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Religionen / Archiv | Beitrag vom 13.10.2012

Wo Sprache und Glaube fest zusammenhängen

Sorbische Katholiken haben ihre Bräuche gut bewahrt

Von Adolf Stock

Die Teilnehmer einer Pfingstprozession laufen durch Graenze (Kreis Bautzen).
Die Teilnehmer einer Pfingstprozession laufen durch Graenze (Kreis Bautzen). (picture alliance / dpa / Sebastian Kahnert)

Nur eine Minderheit der Sorben in der Lausitz wurde nach der Reformation nicht protestantisch. Aber gerade die katholischen Sorben habe ihre Sprache und Bräuche am Besten bewahrt, so dass Sprache und Glaube eng verbunden sind.

"Für viele, die Kontakt mit den Sorben haben, ist katholisch und Sorbe fast das Gleiche - heute. Es gab unheimlich viele evangelische Sorben. Um 1900 herum waren von der sorbischsprachigen Bevölkerung hier in der Lausitz vielleicht 20 Prozent katholisch und 80 Prozent evangelisch oder protestantisch."

Dekan Clemens Rehor ist Pfarrer in Crostwitz, einem Dorf in der Nähe der Stadt Kamenz, die schon zum deutschen Sprachgebiet in der Oberlausitz zählt. Sein evangelischer Amtskollege, Superintendent Jan Mahling, hat sein Büro in Bautzen, wo die Mehrzahl der Sorben evangelisch sind. Die Kreisstadt ist das städtische Zentrum der Sorben, weil hier alle wichtigen Institutionen für die sorbische Bevölkerung versammelt sind. Jurij Wuschansky ist heute im Ruhestand, er war lange Jahre Sprecher der Domowina, dem Dachverband der sorbischen Vereine und Vereinigungen. Von der steinernen Brücke, die das Tal der Spree überspannt, ist das imposante Panorama der mittelalterlichen Stadt zu überblicken:

"Wir stehen auf der Friedensbrücke 'Móst měra‘ und sehen unten links von uns die Michaeliskirche, die sogenannte Wendische Evangelische Kirche. Dahinter sehen wir den Turm der Simultankirche, Petridom, die mit der Reformation geteilt wurde, ein Drittel blieb katholisch, der Hauptaltar, und mitten in der Kirche ist ein zweiter Altar, natürlich ohne Bild, also nur Tisch und so weiter für die evangelischen Sorben."

Der Dom Sankt Petri dient beiden Konfessionen als Gotteshaus. Jurij Wuschansky beschreibt die weiteren Kirchen der Stadt:

"Den Turm, den wir jetzt nicht sehen, dahinter dann noch und praktisch außerhalb der Stadtmauer die katholische Kirche, die sorbische- katholische 'Zu unserer lieben Frau‘."

Konfessionelle Unterschiede finden sich auch in der sorbischen Sprache. Wenn Jan Mahling oder Clemens Rehor Bekannte treffen, grüßen sie entsprechend der sorbischen Tradition:

Mahling: "Sagen wir mal mittags, dann begrüßen sich die Evangelischen mit Pomhaj Bóh 'Gott helfe‘, die Antwort lautet Wjerš pomhaze 'Der Höchste wird helfen‘. Und im katholischen Bereich sagt man Chwaleń Jězus Chryst 'Gelobt sei Jesus Christus‘, und die Antwort Na wěki Amen 'In Ewigkeit Amen‘."

Rehor:"Das Religiöse ist in der Sprache schon mit enthalten. Das Wort für Glück übersetzt bedeutet 'mit Gott‘ und Unglück heißt 'ohne Gott‘, da merkt man, dass hier eine sehr alte Sprache da ist, die auf dem Ackerfeld des Glaubens entstanden ist."

Wirklich erklären kann Clemens Rehor es nicht, aber der katholische Pfarrer spürt, dass es eine tiefe Verbindung zwischen Sprache und Glauben gibt:

"Wenn ich Erstkommunionsunterricht in sorbischer Sprache halte, dann ist der Glaube schon da, sage ich mal so ganz primitiv. Wenn ich in deutscher Sprache den Unterricht mache, dann musst du dich bemühen und mit den Kindern beten und versuchen, alles zu erklären und an das Geheimnis des Glaubens heranzuführen. Das macht sich in der sorbischen Sprache viel leichter, und wir spüren, dass ein Einsatz für die Sprache auch ein Einsatz für den Glauben bedeutet."

