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Interview / Archiv | Beitrag vom 19.03.2015

Wohin mit dem Atommüll?"Nicht für jedes Ländchen eine eigene Lösung"

Georg Erdmann im Gespräch mit Dieter Kassel

(Sebastian Kahnert/dpa)
Wohin mit dem Müll? Eine internationale Suche nach Standorten dürfe kein Tabu mehr sein, meint der Energie-Experte Georg Erdmann. (Sebastian Kahnert/dpa)

Die Frage, wo und wie wir unseren Atommüll lagern, sollte international gelöst werden, meint der Energie-Experte Georg Erdmann: Der Müll müsse nicht automatisch in deutschem Boden entsorgt werden. Doch Deutschland denke dabei zu biedermeierlich.

Kleinteilig, lokal und ein bisschen biedermeierlich - so denken die durch ihre föderalen Strukturen geprägten Deutschen in manchen Dingen, zum Beispiel, wenn es um eine Lösung für den radioaktiven Müll geht. Zu diesem Schluss kommt zumindest der Energie-Experte , Präsident der Gesellschaft für Energiewissenschaft und Energiepolitik.

Die beiden größten Probleme in Deutschland seien: Keine Gemeinde wolle ein Endlager vor ihren Toren haben - nach dem Motto: Not in my backyard.

"Und das Zweite ist, dass man politisch gesagt hat: Wenn wir die Kernenergie versuchen zu verhindern, dann ist das unter anderem dadurch möglich, dass wir kein Endlager zulassen."

Doch wer diese Meinung vertrete, übersehe, dass die Abkehr von der Atomenergie ja in Deutschland längst beschlossen sei und es gar nicht mehr darum gehe, sie zu verhindern.

Es dürfe kein Tabu mehr sein, über internationale Lösungen nachzudenken: Die Internationale Atomenergiebehörde, die bislang für die Überwachung der Kernkraft weltweit zuständig gewesen sei solle sich darum kümmern. "Und wenn man jetzt sagt: Ihr seid dafür da, dass es eine international koordinierte Lösung für den Endmüll gibt und nicht jedes Ländchen seine eigene Lösung versucht - ich glaube, das würde helfen." 


 

Das Interview im Wortlaut:

Dieter Kassel: Heute kommt in Deutschland ein Film ins Kino, der den Titel trägt "Die Reise zum sichersten Ort der Erde", und in dem es um die Suche nach einem Endlager für hoch radioaktiven Müll geht. Der Macher des Films, Edgar Hagen, reist durch die ganze Welt, und am Ende seines Films dann plötzlich zieht er folgendes Fazit:

O-Ton Film: Ich habe hoch radioaktive Abfälle gesehen, die ziellos durch die Welt irren. Ich habe gesehen, wie man mit Technik und Wissenschaft versucht, Sicherheit zu schaffen. Ich habe gesehen, wie man mit Strategien und Marketing versucht, Sicherheit zu versprechen. Den sichersten Ort der Erde, habe ich den gesehen?

Kassel: Das lässt er offen, das darf dann der Zuschauer entscheiden. Das war das Fazit des Regisseurs des Films "Die Reise zum sichersten Ort der Erde", Edgar Hagen am Ende seines Films. Das passt gut zu unserem Themenschwerpunkt über unseren Umgang mit moderner Technik, und es passt zum Gespräch mit Georg Erdmann, Professor an der TU Berlin und Präsident der Gesellschaft für Energiewissenschaft und Energiepolitik. Schönen guten Morgen, Herr Erdmann!

Georg Erdmann: Guten Morgen, Herr Kassel!

Kassel: Warum gibt es noch immer kein Endlager für hoch radioaktiven Müll?

Erdmann: Es gibt einerseits einen technischen Grund dafür: Der radioaktive Müll, wenn man ihn aus den Kernkraftwerken herausnimmt, ist sehr strahlend und wärmeerzeugend. Und wenn man ihn einige Jahrzehnte in einem oberflächenliegenden Endlager, Zwischenlager lagert, geht diese Strahlung zurück. Das heißt, der Müll ist leichter zu deponieren. Und deswegen hat man immer gesagt, ja gut, wir nehmen einige Jahrzehnte Zeit, bis wir dieses radioaktive Material dann an einem endgültigen Lager verbringen. Und jetzt ist es langsam Zeit, dass man sich darüber Gedanken machen muss, wo soll man das denn hin transportieren. Und dazu hat ja die Bundesregierung eine Kommission in Kraft gesetzt, die die Entscheidung bis 2030 treffen soll.

