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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 08.07.2008

Wohnen im Weltkulturerbe

Deutschland hat sechs Berliner Großsiedlungen zum Weltkulturerbe angemeldet

Von Adolf Stock

Reihenhäuser in der von Bruno Taut entworfenen Gartenstadt Falkenberg ("Tuschkastensiedlung") im Berliner Bezirk Treptow-Köpenick. (AP Archiv)
Reihenhäuser in der von Bruno Taut entworfenen Gartenstadt Falkenberg ("Tuschkastensiedlung") im Berliner Bezirk Treptow-Köpenick. (AP Archiv)

Der Siedlungsbau gehört zu den größten Leistungen der Weimarer Republik. Architekten wie Willhelm Büning, Hans Scharoun und vor allem Bruno Taut sind Vertreter einer Moderne, die das Wohnen in Berlin revolutioniert haben: Licht, Luft und Sonne anstatt trister Mietskasernen. Jetzt wurden sechs Großsiedlungen auf die Liste des Weltkulturerbes gesetzt.

"Wir waren ausgebombt. Nach der Rückkehr nach Berlin haben wir erst bei der Großmutter gewohnt, und 1946 bekamen meine Eltern in dieser Straße in der Nummer 12 eine Wohnung zugewiesen, und seitdem bin ich hier ein Bewohner dieser Siedlung. Und es war uns zu diesem Zeitpunkt auch gar nicht klar, dass das so eine besondere Siedlung ist. Es waren keine Fensterscheiben drin. Wir haben die Fenster so mit alten Röntgenfilmen zugemacht. Wir hatten einen Kanonenofen. Und die Bedeutung und die Hervorhebung des Architekten, das war etwas, was man erst sehr viel später zur Kenntnis nahm."

Fast 60 Jahre wohnt Peter Kirchner in der Wohnstadt Carl Legien in Berlin Prenzlauer Berg. Später, das war irgendwann in den 80er Jahren, erfuhren Peter und Renate Kirchner mehr über den Architekten Bruno Taut.

"Also, genau das Jahr weiß ich nicht, aber als dann die Monographie über Bruno Taut erschien, haben wir das natürlich sofort gekauft, vor allen Dingen, weil natürlich über diese Siedlung hier eine Menge drin steht und das war 1983. Ich weiß es nicht genau, nee, ich muss vorher, ich habe ja eine Wandzeitung gemacht, natürlich, und dass muss, ich denke 1980 gewesen sein und diese 50 Jahre Wohnstadt Carl Legien war ein Anlass, und da wurde diese Wandzeitung gestaltet."

Die Wohnstadt Carl Legien gehört zu den sechs ausgewählten Siedlungen, die der Berliner Senat und die Bundesrepublik Deutschland für die Liste des Weltkulturerbes vorgeschlagen haben. Darunter die "Weiße Stadt" in Reinickendorf, die Siedlung "Der Ring" in Siemensstadt sowie vier Siedlungen des Architekten Bruno Taut: die Hufeisensiedlung in Britz, die Siedlung am Schillerpark in Wedding und die Gartenstadt Falkenberg. Denkmalpflegerin Gabi-Dolff Bonekämper.

"Nicht umsonst sind da auch mehrere Sachen dabei, an denen Taut keinen Anteil hat. Beispielsweise in der 'Weißen Stadt' ist ein ganz anderer Stil, eine viel kühlere und härtere Formgebung eigentlich auch zu finden. Dennoch fällt natürlich auf, dass wir in dieser Auswahl von sechs mehrere außerordentlich signifikante Siedlungen von Taut dabei haben, und der Grund dafür ist ganz einfach: Sie sind die besten, die sind unvergleichbar gut. Das ist wie ein Lehrbuch, ein Lehrbuch des Siedlungs- und Wohnanlagenbaus."

Mit seinen Siedlungen hat Bruno Taut ganz neue Maßstäbe gesetzt. Die Qualität seiner Bauten erweist sich auch in wohldurchdachten Details, die Renate Kirchner in ihrer Wohnung zu schätzen weiß.

"Was die Küche jetzt konkret angeht, da liebe ich vor allen Dingen meine kleine Kammer, und als es jetzt drum ging, dass die in der Rekonstruktion möglicherweise der Spitzhacke zum Opfer gefallen wäre, habe ich also ganz doll darum gekämpft. Mit mir auch viele andere, und dann wurde während der Arbeiten gesagt, nein, die wird nicht zu halten sein, woanders ist sie auch schon eingestürzt. Aber sie ist also nicht zusammengestürzt und wir haben sie wieder und wir haben sie schön neu gestaltet im Inneren, mit neuen Brettern und sie leistet uns ganz super Dienste."

