssen ja nicht so tun, als ob es das überhaupt gar nicht gäbe. Und deswegen ist es sinnvoll, an Vergangenem aufzubauen, damit übrigens nicht zuletzt solche Gespräche geführt werden können, wie wir sie beide gerade führen, dass man sieht, holla, da gab es die preußischen Reformer, das waren richtige Aufklärer. Die haben eine Brücke gebaut zwischen ziviler Gesellschaft und Militär und haben das Militär anders als in der militaristischen Tradition nicht betrachtet als Staat im Staat. Also genau das, was zu unserer Demokratie gehört. Und gerade deswegen sind Symbole so notwendig, damit man über sie nachdenkt.

Scholl: Und in diesem Zusammenhang lässt sich noch anfügen, dass Bundespräsident Horst Köhler auch eine neue Auszeichnung für die Tapferkeit von Soldaten grundsätzlich gebilligt hat. Er spricht sich für eine weitere Stufe des sogenannten Ehrenzeichens der Bundeswehr für außergewöhnlich tapfere Taten aus. Michael Wolffsohn, Historiker und Professor von der Bundeswehruniversität München über das Eiserne Kreuz und die Bundeswehr. Ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Wolffsohn: Ich danke Ihnen.

Das Gespräch mit Michael Wolffsohn können Sie bis zum 7.09.2008 in unserem Audio-on-Demand-Angebot nachhören. MP3-Audio

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