Kassel: Aber ist das nicht auch eine politische Frage? Ist es nicht schlicht so, dass eigentlich kein Landes-, kein Regionalpolitiker seinen Wählern erklären will, na ja, der beste Ort ist leider bei euch um die Ecke?

Erdmann: Ja, es gibt ja zwei Probleme dabei. Das eine ist das, was Sie eben erläutert haben: Wenn eine Gemeinde irgendwie weiß, bei uns kommt das, dann wird dort natürlich ein erheblicher Protest sein. Das ist dieses sogenannte "not in my backyard", "nicht in meiner Umgebung", den Nimby-Effekt nennen wir das.

Und das Zweite ist, dass man politisch gesagt hat, na, wenn wir die Kernenergie versuchen zu verhindern, dann ist das unter anderem dadurch möglich, dass wir kein Endlager zulassen. Das heißt, dass wir die Diskussion um einen Endlagerstandort verzögern oder behindern und so weiter. Das ist jetzt natürlich mit dem Ausstieg aus der Kernenergie, wenn er mal vollzogen worden ist, hat sich die Welt dann ganz komplett geändert, dann geht es ja wirklich um die Beseitigung dieser Altlasten und nicht um die Schaffung von Gelegenheiten, um neue Kernkraftwerke zu betreiben. Und das wird die Situation nach meinem Denken etwas entlasten.

Bei diesem Nimby-Effekt wird es allerdings immer noch bleiben, und dazu muss man sich halt mal überlegen, ob es überhaupt Sinn macht, dass man zum Beispiel in hoch industrialisierten und dicht besiedelten Gegenden Europas ein Endlager überhaupt sucht.

Eine Aufgabe für die Atomenergiebehörde

Kassel: Das heißt, Sie würden es für eine mögliche und sinnvolle Lösung halten, auch den deutschen Atommüll in irgendeinem anderen Land endzulagern?

Erdmann: Mein Vorschlag ist, es gibt die Internationale Atomenergiebehörde, die ja bisher für die Überwachung der Kernkraft in der ganzen Welt zuständig war. Das beruht auf diesem Non-Proliferationsvertrag. Und die Behörde hat sich eigentlich einen ganz guten Ruf verschafft. Und wenn man jetzt sagt, ihr seid dafür da, dass es eine international koordinierte Lösung für den Endmüll gibt und dass nicht jedes Ländchen seine eigene Lösung versucht, ich glaube, das würde der Sache helfen.

Bloß, dummerweise gab es mal vor einigen Jahrzehnten einen Beschluss, einen internationalen Beschluss, dass jedes Land für seinen eigenen Müll aufkommen soll. Das heißt, es soll nicht einen sogenannten Mülltourismus geben. Das passt allerdings zu der Problematik der Kernenergie meiner Ansicht nach sehr wenig. Wir machen internationale Handelsabkommen mit Amerika, Frau Merkel hat eine Wirtschaftszone bis nach Wladiwostok vorgeschlagen und dann fangen wir an, bei solchen Problemen in Klein-Klein zu denken! Das halte ich ein bisschen für schwierig.

Aber die Zeit drängt ja nicht und vielleicht gelingt es ja irgendwo, einen internationalen Ansatz zu finden, sodass man dann natürlich Geld dafür bezahlt, wenn ein Land, das zum Beispiel unbesiedelt ist oder wo schon Altlasten radioaktiver Art vorliegen, zum Beispiel aufgrund der früheren Kernwaffenexperimente oder auch anderer militärischer Probleme, dass man dort hingeht und sagt, dann machen wir eine internationale Zone und dort wird unter Aufsicht der Internationalen Energieagentur die Endlagerung des Kernkraftbrennstoffs vorgenommen. Jetzt gibt es dabei ein kleines Problem, und zwar ist dieser Kernmüll eigentlich noch ein bisschen was anderes als einfacher Müll, weil das ... Da ist ja immer noch Brennstoff enthalten, den man, wenn man ihn abtrennen könnte, könnte man damit neue Energien gewinnen.

In die Zukunft denken

Das heißt, der radioaktive Anteil des Urans, hat ja 0,8 Prozent, und dann wird der, bevor man die Brennstäbe herstellt, auf fünf Prozent angereichert, und wenn man den Brennstab aus dem Kernkraftwerk wieder rausnimmt, ist der etwa bei drei Prozent. Das heißt, man hat immer noch das meiste von dem eigentlichen Wertstoff in dem Ab- (Telefonstörung)... wenn es später mal irgendwo jemandem gelingt, dies zu nutzen, also nicht mit den heutigen Technologien, sondern vielleicht mit Transmutation oder was alles da irgendwie den Leuten so einfällt, dann wäre es natürlich blöd, wenn man dann nicht mehr an diese Brennstäbe rankommt, um sie dann wieder zu verwerten oder zu irgendwas Vernünftigem zu machen. Und vor dem Hintergrund ist natürlich auch die Diskussion, lasst uns doch lieber erst noch mal ein bisschen warten, bevor wir endgültige Entscheidungen treffen!