Renate Kirchner hat um ihre Kammer gekämpft. Was ist schon ein genormter Stellplatz für die Waschmaschine gegen einen gut durchdachten Einbau? Erst nach und nach sind den Kirchners die Vorzüge ihrer Wohnung bewusst geworden. Zwar sind die Räume in ihrem Ausmaß eher bescheiden, aber mit ihren ausgewogenen Proportionen verbreiten sie die Aura großzügiger Noblesse. Ein Wohlbehagen, das merkwürdigerweise mit den Jahren wächst.

"Die Aufteilung der Räume zueinander, auch in den Grundmaßen der Einzelzimmer, halten wir für sehr gelungen, und das ist etwas, was uns einfach über die Jahrzehnte uns hier hält und eben, was uns auch halten wird in der Zukunft, insofern wir die Miete bezahlen können."

"Wir haben ja das Glück, in so einer Eckwohnung zu wohnen, was sehr, sehr schön ist, es gibt eine Wandnische im Korridorbereich, und die bietet sowohl Platz für Garderobe, wenn man so will, wie eben auch Dinge, die man einfach unterstellen muss, wie eben einen Staubsauger oder irgendwelche anderen Dinge. Also ich denke schon, Taut hat aus den vorhandenen Quadratmetern das Optimale gemacht."

Bruno Taut hat funktionsneutrale Zimmer geplant. Er wollte die Mieter nicht mit einem vorgegebenen Grundriss schikanieren. Sie sollten sich in ihren vier Wänden frei entfalten können. Dieses Ziel war Programm, denn schließlich verstand sich Bruno Taut als Verkünder einer neuen Zeit; als Prophet einer besseren Welt wollte er auch den kleinen Leuten "die größte geistige Ruhe und Beweglichkeit garantieren". Hierher gehört auch sein beständiger Kampf gegen Kitsch und Nippes, denn - so Bruno Taut - erst durch die Befreiung vom "Krimskrams" kommt der Mensch zu sich selbst und wird befähigt zur wahren Kreativität.

Mit einem Wort, Bruno Taut war ein Architekt mit Eigensinn. In den 20er Jahren wurde er zum erklärten Gegner der "Mindestwohnung", wie sie angesichts der Finanzmisere in der Weimarer Republik staatlich verordnet wurde. Für Taut kamen solche Kleinstwohnungen überhaupt nicht in Frage. Er hielt sie für einen Angriff auf die Menschenwürde. Für ihn musste eine Wohnung mindestens 45 Quadratmeter haben, mit Küche, Bad und WC und auf jeden Fall mit einem Balkon. In dieser Hinsicht haben es die Kirchners besonders gut getroffen, denn bei ihnen ist der Balkon nicht nur ein Balkon, er ist eine echte Attraktion.

"Der Balkon hat eine Länge von fast 11 Metern. Er geht ja um zwei Zimmer und um die Ecke herum, und die Anordnung ist wirklich so, dass die eine Hälfte ja Morgensonne den ganzen Nachmittag, dann die Balkonseite die Einstrahlung hat, und man das nutzen kann und man kann sich sogar weitestgehend da entkleiden, weil durch die großen Bäume, die Einsehbarkeit zum Gegenüberliegenden gar nicht gegeben ist."

"Man wird, wenn man bei offenen Fenster schläft, schon sehr früh von dem Gezwitscher geweckt und man kann das auch den ganzen Tag über genießen. Auch das gibt einem den Eindruck, man sei eigentlich auf dem Lande, man sei eigentlich vor der Stadt."

Eigentlich könnte hinter dem Rasengrün das blaue Meer beginnen, eine Ferienlandschaft mit schönem Strand. Doch das hat der Prenzlauer Berg dann doch nicht zu bieten.

Die Wohnstadt Carl Legien ist von 1930. Bruno Tauts erste Siedlung in Berlin - die Gartenvorstadt Falkenberg in Grünau - stammt noch aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Wegen der bunt gestrichenen Fassaden wurde sie schon bei ihrer Eröffnung 1913 Tuschkasten-Siedlung genannt.

So richtig in Schwung kam der Siedlungsbau erst in den 20er Jahren. Damals passte das soziale Wohnbauprogramm perfekt zum demokratischen Selbstverständnis der Weimarer Republik. Nun war endgültig Schluss mit dem Zille-Milieu, mit den tristen, oft dunklen und feuchten Mietskasernen aus Gründerzeittagen. Es entstanden Mustersiedlungen mit viel Grün und mit einem Stück Nutzgarten vor der Haustür, der dem Lebensunterhalt der kleinen Leute diente.

