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Wo Ethik und Geld kein Widerspruch sind

Christliches Banking in der Finanzkrise

Von Dimitrios Kisoudis

Das 20. Jahrhundert war eine schwierige Zeit für christliche Banken.
Das 20. Jahrhundert war eine schwierige Zeit für christliche Banken. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

Banken und Investmenthäuser sind heute aber für ihre gewinnorientierte Denkweise verschrien. Einige versuchen, ethische Standards in den Vordergrund zu stellen.

Wie so vieles am Islam faszinieren die Banken, die nach den Vorgaben der Scharia wirtschaften. Gibt es eine christliche Entsprechung zum "Islamic Banking", gibt es christliches Banking? Als Grundlage kann hier nicht nur die Bibel dienen; die christliche Tradition verbindet römisches Recht und das kanonische Recht der katholischen Kirche.

Jesús Huerta de Soto ist Professor für Ökonomie an der Universität Madrid, er beschäftigt sich mit den Bankvorschriften des römischen Privatrechts. In seinem Büro läuft klassische Musik, auf dem riesigen Schreibtisch liegen die chinesischen und arabischen Übersetzungen seines Hauptwerks "Geld, Bankkredit und Konjunkturzyklen". Huerta de Soto sitzt vor dem Fenster, unter dem dunklen Seitenscheitel schimmert das Haar an den Schläfen grau:

"Nachdem das römische Reich untergegangen ist, erhält sich die römische Kultur in den christlichen Konventen, entwickelt sich und wird analysiert und glossiert. Über die Glossatoren gelangen die Prinzipien des römischen Rechts ins kanonische Recht und verbreiten sich über Europa. Und diese Rechtsvorschriften des klassischen Rom bilden noch heute die rechtlichen Grundlagen Europas."

Wie stark sind christliche Banken dieser Grundlage heute verpflichtet? Das 20. Jahrhundert war eine schwierige Zeit für christliche Banken, viele von ihnen haben es nicht überstanden. Die Banco Ambrosiano, 1896 in Mailand als katholisches Gegenmodell zu den weltlichen Banken gegründet, ist 1987 in Skandalen und wilden Verschwörungen untergegangen. Die spanische CajaSur war die einzige katholische Bank in Spanien, sie wurde 2010 der Sparkasse der Bizkaia einverleibt, weil sie sich im Bauboom verausgabt hatte. Und selbst die Vatikanbank steckt seit einigen Monaten in einem schweren Geldwäsche-Skandal.

In Deutschland ist manche katholische Bank gut ins 21. Jahrhundert gekommen. Die "Pax-Bank für Kirche und Caritas" in Köln gibt es schon seit 1917. Durch einen mintgrünen Schalterraum gelangt man ins Büro von Christoph Berndorff, ihrem Vorstandsvorsitzenden. Berndorff ist ein großer Mann mit Halbglatze und einer randlosen Brille. Die Leitlinie der Pax-Bank heißt "Ethik und Nachhaltigkeit". Welche Investments ethisch korrekt sind, legt ein Ethik-Beirat fest:

"Wir haben dort ein sehr pluralistisch zusammengesetztes Gremium, vertreten aus Orden, Großbank, Unternehmensberatung, Caritas usw. Und in dieser Pluralität findet sich eine Meinung, die in der Tat vielfach sehr intensiv diskutiert werden muss, die auch nicht in Stein gemeißelt sind, die Ergebnisse, sondern man kommt dann auch manchmal nach drei, vier Jahren zu der Annsicht, dass man eben Rüstungsgüter auch unter Umständen zum Teil genehmigen kann und darf, siehe Afghanistan-Krieg."

Ist der Krieg in Afghanistan ein "gerechter Krieg" im Sinne der christlichen Theologie? Wohl kaum. Ob etwas als ethisch korrekt gilt, hängt mitunter vom Zeitgeist ab. Auch die Steyler Bank hat sich auf "ethische Geldanlagen" spezialisiert. Sie ist die einzige Missionsbank der Welt, 1964 wurde sie von den Steyler Missionaren in Sankt Augustin gegründet. Ihr Hauptsitz liegt in der Nähe des Priesterseminars. Auf dem Weg zum Büro des Geschäftsführers erzählen Fotografien aus aller Welt von den Hilfsprojekten der Mission. Norbert Wolf, ein schlanker, rothaariger Mann mit Oberlippenbart, achtet auf die Nachhaltigkeit von Investitionen - was nicht immer einfach ist:

"Wir beziehen ja unseren Nachhaltigkeitsresearch von einer Agentur, die nichts anderes macht als Unternehmen zu analysieren und zwar nur nach ökologischen und sozialen Kriterien. Und da bekommen wir monatlich ein Update und ein sogenanntes Ad-hoc-Research. Und das Ad-hoc-Research bauen wir wiederum in unsere Depots ein. Die Schwierigkeit liegt ja darin, ein Urteil abzugeben nicht nur bei der Erstinvestition, sondern was ist, wenn man etwas erworben hat, im Bestand hat und dort verändert sich auf einmal die Situation in den Unternehmen."

Aber ist die "Nachhaltigkeit" überhaupt ein christliches Kriterium? Der Begriff kam in Mode, als der "Club of Rome" 1972 seine Studie zu den "Grenzen des Wachstums" veröffentlichte. Er besagt, dass zu großes Wirtschaftswachstum die natürlichen Ressourcen bedroht, also nicht nachhaltig ist. Die Nachhaltigkeit stammt aber nicht aus der kirchlichen Tradition, nachhaltige Investments können eine christliche Bank kaum von einer beliebigen politisch korrekten Bank unterscheiden.

