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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 25.11.2007

Woher kommen unsere Essvorlieben?

Von Udo Pollmer

Frisches Obst und Gemüse (Stock.XCHNG / Maciej Lewandowski)
Frisches Obst und Gemüse (Stock.XCHNG / Maciej Lewandowski)

Sind Essgewohnheiten Resultat von Erziehung oder haben sie biologische Ursachen? Eine aktuelle Studie des King’s College in London besagt: Unsere Vorlieben sind angeboren.

Anlass: Warum liebt ein Kind von Anfang an Wurst und das andere Bananen und Kartoffeln? Ist unser Essverhalten erlernt oder angeboren? Eine aktuelle Studie des King’s College in London fand eine Antwort auf die alte Frage: Sind Essgewohnheiten Resultat von Erziehung oder haben sie biologische Ursachen?

Ergebnis dieser Studie: Unsere Vorlieben sind angeboren. Zu diesem Zweck wurde die Ernährung von über 3000 weiblichen Zwillingen im Alter von 18 bis 79 Jahren untersucht. Durch den Vergleich der Essgewohnheiten von eineiigen Zwillingen mit den zweieiigen zeigte sich, dass die Ernährungsgewohnheiten fast zur Hälfte genetisch bedingt sind. Dies galt insbesondere für den Genuss von Knoblauch, Kaffee, Obst & Gemüse sowie von Fleisch. Aus anderen Studien weiß man zudem, dass der Hang ein breites Speisenangebot zu nutzen oder ein heikler Esser zu sein, ebenfalls angeboren ist.

Gibt’s was an dieser Studie auszusetzen? Wenig. Der Einfluss des Stoffwechsels ist wahrscheinlich noch größer, als die Arbeit vermuten lässt. Insbesondere weil es sich um weibliche Zwillinge handelt. Und da unterscheiden sich die eineiigen Exemplare stärker voneinander als bei den männlichen Pendants. Das hängt damit zusammen, dass Frauen zwei X Chromosomen besitzen und Männer nur ein X plus ein (unbedeutendes) Y-Chromosom. Dadurch wird der genetische Einfluss unterschätzt.

Aber der soziale Einfluss des elterlichen Vorbilds lässt sich doch nicht leugnen? Sicher, wenn es darum geht, bitte und danke zu sagen oder mit Messer und Gabel zu essen. Was gegessen wird, ist Physiologie, das ist Sache des Körpers und nicht des Kopfes. So hat man untersucht, ob die Kinder das Lieblingsgericht ihrer Eltern übernehmen. Genau das ist nicht der Fall. Aber aufgrund der genetischen Verwandtschaft bevorzugen sie meist Lebensmittel aus der gleichen Gruppe.

Wie entstehen dann Ernährungsvorlieben? Zunächst einmal hängt es davon ab, wie der Stoffwechsel designed ist, was der Mensch verträgt und was nicht. Und das ist bei jedem etwas anderes. Aus den berühmten Nahrungswahlversuchen, die Clara Davis vor knapp 100 Jahren mit Kleinkindern durchgeführt hatte, wissen wir, dass Säuglinge nach dem Abstillen ganz explizite Präferenzen zeigen, die einen präferieren – nachdem sie sich durch das Angebot probiert hatten – Milchprodukte, die nächsten Obst und wieder andere lieben Fleischwaren. Kinder, die sich einseitig ernähren durften, gediehen besser als solche, die sich an die Vorgaben halten mussten.

Aber Eskimokinder essen doch was anderes als ein italienisches Bambini. Ist das etwa auch angeboren? Natürlich hängen die Vorlieben dann davon ab, was in der jeweiligen Gesellschaft an Nahrung verfügbar ist. Das bildet den Rahmen in dem sich der Stoffwechsel orientieren muss. Die Justierung beginnt bereits im Mutterleib. Es gibt also noch eine Zwischenwelt zwischen den Genen und der Erziehung. Im Mutterleib sind die Geschmacksrezeptoren des Fötus bereits aktiv und nehmen die Aromen der Speisen im Fruchtwasser wahr. Gleichzeitig nimmt das Kind die hormonellen Effekte, also ob Mutter dabei zufrieden war oder Stress hatte, gleichermaßen wahr. Deshalb ist der Stoffwechsel des Eskimokindes eher auf rohen Fisch eingestellt als auf Spaghetti. Aber bei den Eskimos gibt’s genauso Unterschiede von Kind zu Kind wie anderswo auch.

Woher kommen die ausgeprägten Aversionen vieler Kinder gegen bestimmte Speisen? Während der Kindheit entwickeln sich vielfach auch Aversionen. Wer eine Muschelvergiftung hatte, kennt den Effekt: er mag erst mal für die nächsten Monate keine Muscheln mehr. Beim Kind spielen auch Kinderkrankheiten eine wichtige Rolle. Wenn nach dem Probieren der ersten Ananas Windpocken auftreten, dann ist das Thema Ananas meist für den Rest des Lebens "gegessen". Zudem ist der kindliche Stoffwechsel in Sachen Entgiftung vielfach empfindlicher. Deshalb lehnen gesunde Kinder meistenteils Brokkoli oder Weizenvollkorn ab. Damit sich Kinder vor ungesunden Lebensmitteln schützen können, reagieren sie besonders empfindlich auf Bitterstoffe. Untersuchungen zeigen, dass die Ablehnung von Speisen umso häufiger und umso heftiger ausfallen, je toxischer ein Produkt für den kindlichen Stoffwechsel ist.

Sie können das Gespräch mit Udo Pollmer mindestens bis zum 25.4.2008 in unserem Audio-on-Demand-Player nachhören.


Literatur:
Teucher B et al: Dietary patterns and hertiability of food choice in a UK female twin cohort. Twin Research ans Human Genetics 2007; 10: 734-748
Schaal B et al: Human foetuses learn odours from their pregnant mother’s diet. Chemical Senses 2000; 25: 729-737
Cooke L et al: Relationship between parental report of food neophobia and every day food consumption in 2-6-year-old children. Appetite 2003; 41: 205-206
Davis C: American Journal of Diseases of Children 1928; 36: 651-
Pollmer et al: Prost Mahlzeit! Krank durch gesunde Ernährung. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2002

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