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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 05.10.2012

Wissenschaftler zerlegen Schuberts Liedgut

Walther Dürr u.a. (Hrsg.): Schubert-Liedlexikon, Bärenreiter 2012, 888 Seiten, 89 Euro

Denkmal für den österreichischen Komponisten Franz Schubert (1797-1828) in Wien (picture alliance / dpa / Beate Schleep)
Denkmal für den österreichischen Komponisten Franz Schubert (1797-1828) in Wien (picture alliance / dpa / Beate Schleep)

Auf 900 Seiten finden sich Notenbeispiele, Texte und unterschiedliche Fassungen der Liedvertonungen des Komponisten Franz Schubert. Der Leser erfährt eine Menge über die zugrunde liegenden Gedichte und musikalischen Interpretationen. Nur weiß er am Ende nicht so genau, was er mit diesen Informationen anfangen soll.

Musik und das Hören von Musik haben in erster Linie etwas mit Emotionen zu tun: Das darf man nahezu jedem erzählen – nur just der Mehrzahl der klassischen Musikwissenschaftler nicht. Da herrscht in vielen Publikationen der Ton trocken-technologischer Analyse, und vielleicht am meisten dann, wenn sie als repräsentative Nachschlagewerke sozusagen Ewigkeitsgültigkeit anstreben.

Dieses Grundproblem betrifft auch das bei Bärenreiter erschienene, editorisch in vieler Hinsicht vorbildliche Schubert-Liedlexikon eines vielköpfigen Autorenteams mit gleich vier Herausgebern: was immer man über die nicht weniger als 634 Lieder Franz Schubert statistisch aussagen kann – Notenbeispiele, vollständige Texte, abweichende Fassungen, Takt- wie Stimmumfänge und sogar weiterführende Literaturhinweise zu fast jeder der Vertonungen – lassen sich hier finden und macht die fast 900 Seiten damit zu einer ergiebigen Fundgrube. Alles jedoch, was jenseits des eindeutig Quantifizierbaren bleibt und damit ins Subjektive, wo nicht Spekulative reichen könnte, wird schamhaft gemieden.

Was merkwürdigste Konsequenzen nach sich zieht. Die beispielsweise, dass zeitlich längere Lieder wie die ziemlich monströsen Schiller-Balladenvertonungen des jugendlichen Schubert nicht nur im Textabdruck, sondern eben auch in der Analyse wesentlich mehr Raum einnehmen als kürzere - zum Beispiel nach Platen und Rückert -, obwohl unter den letzteren einige der größten Meisterwerke des Wieners sind. Oder die, dass in Einzelfällen die Textanalysen nicht nur flüssiger lesbar, sondern auch nachvollziehbarer als die musikalischen sind – wobei es andererseits zu den Verdiensten der Edition gehört, dass den Liedtexten auch unbekannterer Dichter überhaupt so viel Aufmerksamkeit gewidmet wird.

Am Ende hat der Leser zwar von der Existenz einer Menge Schubert-Lieder erfahren, die ihm mehrheitlich wohl noch nie in Ohr und Sinn gekommen sind; aber die, mit denen er bisher leidlich vertraut zu sein glaubte, erkennt er manchmal sozusagen nicht wieder, weil eben nur ihre Anatomie, aber nicht ihr jeweils einzigartiger ästhetischer Zauber und ihre emotionale Aura in Worte gefasst werden.

Sicher ist ein lexikalisches Werk kein Tummelplatz für subjektive Emphasen und hermeneutische Inszenierungen; aber manchmal sehnt man doch jene Nachschlagewerke aus der guten alten Bildungsbürgerzeit zurück, die zumindest versuchten, auch dem Geist eines Stückes auf die Sprünge zu kommen, ohne dabei den exakt fixierbaren Buchstaben zu vernachlässigen. Auch Geisteswissenschaften haben natürlich naturwissenschaftlich quantifizierbare Größen; doch wenn sie sich darauf beschränken, bleiben sie unterhalb ihrer Vermittlungsmöglichkeiten.

Vergleichbare Überblickswerke im literarischen oder bildkünstlerischen Bereich scheinen mir in dieser Erkenntnis schon weiter zu sein als diese – trotz allem intensiver Beschäftigung werte – und viele andere musikwissenschaftliche Editionen.

Besprochen von Gerald Felber

Walther Dürr u.a. (Hrsg.): Schubert-Liedlexikon
Bärenreiter Verlag, Kassel 2012
888 Seiten, 89 Euro

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