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Interview / Archiv | Beitrag vom 05.07.2014

WissensvermittlungForschungsleiter: "Da steckt eine große Zukunft drin"

Naturkundemuseum Berlin begrüßt neue Möglichkeiten Kultur-Datenbestände zu nutzen

Gregor Hagedorn im Gespräch mit Julius Stucke

Der Ostflügel des Naturkundemuseums in Berlin. (picture alliance / dpa / Robert Schlesinger)
Der Ostflügel des Naturkundemuseums in Berlin. (picture alliance / dpa / Robert Schlesinger)

Der Leiter des Forschungsbereiches "Digitale Welt“ des Berliner Naturkundemuseums, Gregor Hagedorn, sieht in frei zugänglichen Datenbeständen von Kultureinrichtungen ein großes Potenzial moderner Wissensvermittlung.

Julius Stucke: Das sportliche Pendant zum Marathon, nur für Programmierer: der Hackathon – Hacker und Programmierer, die quasi einen Programmierwettstreit veranstalten. Veranstaltet wird ein solcher seit April, und bis zu diesem Wochenende, ein Kultur-Hackathon. "Coding Da Vinci" heißt der und ist ein Gemeinschaftsprojekt von mehreren Kulturinstitutionen, von Archiven, Bibliotheken und Museen. Und dabei geht es nicht darum, in das Material aus Bibliotheken und Museen einzudringen, es zu hacken. Das wäre auch gar nicht nötig, weil es viele nämlich digitalisieren, ihr Material, um es der Öffentlichkeit zu präsentieren. Und genau da sind wir bei dem Problem: Wie präsentiert man es der Öffentlichkeit, macht das unüberschaubar große digitale Archiv schmackhaft? Und genau da kommen dann die Hacker, die Programmierer und Designer ins Spiel mit ihren Ideen. Und ob die vielversprechend sind, darüber spreche ich mit Helene Hahn, Projektleiterin von "Coding da Vinci", und auf Seite der Kulturinstitutionen Gregor Hagedorn, Leiter des Bereichs "Digitale Welt" beim Berliner Naturkundemuseum. Ich grüße Sie!

Helene Hahn: Hallo!

Gregor Hagedorn: Hallo!

Stucke: Frau Hahn, um es mal etwas bildlich zu machen: Von diesen vielen Ideen und Apps, die da jetzt programmiert werden und am Wochenende um einen Preis konkurrieren – gibt es so eine, wo Sie sagen, das finde ich besonders spannend?

Hahn: Es ist natürlich sehr schwer, sich für ein Beispiel zu entscheiden, was man jetzt anbringt, aber mir selber persönlich gefällt eine Webseite, die entwickelt wurde, die heißt Kulturchronologie, heißt das Projekt, und dient der Präsentation von digitalen Beständen. Das können Objekte sein, das können irgendwelche anderen Gegenstände sein, die da präsentiert werden. Diese Webseite gibt einen interaktiven Überblick über die zeitliche Abfolge von diesen Objekten, also deren Entstehungsgeschichte beispielsweise, oder zeigt Zusammenhänge zwischen verschiedenen Objekten. Und das ist ein schönes Beispiel, weil das sowohl im schulischen als auch im musealen Kontext genutzt werden könnte, zu Recherchezwecken zum Beispiel.

Stucke: Für Sie, Herr Hagedorn, aus Sicht des Naturkundemuseums: Worauf sind Sie denn besonders gespannt? Was erhoffen Sie sich davon?

Hahn: Ich denke, dass diese Vielfalt, die dort vertreten ist, mit ganz neuen Ideen kommt, mit Ideen, die wir selbst nicht haben. Wir überlegen uns ja auch, wie wir unsere Objekte, unsere Naturkunde, unser Wissen am besten präsentieren und den Menschen nahebringen. Und wir haben jetzt schon bei der Auftaktveranstaltung festgestellt, dass es da völlig neue Ansätze und Ideen gibt, die in dieser Breite wir gar nicht selbst hätten. Und ich bin jetzt ganz gespannt, welche von diesen vielen Projekten sich wie entwickelt haben.

Stucke: Ein Beispiel hat Frau Hahn ja genannt. Ich hab mal nachgeschaut, es gibt auch so Projekte zur Natur und Tierwelt, einige. Zum Beispiel die Bestimmungs-App, wie heißt der Vogel, der auf dem Baum zwitschert nebenan, oder ein Tierweltorchester. Es gibt aber auch Geschichtliches zur Berlin-Historie oder über Autoren, die in der NS-Zeit verboten waren. Da sieht man dann schon, das ist ein ziemlich großes Themenspektrum. Frau Hahn, kann man denn sagen, dass wirklich alle Archive gleichermaßen gut kreativ nutzbar sind, oder sind es dann doch manche, die sich besonders für eine solche App eignen?

