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Interview / Archiv | Beitrag vom 21.03.2011

Wissenschaftler: Zaghaft optimistisch

Hans-Josef Allelein zur Situation im AKW Fukushima

Hans-Josef Allelein im Gespräch mit Christopher Ricke

Löscharbeiten am japanischen Atomkraftwerk in Fukushima (picture alliance / dpa)
Löscharbeiten am japanischen Atomkraftwerk in Fukushima (picture alliance / dpa)

Die Stromversorgung der Reaktorblöcke in Fukushima I sei relativ stabil und der Super-GAU offenbar vorerst verhindert worden, resümiert Hans-Josef Allelein. Als "wirkliche Helden" bezeichnet der Professor für Reaktorsicherheit und -technik von der TH Aachen die freiwilligen Helfer.

Christopher Ricke: Es ist schon eigenartig mit der Wahrnehmung: Eigentlich sind das Meldungen, die sehr, sehr beunruhigen müssten, aber dann beruhigen sie fast schon, weil es nicht noch schlimmer ist in Fukushima, wenn man hört, dass die Reaktorblöcke fünf und sechs in Fukushima – das sind die, die so ein wenig am Rande liegen – wieder ans Stromnetz angeschlossen sind, und gleichzeitig, dass der Druck in Reaktor drei steigt, dass man kein Leitungswasser trinken kann, dass Pflanzen verstrahlt sind. – Alles schlimme Nachrichten, aber es steht immer dabei: Es ist keine neue Explosion. Hans-Josef Allelein ist Professor für das Fach Reaktorsicherheit und -technik in der Fakultät für Maschinenwesen der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule in Aachen, er ist jetzt mein Gesprächspartner. Guten Morgen, Professor Allelein!

Hans-Josef Allelein: Schönen guten Morgen, Herr Ricke!

Ricke: Sind für Sie diese Nachrichten des heutigen Morgens tatsächlich auch so ein bisschen gute Nachrichten?

Allelein: Das sind sicherlich richtig gute Nachrichten. Wir haben uns leider vom Gefühl her auf diese sagen wir mal Worst-case-Situation irgendwie vorbereitet, dass sie kommen könnte, und das, was wir jetzt in den letzten Tagen in Japan sehen, zeigt doch, dass die meisten Maßnahmen von einigem Erfolg gekrönt sind. Auch wenn das, was Sie eben angesprochen haben, natürlich nicht zu vernachlässigen ist.

Ricke: Ist denn der Super-GAU, also der Unfall, der nicht mehr zu kontrollieren ist, ist der denn jetzt wirklich schon verhindert?

Allelein: Der ist fürs Erste scheinbar schon verhindert. Es muss natürlich sichergestellt werden, dass vor allen Dingen die Stromversorgung wirklich langfristig aufrechterhalten wird und da, wo das noch nicht zustande gekommen ist, jetzt auch zustande kommt. Es sieht so aus, dass selbst ja bei kleineren Nachbeben, wie man sie da immer hört, die jetzige Stromversorgung das übersteht, sodass da einiger Optimismus schon am Platze ist. Auch wenn natürlich immer noch eine latente Gefahr ist. Ich denke mal, was Sie ansprachen, der Druck im Block drei, das ist eigentlich, die Explosionen selbst sind eigentlich das geringere Übel. Bei allem, was recht ist, die Anlagen sind verloren, ob da jetzt noch eine kleine Wasserstoffexplosion dazukommt, wäre jetzt nicht schlimm, nur wenn Wasserstoff da ist, wäre das wieder ein Zeichen, dass erneut Brennelemente - ob im Lagerbecken oder im Reaktor - aufschmelzen.

Ricke: Jetzt ist ja schon reichlich Radioaktivität entwichen. Sie ist ins Wasser, sie ist ins Meer gelaufen, die Strahlen sind in die Luft gegangen. Was macht man mit dieser Radioaktivität, kann man davon irgendetwas wieder einsammeln?

Allelein: Ja also das, was im Wasser ist, kann man sicherlich nicht einsammeln. Im Wasser und sagen wir mal in der hohen Atmosphäre lebt einfach die ganze Situation jetzt davon, dass wir einmal einen erhöhten Verdünnungsprozess haben und zum Zweiten eben mit der Zeit eben auch einen Großteil dieser Radioaktivität abgebaut wird. Aber eben nur ein Teil, wir haben noch sehr langlebige Isotope. Die muss man einfach jetzt in Kauf nehmen, wobei die alleine, wenn die Verdünnung ausreicht, dann auch nicht mehr gesundheitsgefährdend sind. Ein anderer Punkt ist mit der Landverseuchung: Hier könnte man sicherlich – das müsste man wirklich im Einzelnen prüfen – an bestimmten Stellen Oberflächenbereiche abtragen. Aber ob das sinnvoll ist, weiß ich nicht, ich denke mal, man wird zuerst, sag ich mal, rund 20 Kilometer – bitte nageln Sie mich da jetzt nicht fest – um das Kraftwerk rum, auch abhängig von den meteorologischen Gegebenheiten, zunächst mal sperren. Und es wäre sicherlich sehr vernünftig, wenn man eben Leitungswasser und Nahrungsmittelaufnahme aus den Gebieten jetzt verhindert ...