Bis heute sind die Bewohner von Falkenberg stolz auf ihre Siedlung, und es stört sie nicht, wenn neugierige Besucher kommen und durch die Siedlung schlendern, wie die Denkmalpflegerin Sabine Schulte berichtet.

"Die Bewohner kommen auf die Straße, gucken, sind das wahrscheinlich schon gewöhnt, dass die Leute dort durch die Siedlungen laufen und erklären, kommen Sie doch rein und bitten die Menschen in die Häuser. Und man kann dort nachvollziehen, dass die Bewohner sich mit den Häusern, mit den Häusern, die sie bewohnen, identifizieren, und das springt auch auf die Besucher über."

Das öffentliche Interesse an Bruno Tauts Siedlungen wächst, schließlich hat Taut nicht nur das Wohnen, sondern auch den Städtebau revolutioniert. Damals zogen Licht, Luft und Sonne in die Metropole Berlin, und auch das ist ein Grund, weshalb vier seiner Siedlungen für die Liste des Weltkulturerbes vorgeschlagen wurden. Denkmalpflegerin Gabi Dolff-Bonekämper.

"Damit treten auch ganz andere Städtebauer auf den Plan. Wir sind also nicht mehr bei dem Maurermeister oder Zimmermeister oder meinetwegen auch beim guten Architekturbüro, das eine Parzelle bebaut, sondern wir sind dann bei Städtebauern, die als Künstler ein großes Konzept entwerfen und auch mit Gartenkünstlern zusammenwirken."

Auch als Stadtplaner suchte Taut nach dem menschlichen Maß. Er wollte Harmonie. Schematische Baupläne waren ihm ein Gräuel, denn er fühlte sich auch als Künstler, der sich am Ende mehr auf seine Intuition verließ als auf die geschulte Profession des Architekten.

Mit der Siedlung Falkenberg begann Bruno Tauts Auseinandersetzung mit dem idealen Wohnungsgrundriss für den Kleinwohnungsbau. Die Wohnstadt Carl Legien im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg ist Bruno Tauts letzte Großsiedlung, die während der Weimarer Republik entstand. 1930 konnten die Wohnungen bezogen werden. Diesmal war es keine Gartenstadt, wie die Tuschkasten-Siedlung von 1913 oder die Hufeisen-Siedlung von 1923; diesmal war es eine Wohnanlage mit großstädtischem Ambiente: Der sonst übliche Nutzgarten wurde zur reinen Erholungsfläche, und an die Stelle der kleinen Reihenhäuser trat die Etagenwohnung.

Zur Zeit ist die Siedlung eine Großbaustelle. Viele Häuser sind eingerüstet. Handwerker schleppen den Schutt durch die Treppenhäuser und kippen ihn in große Müllcontainer am Straßenrand. Die Kirchners sind trotzdem geblieben. Wie die meisten ihrer Nachbarn haben sie den Dreck und den Krach während der Sanierung in Kauf genommen. Das Schlimmste liegt nun hinter ihnen: Zwar ist das Treppenhaus noch eine Baustelle, doch in der Wohnung ist das Ergebnis der Sanierung nicht zu übersehen.

Die BauBeCon - die Wohnungsbaugesellschaft - hält engen Kontakt zu den Mietern. Es gibt viel Erklärungs- und Beratungsbedarf. Sie ist geübt im Spagat, denn Denkmalschutz und zeitgemäßes Wohnen passen nicht immer zusammen. Während der Sanierung müssen Mieter umgesetzt werden, die selbstgebauten Verglasungen sollen von den Balkonen verschwinden, und ob die Mietergärten, die erst nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden sind, auf Dauer bleiben können oder ob hier wieder öffentliches Grün wie zu Bruno Tauts Zeiten entsteht, ist bisher noch nicht entschieden.

Für Familien mit Kindern sind die vielen Zwei-Zimmer-Wohnungen heute zu klein: Die Ansprüche an Wohnraum sind gewachsen, und so wird sich die Sozialstruktur der Siedlung nachhaltig ändern. Dennoch blickt Geschäftsstellenleiter Christian Scheffler optimistisch auf die Wohnstadt Carl Legien.

"Die Siedlung besteht ja aus 1169 Wohnungen, aber wir werden keine größeren Grundrissänderungen vornehmen. Eine Zwei-Zimmer-Wohnung, so mit 45, 50 Quadratmetern ist immer noch recht klein. Allerdings ist der Schnitt sehr großzügig, und da muss man Bruno Taut immer noch danken, dass die Funktionalität der Wohnungen wirklich gegeben ist, und durch die doch nicht zu große Quadratmeterzahl die Zwei-Zimmer-Wohnungen für jüngere und auch ältere Menschen bezahlbar sind."