Neuentwicklungen aus Archivbeständen

Hahn: Es ist schon so, grundsätzlich sind natürlich alle Archive nutzbar. Es ist dann eher wichtig, wie man dann mit diesem Material umgeht, was da zur Verfügung steht, und welche Ideen man daraus entwickeln kann. Wie kann man dann diese Inhalte von Archiven dann zum Beispiel vermitteln, über eine Visualisierung, über eine Webseite mit Bildmaterial, Ton und Video unterfüttern? Aber grundsätzlich eignet sich jedes Material dazu. Das Wichtige dabei ist, dass der Inhalt, also, was man aus den Archiven dann bekommt, digitalisiert ist natürlich und für uns zugänglich und nutzbar ist.

Stucke: Aber würden Sie sagen, die unterschiedlichen Archive, die konkurrieren jetzt bei diesem Wettstreit auf Augenhöhe? Denn dann gibt es ja eben doch diese einigen, die Sound und Klang zu bieten haben, wo es um Tierstimmen geht, wo man so richtig was Greifbares hat, während eben andere nur auf Texten basieren. Sind die auf Augenhöhe, die Arten, damit umzugehen?

Hahn: Ich denke, es kommt darauf an, welches Publikum man dann letztendlich erreichen möchte. Weil die einen interessieren sich vielleicht eher für, ja, Texte im Sinne von Büchern und möchten eher zu solchen Sachen recherchieren oder studieren. Andere möchten eine App zum Beispiel eher in der Freizeit nutzen, da eignet sich natürlich total super, wenn man Bildmaterial und visuelles Material zur Verfügung hat. Diese beschreibenden Daten, die man bekommt, diese Inhalte, die sind sehr, sehr wichtig, weil das das ist, was die Entwickler vermitteln möchten, aber natürlich sind Bilder und Fotos und Tonmaterial einfach sehr, sehr schön, um Dinge zu vermitteln und um Zusammenhänge darzustellen. Es ist halt einfach etwas fürs Auge.

Keine Angst vor Kontrollverlust

Stucke: Es ist was fürs Auge. Herr Hagedorn hat vorhin schon gesagt, er ist sehr gespannt auf das, was ihn da erwartet. Trotzdem noch mal die Frage: Aus Museumssicht, war da vielleicht auch so ein bisschen Sorge oder ist da ein bisschen Sorge dabei, was machen die Programmierer mit unserem Material? Entspricht das dann auch unserem ja doch hohen Anspruch?

Hagedorn: Ja, ich glaube, das muss man vermitteln, dass das nicht jetzt keine offizielle Verlautbarung des Museums ist, das ist schon klar. Das geht hier um spielerische Ansätze, neue Ideen. Aber ich komme aus der Wissenschaft, und in der Wissenschaft, wenn wir etwas erforscht haben, dann haben wir auch keine Kontrolle darüber, wer das noch nutzt, und wer welche tollen Ideen damit hat. Wenn jemand eine neue Akku-Form erfunden hat, dann können damit ganz verschiedene Sachen betrieben werden. Und ich denke, das hat eben auch viel Positives, diese Aufgabe des Versuches von wenigen Personen, die Kontrolle über das zu haben, was die Gesellschaft damit tun könnte.

Stucke: Und würden Sie sagen, da steckt die Zukunft der Wissensvermittlung?

Hagedorn: Da steckt aus meiner Sicht sicherlich eine große Zukunft. Vielleicht nicht die einzige, aber die Ökonomie der Wissensvermittlung hat sich durch die Digitalisierung und durchs Internet zweifellos geändert. Mit den Auswirkungen experimentieren wir gerade. Wir versehen sie ja noch nicht ganz, aber es ist schön zu sehen, was alles möglich ist.

Stucke: Haben Sie Angst, dass da in Zukunft noch weniger Menschen ins Museum oder in die Bibliothek gehen?

Hahn: Wir freuen uns über jeden, der kommt, aber wir sind eigentlich auch immer gut voll. Kommen Sie zu uns, und sehen Sie den Unterschied – da brauchen wir keine Sorgen haben.

Stucke: Gregor Hagedorn vom Naturkundemuseum Berlin und Helene Hahn, Projektleiterin von "Coding Da Vinci". Ich danke Ihnen beiden und wünsche einen schönen Tag!

Hahn: Danke schön!

Hagedorn: Vielen Dank!

Stucke: Und mehr über das Projekt im Netz: codingdavinci.de. Und wer gewonnen hat, das hören Sie dann bei uns im Kulturmagazin "Kompressor", am Montag kurz nach 14 Uhr.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

 

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