Ricke: ... das sollte man erst mal unterlassen ...

Allelein: ... das soll man verhindern. Ich denke noch an Tschernobyl, da war ja bei uns auch irgendwo, im Bayerischen Wald sollte man kein Wildbret oder nicht, oder nur begrenzt Wildbret essen wegen der Ansammlung in Pilzen und Flechten.

Ricke: Professor Allelein, jetzt haben wir ja diese havarierten Reaktoren, Sie sagen selber, die Anlage sei verloren. Was macht man denn da jetzt? Kriegt man da so einen riesigen Sarkophag hin, so wie wir es auch aus Tschernobyl kennen?

Allelein: Das weiß ich nicht. Also ich denke mal, man muss das, man wird es nur stabilisieren können, wenn man mit jedem Block einzeln vorgeht. Also es wird nicht so sein, dass man jetzt hier irgendwas über diese Gesamtanlage draufkippen kann. Also ich denke mal – ich bin da nun wirklich kein Experte –, es läuft darauf hinaus, dass man wieder ein Beton-Sand-Gemisch – vielleicht gibt es auch mittlerweile irgendein, wenn die Leute darauf geforscht haben, einen vernünftigen Kunststoff, den man mit darein bringt. Den muss man darüberbringen, um die Anlage dann auch vor allen Dingen auch vor Regen zukünftig zu schützen und natürlich auch, ich sag mal ein Beispiel, auch dass sich, wenn die Anlage ruhig ist, keine Vögel dahinbegeben, irgendwas da, was da auch wieder wachsen würde, verstrahlt ist und wieder in die Umgebung gebracht wird. Also man muss es irgendwie schon sichern.

Ricke: Auch wenn die Anlage in Fukushima irgendwann einmal gesichert sein kann, bis dahin wird es eine gewaltige Zeit dauern. Und es gibt die große, große Sorge um den Großraum Tokio, um die atomare, um die radioaktive Belastung von 35, 36 Millionen Menschen, die ja nicht einfach weglaufen können. Wie groß schätzen Sie denn aktuell die Gefahr für Tokio ein?

Allelein: Also so wie ich es mitbekommen habe, war bisher die Situation sehr günstig, weil wir meistens Wind aus westlichen Richtungen hatten, sodass die radioaktive Wolke in Richtung Pazifik abgeströmt ist. Wenn jetzt der Wind in Richtung Norden sich verändert, könnte es sagen wir mal um das Kernkraftwerk rum einfach eine Ausdehnung in Süden geben, aber ich denke, es muss schon sehr starker Wind kommen und jetzt auch noch neue große Freisetzungen, um Tokio wirklich signifikant zu belasten. Ich glaube nicht, dass für Tokio jetzt eine akute Gefahr besteht, wenn das, was jetzt bisher erreicht worden ist, auch stabil weiter bestehen bleibt.

Ricke: Wir kennen die Fukushima 50, das sind die Freiwilligen, es gibt immer mehr Freiwillige, die sich in große Lebensgefahr begeben. Wie würde das denn in Deutschland laufen, würde man da nicht eher Roboter einsetzen?

Allelein: Das ist jetzt wirklich eine Sache in so einer Notsituation ... Bis man Roboter am Platz hat, wird es sicherlich schwierig sein, und um externe Notfallmaßnahmen wie Feuerwehrschläuche zu installieren, da wird man auch auf Personen, die sich in der Anlage auskennen, sicherlich zurückgreifen. Die Frage ist, die Sie da ja unterschwellig stellen, ist: Die Menschen sind sicherlich stark belastet und sie haben zumindest ihre Gesundheit aufs Spiel gesetzt, und wahrscheinlich auch ein Teil von ihnen, wenn nicht sehr viele von diesen Menschen, auch tatsächlich geopfert, das muss man so sehen. Das sind wirkliche Helden.

Ricke: Hans-Josef Allelein ist Professor für das Fach Reaktorsicherheit an der Technischen Hochschule Aachen. Vielen Dank, Professor Allelein!

Allelein: Gerne, auf Wiederhören!


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