Kritik / Archiv /

Wissenschaftliche Parallelwelten

Brian Greene: "Die verborgene Wirklichkeit", Siedler Verlag, Berlin 2012, 448 Seiten

Ein einziges Universum ist dem Physiker und Mathematiker Brian Greene zu wenig. In seinem aktuellen Buch entwirft er das Bild von einem Kosmos, der aus mehreren Universen besteht - und bringt einen damit auf den Stand heutiger Forschung, die fast eine mystische Ebene erricht hat.

Mit dem Begriff "Universum" bezeichnen Astrophysiker die Gesamtheit unserer Welt: Alle Dinge und Phänomene, die im Weltraum existieren oder irgendwie Einfluss auf uns haben, gehören dazu. Doch bis heute ist unklar, wie es entstanden ist, woraus genau es besteht und wie es sich entwickeln wird. Und womöglich ist es nicht allein: Manche Theorien legen nahe, dass es eine fantastisch große Anzahl anderer Universen gibt, die sich uns allerdings komplett verschließen.

Brian Greene macht diese verborgene Wirklichkeit zum Thema seines neuen Buches, indem es sich um Paralleluniversen und die Gesetze des Kosmos dreht - wie es im Untertitel heißt. Dass wir in einem Multiversum leben, dass es also viele verschiedenen Universen gibt, folgt für ihn auf überraschend vielseitige Weise aus den mathematischen Modellen, die die Welt als Ganzes beschreiben. In neun Kapiteln legt er dar, wie parallele Welten entstanden und aufgebaut sein könnten.

Am Anfang steht das Patchwork-Multiversum. Wenn der Weltraum wirklich unendlich groß sein sollte, dann müssen auch wir unendlich oft irgendwo im All vorkommen. Denn die Anzahl der möglichen Kombinationen der Materiebausteine ist begrenzt. Also wiederholt sich alles unendlich oft. Danach geht es um die Parallelwelten der Inflationstheorie, die von einer kurzzeitigen, extrem schnellen Ausdehnung des Kosmos ausgeht. Nach dieser Theorie könnte bis in alle Ewigkeit ein neues Universum nach dem anderen aufplatzen. Viel Platz räumt Brian Greene der Stringtheorie ein - kein Wunder, ist er doch seit einem Vierteljahrhundert in dieser Disziplin tätig. Da werden die Nebenuniversen dann zu Branwelten, die im höherdimensionalen Raum schweben, zum Greifen nah und doch unerreichbar sind.

Am Anfang jedes Kapitels liefert Brian Greene das nötige Rüstzeug, zum Beispiel die Grundlagen in Quantenmechanik, Relativitäts- oder Stringtheorie. Zwar ist das Buch frei von Formeln. Doch so allgemein verständlich, wie der Autor behauptet, stellt er die komplexen Zusammenhänge nicht dar. Über weite Strecken hat der Text fast das Niveau eines Fachbuchs. Ein paar Schwarz-Weiß-Abbildungen helfen eher Spezialisten.

Die stärksten Passagen hat "Die verborgene Wirklichkeit" im siebten Kapitel, wenn es darum geht, ob Multiversen überhaupt etwas mit Naturwissenschaft zu tun haben. Denn Dinge, über die sich nur spekulieren lässt, die sich aber prinzipiell weder bestätigen noch widerlegen lassen, gehören zur Philosophie und Religion. Brian Greene ist souverän genug, Für und Wider in seinem Buch abzuwägen. Doch die Stringtheorie selbst, die für ihn den entscheidenden Ansatz zur Lösung der kosmologischen Probleme liefert, ist bis heute nicht über den Status einer eleganten mathematischen Spielerei hinaus gekommen. Sie kann stimmen oder auch völlig falsch sein. Niemand weiß es.

In der Einleitung fordert Brian Greene von seinen Lesern zurecht Durchhaltewillen. Wer tatsächlich bis zur letzten Seite kommt, wird zwar vieles nicht verstanden haben, aber zugleich ebenso fasziniert wie verwundert auf den Stand heutiger Forschung blicken: Entweder hat die Kosmologie mittlerweile eine fast mystische Ebene erreicht - oder einige brillante Theoretiker arbeiten längst in einem Paralleluniversum.

Besprochen von Dirk Lorenzen

Brian Greene: Die verborgene Wirklichkeit. Paralleluniversen und die Gesetze des Kosmos.
Übersetzt von Sebastian Vogel
Siedler Verlag, Berlin 2012
448 Seiten, 24,99 Euro

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Kritik

KriminalromanErmittlungen in Afrika

Der Nakuru Nationalpark in Kenia

Ein vermeintlicher "schwarzer Oskar Schindler" macht Geschäfte mit dem schlechten Gewissen der Welt: Der Krimi von Mukoma Wa Ngugi ist mehr als Unterhaltung. Er ist ein Nachdenken über die afroamerikanische Identität.

BiografieDer Verleger als Strippenzieher

Eine Gipsbüste von Johann Friedrich Cotta, gefertigt 1843 von Ludwig Schaller.

Die erste Gesamtbiografie Johann Friedrich Cottas zeigt den Verleger in zahlreichen Facetten seiner komplexen Persönlichkeit. Bernhard Fischer gelingt es, durch ihn die Zeit der Weimarer Klassik wieder lebendig werden zu lassen.

KinderbuchWundersame Meereswelt

Lesende Kinder in einer Matratzenlandschaft auf der Kinder- und Jugendbuchmesse (KIBUM) in Oldenburg

Wer bringt mehr Kilos auf die Waage, ein mächtiges Monster der Urmeere oder ein Blauwal, der sich von winzigen Krebsen ernährt? Antworten auf solche Fragen bietet das neue Kindersachbuch der Reihe "Baff! Wissen".

 

Literatur

PoesiePapusza

Auf dem Bild sind Hochhäuser im Zentrum der polnischen Hauptstadt Warschau zu sehen, aufgenommen am 13.10.2010. 

Vom Aufstieg einer Analphabetin zur gefeierten Dichterin