Vielleicht gehört die Siedlung ja bald zum Weltkulturerbe. Bruno Taut wär's sicher recht, auch wenn er vermutlich gewaltig mit den Farbeimern gedroht hätte, damit die Wände in seinen Wohnungen wieder im Originalton gestrichen werden: in rot, grün, blau oder gelb, denn Taut liebte die kräftigen Farben, wie Sabine Schulte erzählt.

"Er hat sich - wie er sagte - gegen die Erbsensuppentöne aufgelehnt. Er hat despektierlich auch von leder- oder seifen- oder bonbonartigen Erscheinungen gesprochen, und die dann eben mit der Zeit, wenn sie Patina bekommen, dadurch nicht besser werden. Es geht einfach um ein Farbkonzept. Er vergleicht das auch mit einem guten orientalischen Teppich, der, wenn er matter wird, seine Qualität beibehält. Und es ist einfach das Gesamtkonzept, das die städtebauliche Wirkung unterstreichen soll, die Struktur der Siedlung und der Aufbau der Gebäude."

Doch so sehr die Mieter ihre gut geschnittenen Wohnungen lieben, auf den bunten Farbanstrich, den Bruno Taut seinen Bewohnern einst verordnet hatte, reagieren sie mit einer gehörigen Portion Skepsis. Als es ans Renovieren ging, sind auch die Kirchners auf den historischen Farbanstrich gestoßen.

"Das ist etwas, was ein bisschen düster und erdrückend war. Also diese Erhellung in den Räumen ist mit den modernen Tapeten natürlich besser. Aber nach außen, die Unterbrechung der Eintönigkeit einer Hausfassade durch solch eine bunte Gestaltung ist also ein Positivum und wird von uns auch sehr empfunden, in der Erwartung wie der Hausflur wird. Da werden sehr wahrscheinlich die alten Farben noch einmal zum Einsatz kommen, die ursprünglich dort waren."

Mit der Diktatur der Farben hört die Gemütlichkeit auf, und den persönlichen Lebensstil ließ man sich schon zu Tauts Zeiten nur ungern madig machen. Doch vereinzelt gibt es auch richtige Fans von Bruno Tauts eigenwilliger Farbenlehre, wie Ulrich Podehl von der BauBeCon weiß.

"Es gibt da einige Mieter die sind da sehr, sehr interessiert und auch sehr engagiert, um sich die Wohnung entsprechend wieder einzurichten. Das geht eben bis in die Wohnungen, dann natürlich nach außen übers Treppenhaus bis zur Außenfassade, und hier ist eben immer wieder Diskussionsbedarf zwischen uns und dem Denkmalschutz über die richtige Farbe, über die Ausführungsart, über gegebenenfalls Schattenbildungen, über Ausführungsart alt, in den 30er Jahren, kann man die Art Technologie noch heute anwenden und sollte man die dann noch anwenden? Also hier gab es schon ganz herbe Diskussionen drüber, und letztendlich haben wir jetzt doch eine Einigung gefunden. Die ersten Objekte sind ja fertig, und wir werden die ersten Blöcke im vollen Glanz erstrahlen sehen."

Zeitgemäßes Wohnen und Denkmalschutz, passt das zusammen? Von der Siedlung Falkenberg bis hin zur Wohnstadt Carl Legien spannt sich ein großer Bogen, der die Revolution im sozialen Wohnungsbau in Berlin beschreibt. Und vielleicht sind Bruno Tauts Siedlungen ja wirklich bald auf der Weltkulturerbe-Liste verzeichnet. Christian Scheffler von der BauBeCon würde das nicht wundern.

"Wir sind schon stolz auf die Siedlung. Viele Mieter auch, gerade die langjährigen Mieter, die lange hier wohnen, aber auch viele, die von außerhalb kommen. Wir haben wöchentlich hier Architekturstudenten, die also um Führungen bitten, die hier sich die Siedlung anschauen wollen. Also man merkt schon, dass die Carl Legien Siedlung hier im Bezirk etwas besonderes ist, das kriegen wir zu spüren, und das macht uns natürlich auch stolz."

Wem der Eintrag in die Weltkulturerbe-Liste nützen würde, bleibt zunächst eine offene Frage. Als Touristenziel wie die Alhambra oder der Kölner Dom sind die Siedlungen jedenfalls nicht zu gebrauchen. Doch die Bauten haben Vorbildcharakter, denn Bruno Taut wusste genau, dass zum Wohnen mehr als vier Wände gehören. "Wohnst Du noch, oder lebst Du schon?" der Slogan aus dem schwedischen Möbelhaus hätte von Bruno Taut sein können. Allerdings hätte Taut den flotten Werbespruch ziemlich ernst genommen.

(Wdh. vom 21.5.2004)

Länderreport

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