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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 23.08.2011

Wohnung mit Schieflage

Jan Peter Bremer: "Der amerikanische Investor", Berlin Verlag 2011,158 Seiten

Dient als Vorbild für den "Amerkanischen Investor": Nicolas Berggruen.
Dient als Vorbild für den "Amerkanischen Investor": Nicolas Berggruen.

Jan Peter Bremer schreibt in seinem preisgekröntem Roman über einen Berliner Schriftsteller in der Schaffenskrise, der versucht, sein bescheidenes Leben zu retten - indem er einen amerikanischen Investor um Hilfe bittet.

Ein Schirm über seinem Kopf hält den durch die Decke tropfenden Regen ab. Um sein Matratzenlager herum türmen sich Bücher und Schriften: So kennt man Spitzwegs armen Poeten von dem berühmten Gemälde aus dem Jahr 1839. Dieses Inbild des Schriftstellers als erbärmlichen Stubeninsassen zieht sich durch die Kunst- und Literaturgeschichte des 20. Jahrhundert, von Robert Walser bis Samuel Beckett und vielen anderen. Dass es nicht verbraucht ist, zeigt nun der 1965 geborene Berliner Autor Jan Peter Bremer in seinem Roman "Der Amerikanische Investor", für den er mit dem diesjährigen Döblin-Preis ausgezeichnet wurde. Bremer bringt die Figur des armen Poeten in seinem Gehäuse auf den aktuellen Stand. Anders gesagt: Er transportiert sie ins Zeitalter der Gentrifizierung, ins frühe 21. Jahrhundert.

Der Ich-Erzähler lebt im Berliner Stadtteil Kreuzberg mit Frau, Hund und zwei Kindern. Sein Gehäuse ist eine großzügige, wenn auch einfach ausgestattete Wohnung im obersten Stockwerk eines Gründerzeitkomplexes aus Vorderhäusern, mehreren Seitenflügeln und Höfen. Im Leben des Ich-Erzählers, von Beruf Schriftsteller, steht es nicht zum Besten. Eine Schreibkrise lähmt ihn, mit Glück bringt er einen Satz pro Tag aufs Papier. Mit seiner Wohnung steht es allerdings auch nicht zum Besten. Sie senkt sich ab. Die Badewanne neigt sich bereits bedenklich in die Schieflage, in den Decken und Wänden zeigen sich daumenbreite Risse. Der Tag, an dem die Wohnung samt Schriftsteller, Hund, Frau, Kindern und Inventar in sich zusammen und in die Tiefe stürzt, scheint absehbar.

Zumindest in der Phantasie des Helden. Gesteigert wird die Wohnungsmisere durch eine weitere Drohung, die Realitätsnähe für sich beanspruchen darf: Das gesamte Gebäude wurde jüngst an einen amerikanischen Investor verkauft, an einen Großkapitalisten, von dem bekannt ist, dass er Schokolade liebt, selbst kein eigenes Heim besitzt, da er tagein, tagaus in einem Privatjet für seine Geschäfte um die Welt fliegt und in dem sich leicht der Investor Nicolas Berggruen erkennen lässt, der vor geraumer Zeit die Karststadt-Gruppe erwarb.

Der Schriftsteller entwirft nun einen eigensinnigen Plan: Er will dem amerikanischen Investor einen Brief schreiben, ihm die Wohn- und Lebenslage seiner Familie so eindringlich schildern, dass der neue Hausbesitzer gar nicht anders kann, als ihn vor dem drohenden Umzug und dem Verlust der geliebten Wohnung in der geliebten Kreuzberger Straße - der Bremer sein Buch auch widmet - zu bewahren. Natürlich ist dies eine paradoxe, ja absurde Idee, schon deshalb weil der Investor keine Postadresse hat. Sie entspricht dem Genre der eskalierenden Groteske. Bremers humoresker, brillanter Roman bietet ein außerordentliches Lektürevergnügen und ist bei aller Phantastik ein durchaus realistischer Gegenwartskommentar: Wir alle verspüren ja bisweilen das Bedürfnis, mit anonymen, unerreichbaren Investoren, die über unser Schicksal bestimmen, in Kontakt zu treten.

Besprochen von Ursula März

Jan Peter Bremer: Der amerikanische Investor
Berlin Verlag 2011
158 Seiten, 16,90 Euro

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