Kassel: Aber das bringt mich wirklich zu einer der Kernfragen – das ist jetzt kein Kalauer, Kernenergie, Kernfragen –, zu einer der Kernfragen dieses Themas: Denn Forschung in diesem Bereich ist ja zumindest in Deutschland fast tabuisiert. Das merken wir ja auch, wenn wir Experten suchen für den Abbau von Kernkraftwerken. Sollte man wieder positiver auch über die Forschung im Bereich der Kernenergie – es muss ja nicht darum gehen, neue Kraftwerke zu bauen – reden?

Blick in den Salzstock Gorleben (Deutschlandradio / Axel Schröder)Es muss nicht unbedingt Gorleben sein: Der Salzstock Gorleben wird mit dem Neustart der Endlagersuche vorerst nicht weiter erkundet. (Deutschlandradio / Axel Schröder)

Erdmann: Ja, ich finde, das ist ein ganz wichtiger Hinweis, den Sie sagen, auch aus internationaler Sicht. Als die Deutschen Kernforschungsinstitute betrieben haben und die auch wirklich Kernforschung betrieben haben, hatten diese Menschen, diese Gruppen hohes internationales Renommee. Und dieses internationale Renommee geht jetzt teilweise verloren. Und es ist ganz offensichtlich, unsere Diskussion zeigt ja: Auch wenn die Kernkraftwerke nicht mehr betrieben werden bei uns, ist es notwendig, dass wir in Deutschland diese Forschung, Kernforschung weiter betreiben. Und zwar einerseits, wie betreibt man Kernkraftwerke, die laufen sicher, also zum Beispiel Tschernobyl oder Fukushima, was waren die Ursachen, was hat man da falsch gemacht und so weiter, das muss erarbeitet werden; und natürlich auch die Frage, wie kann man zum Beispiel mit dem Brennstoff am Schluss so umgehen, dass er nicht weiter gefährdet, und welche Art von Endlagerung ist denn die technisch sinnvollste?

Und diese Fragen, die müssten weiter bearbeitet werden. Aber es ist klar, heute ist das politisch natürlich nicht opportun. Wenn eine Bundesregierung zum Beispiel sagt, wir wollen jetzt soundso viel Millionen Euro in die Kernforschung stecken. Dann ruft jeder, und warum macht ihr das nicht in Fotovoltaik oder in Windenergie oder in Stromspeicher und so weiter. Das heißt, da ist ...

Deutsche Mentalität

Kassel: Halten Sie denn in diesem Zusammenhang, aber vielleicht auch allgemein, die Deutschen zu technikfeindlich?

Erdmann: Das würde ich so nicht sagen. Wir sind ein vorsichtiges Land, wir haben zwei Weltkriege verloren, haben großes Unheil angerichtet. Und die Mentalität wirkt jetzt hier noch nach. Viele andere Länder, zum Beispiel die Franzosen oder die Engländer, die können unsere Haltung zur Kernenergie nicht wirklich verstehen, weil sie auch das nicht so miterlebt haben. Dieses historische Gedächtnis des Volkes ist eben da ein bisschen anders.

Und wir sind halt außerdem ein Land, was sehr gerne sehr lokal denkt. Also, wir haben einen föderalen Staatsaufbau und bei unseren Gemeinden gibt es jetzt immer mehr Direkte-Demokratie-Elemente und die Leute wollen Bürgerwindparks und so weiter. Das heißt, wir denken nicht so gerne in großen Einheiten. Und das führt auch dazu, dass man eben sagt, small is beautiful, ich möchte es kontrollieren, ich möchte es vor meiner Haustür sehen, wo der Strom herkommt und so weiter. Diese Mentalität, ich sage mal, ein bisschen biedermeierartig, die ist in Deutschland halt auch heute wieder sehr modern. Der Kaiser, der gesagt hat, ich brauche eine Flotte, damit ich die Welt beherrsche, das interessiert heute in Deutschland niemanden.

Kassel: Danke schön! Das war der Präsident der Gesellschaft für Energiewissenschaft und Energiepolitik Georg Erdmann über die schwierige Suche nach einem Endlager für hoch radioaktiven Müll. Herr Erdmann, vielen Dank für das Gespräch!

Erdmann: Bitte schön!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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