Rund 10.000 katholische Sorben leben in der Oberlausitz. In Crostwitz betreut Clemens Rehor die größte Gemeinde im ganzen Gebiet:

"Die Kirche, die Sie hier drüben sehen, da kommen 1200 Leute in die Kirche, jeden Sonntag, in diese hier. Und von den vier Sonntagsgottesdiensten ist einer in deutscher Sprache, das heißt, 1000 Leute singen und beten hier in dieser Kirche sorbisch."

Am Dorfrand von Crostwitz liegt der sorbische Kindergarten. Hier wird sorbisch gesprochen und gesungen, auch wenn alle Kinder zweisprachig sind.

Clemens Rehor: "In Crostwitz bringen Eltern ihre Kinder aus deutschen Dörfern, die kein Wort sorbisch sprechen, damit sie die Sprache lernen, das hat es früher nicht gegeben. Ich mache mir über die Zukunft einer Sprachgruppe solange keine Sorgen, solange Kinder diese Sprache sprechen."

Ein paar Kilometer weiter liegt das Kloster Sankt Marienstern. Ihm verdanken viele sorbische Dörfer, dass sie nach der Reformation katholisch bleiben konnten.

Jan Mahling: "Im 13. Jahrhundert wurde das Kloster Marienstern gegründet und ist seit dieser Zeit ununterbrochen besetzt. Es wurden ja die Klöster Anfang des 19. Jahrhunderts alle aufgehoben. Nicht in der Oberlausitz, weil hier keine religiösen Veränderungen stattfinden durften, aufgrund alter Verträge und auch die lutherischen Landstände sich eingesetzt haben dafür, dass das Kloster erhalten bleibt, dass die Verträge eingehalten werden."

Superintendent Jan Mahling erzählt, dass schon im 19. Jahrhundert immer mehr sorbische Dörfer zu deutschen Dörfern wurden. Evangelische sorbische Dörfer gibt es heute nicht mehr:

"Man weiß, dass 90 Prozent der Sorben evangelisch gewesen sind, das heißt die Muttersprache, das Sorbische ging verloren. Und dieser Assimilierungsprozess hat uns letztendlich die Seelenzahl gekostet. Es ist nicht mehr dieses volkskirchlich breite dörferweise Sorbisch-Evangelische."

Schon Jan Mahlings Großvater war sorbischer Pfarrer, aber seine Frau kam aus Schlesien. Nach der Hochzeit wurde in der Familie deutsch gesprochen. Ein typischer Fall im sorbisch-protestantischen Gebiet. Dabei waren es gerade die Lutheraner, die nach der Reformation die sorbische Sprache gefördert haben:

"Die Reformation hat das Muttersprachprinzip deutlich stärker gewichtet als die mittelalterliche Kirche. Die lutherischen Geistlichen, die hier in die Lausitz kamen, mussten sorbisch predigen, sie brauchten die Bibeltexte sorbisch, sie brauchten den Katechismus sorbisch, die Choräle mussten sorbisch gesungen werden. Das heißt, nach der Reformation setzte eine reiche Editionstätigkeit ein, nicht sofort, sondern allmählich. Und die Entstehung des sorbischen Schrifttums ist eine Frucht der Reformation."

Später gab es auch sorbische Komponisten, die mit ihrer Musik die nationale Identität gefördert haben. Schon im 19. Jahrhundert wurden sorbische Volkslieder gesammelt und Choräle und Oratorien geschrieben. Eine Tradition, die sich bis heute fortsetzt. Ein Höhepunkt ist die 'Missa Solemnis‘ von Bjarnat Krawe-Schneider. Das expressive Werk für gemischten Chor und Orgel für die katholische Liturgie wurde 1932 von einem evangelischen Sorben komponiert.

Superintendent Jan Mahling sieht sich in dieser pragmatischen Tradition, die dem christlichen Glauben und dem Volk der Sorben gleichermaßen dient:

"Wir leben nun seit Luthers Zeiten auf engstem Raum nebeneinander. Natürlich gab es auch die üblichen Klischeevorstellungen zwischen evangelisch und katholisch auch auf sorbischer Seite, aber das hat sich im Laufe der Zeit sehr gegeben, tritt eigentlich kaum noch auf, zumal in der Zeit des Sozialismus ganz andere Probleme waren, als die Pflege konfessioneller Besonderheiten. Von daher ist das Verhältnis im Großen und Ganzen unproblematisch. Jeder macht seins, und da ist guter Frieden."