Es gibt aber ein juristisches Kriterium, mit dem die Kirche über Jahrhunderte zu tun hatte, und das ist der Unterschied zwischen Depositen und Darlehen. Er stammt aus dem römischen Privatrecht, wie Jesús Huerta de Soto weiß:

"Das "depositum irregulare" ist die Einlage eines verbrauchbaren Gutes wie Weizen, Öl oder Geld. Sein Wesen besteht darin, dass der Empfänger die Pflicht hat, es zu bewachen oder beschützen. Wenn er sich einen Teil des empfangenen Gutes aneignet, begeht er das Vergehen der Gebrauchsanmaßung. Dagegen überträgt man beim Darlehen das Eigentum und den Gebrauch der Sache, und der Empfänger kann sie eine bestimmte Zeit lang benutzen. Ist diese Zeitspanne abgelaufen, muss er die Sache mit einer Art Zins zurückgeben."

Der Zins hängt also daran, ob Geld nur deponiert oder verliehen wird. Wird das Geld verliehen, erlaubt das römische Recht einen Zins für die Benutzung. Wird das Geld nur deponiert, eingelegt, ist ein Zins verboten. Wie gehen die kirchlichen Banken mit dem abendländischen Verbot um, deponiertes Geld zu verwenden?

Christoph Berndorff: "Wir müssen ja die Einlagen, die uns die Kunden geben, das ist bei uns ungefähr in der Größenordnung von knapp zwei Milliarden, ja irgendwie verwenden. Und die Verwendungsmöglichkeit für eine Bank ist einmal, dass sie Kredite vergibt. Und für eine knappe Hälfte dieser Einlagen vergeben wir eben Kredite an Privatkunden, aber auch an Institutionen, weitgehend im Feld des Karitativen."

Die Pax-Bank macht es wie die anderen Banken auch. Wenn der Priester sein Geld bei der Bank deponiert, bekommt der Diakon dafür einen Kredit. Denn die Einlagen werden nicht einfach aufbewahrt, sie werden zum Teil als Kredite an andere Kunden vergeben. Vom Geld des Priesters kann sich der Diakon ein neues Auto kaufen. Das ist in unserem Bankensystem überall so. Bei der Steyler Missionsbank sind die Einlagen bis zu einer Höhe von 3,9 Millionen Euro pro Kunde gesichert, immerhin. Aber auch bei ihr liegen die Einlagen nicht nur zur Überwachung, wie es das römische Privatrecht vorschreiben würde.

Während das römische Recht den Zins nur für Darlehen erlaubte, verbot das kanonische Recht den Zins sowohl für Einlagen als auch für Darlehen. Hier ist die abendländische Tradition gespalten, wie Jesús Huerta de Soto festgestellt hat:

"Die drei großen monotheistischen Religionen verboten den Zins, im Fall des Christentums mit schrecklichen geistlichen und weltlichen Strafen. Daher suchte man nach Auswegen, um Darlehen zu nehmen, ohne den Buchstaben des Gesetzes zu verletzen. Einer dieser Auswege war es, das Darlehen zu einem Depositum zu erklären, das sogar ausdrücklich zu bekennen. Es hieß deshalb "depositum confessatum"."

Weil ich keinen Zins zahlen darf, tarne ich den Zins als Strafe für eine verspätete Rückzahlung des Darlehens. Dieser Trick bewahrte den Geber und den Nehmer des Darlehens kurzfristig vor den Strafen der Kirche. Aber langfristig ließ der Trick den Unterschied zwischen Darlehen und Depositen verschwinden.

Am 18. August 1830 sprach sich Papst Pius VIII. in einem Brief gegen das Zinsverbot aus. Aber das Verbot aus dem kanonischen Recht bleibt drohend im Hintergrund. Die Steyler Bank hat für sich eine Lösung gefunden. Sie nimmt und gibt zwar Zins, neutralisiert ihn aber, indem sie ihn an die Spende in die Missionsarbeit knüpft. Sven Goltz war als Kind Messdiener, heute ist er bei der Steyler Bank Kundenberater. Ein Kunde hat ihm schon nachgesagt, er habe Ähnlichkeit mit einem Priester. Der smarte Mann im dunklen Anzug spricht vom "guten Zins" für die Mission:

"Mit der Zinsspende sind wir gestartet als Bank. Schon 1964. Der Grund mit, warum die Bank gegründet wurde, war ja auch der Wunsch vieler ordensnaher Leute, die dem Orden Geld leihen, was sie selber nicht benötigen, damit der Orden eben dafür Erträge erwirtschaften kann. Und dann hat man eben die Bank gegründet, um eben auch eine rechtlich sichere Grundlage zu bieten, dass das Geld verwahrt werden kann."

Bei der Steyler Bank und bei der Pax-Bank kommen die Einlagen der kirchlichen Arbeit zugute. Und sie werden nicht für Investitionen genommen, die als ethisch inkorrekt gelten. Aber auch die christlichen Banken bleiben innerhalb des gängigen Finanzsystems. Was würde passieren, wenn man aus dem Bankenwesen der westlichen Welt ausscheren würde? Jesús Huerta de Soto in Madrid rät zu dieser Alternative:

"Wenn die Prinzipien des römischen Rechts wiederhergestellt werden, das heißt die Vollreserve der Einlagen, könnten die Banken nicht durch Depositen Geld schöpfen, indem sie den Kredit ausweiten und Blasen schaffen. Sie wären reine Finanzvermittler. Sie könnten nur verleihen, was sie vorher geliehen, nicht aber, was sie eingezahlt bekämen."

Die Banken würden Gold oder andere Materialien nur einlagern und bei Bedarf wieder auszahlen. Dafür würde der Kunde eine Gebühr bezahlen. Doch das Christentum denkt nicht mehr juristisch, es denkt ethisch. Und die Ethik ist meistens der Konjunktur des Zeitgeistes unterworfen.

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