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Wirre Jahre in der französischen Provinz

Jean-Paul Dubois erzählt vom Frankreich der 50er und 60er Jahre

Rezensiert von Barbara Wahlster

Französische Flagge
Französische Flagge (AP Archiv)

Mit "Die Jahre des Paul Blick" führt uns der französische Autor Jean-Paul Dubois mitten hinein in die 5. Republik im Herbst 1958. In der Provinz ist die Welt rigoros geteilt und auf Unterschiede bedacht. Als Pauls Bruder Vincent stirbt, ist Paul völlig sich selbst überlassen in seiner Entwicklung als rebellischer 68er Student, später Sportjournalist und unglücklicher Haus- und Ehemann.

Jean-Paul Dubois hat einen historischen Roman aus unserer Zeit geschrieben, einen Familien- und Entwicklungsroman, der vom rasanten Aufbruch und seinem Ende erzählt, vom politischen Wandel eines Landes und dessen Widerhall in der Provinz. Das heraufziehende Medienzeitalter kündigt sich ebenso an wie die allumfassenden Versprechen des Konsums und das heißt gleichzeitig: Konkurrenz in allen Situationen - selbst bei humanitären Einsätzen.

Paul Blick rekapituliert sein Leben, sein Liebesleben, bilanziert Halbheiten und Bedauern, Verluste und Verfehlungen, kleine Träume und Fluchten und seinen ungeheuren Zorn auf die Normalität. Denn er hatte sich eingerichtet als Außenseiter.

Nach dem Tod seines größeren Bruders vermittelt der Fernsehapparat der lahm gelegten Familie ab 1958 die ersten erinnernswerten Wirklichkeitsfetzen: Fußballweltmeisterschaften, Algerienkrieg, Politikerköpfe. Und die werden für Paul Blicks weiteres Leben die Markierungs- besser noch: die Abstoßungspunkte setzen, nachdem er sich im Umfeld von 1968 auf die "intergalaktische Reise" macht, den großen Ausbruch aus der dumpfen, geregelten, phantasielosen Realität. Dann werden Sex und Politik, Musik und Drogen alltagsbestimmend für den Helden, ebenso wie das erste Auto, das Ende der Schulzeit, die aberwitzige Umfunktionierung der Universität.

"Fest verankert mit der Vorhut der Moderne" umschifft Paul Blick die Anforderungen des Militärdienstes, schlägt sich mit den kleinen Chefs bei kleinen Jobs und stürzt sich in das Ich-Experiment Wohngemeinschaft und eigene Band. Bis er mit Erfolg Anna - ein ebenso schönes wie reiches Mädchen - auftut und schließlich auch heiratet, weil ein Kind unterwegs ist. Paul mutiert zum Hausmann, widmet sich den beiden Kindern, während Anna als Unternehmerin für Wohlstand sorgt.

"Exzentrische Halbheiten" attestiert sich Paul später. Denn er belässt es beim Meinen und Besserwissen, lenkt sich mit erotischen Abenteuern ab und mit der Einsamkeit seiner Dunkelkammer. Schließlich bringt ihm seine Fotografie unerwartet Berühmtheit und finanzielle Erfolge.

Doch irgendwann muss dieser Weg abbrechen, sonst wäre der Rückblick des Ich-Erzählers nicht gerechtfertigt - weder seine Wut noch seine Trauer. "Das Traumleben", wie Paul es nennt, bricht zusammen, als er seine Frau Anna durch einen Flugzeugabsturz verliert. Mit diesem Unglück in der bisher so heil aussehenden Familie häufen sich mit einem Mal die Fehlschläge. Pauls Privatvermögen geht für Steuerschulden und andere Verbindlichkeiten des bankrotten Unternehmens drauf. Seine Tochter entzieht sich der Welt durch eine tiefe Depression und für Paul beginnt mit 50 Jahren ein neues Arbeitsleben als Gärtner, weil lukrative Fotoaufträge ausbleiben.

Es ist das Ende einer Ära, ein Abgesang und eine neue Phase der Verantwortung - für die Tochter, für die eigene, gebrechliche Mutter. Paul Blick schrumpft auf Menschenmaß, indem er Trauer zulässt und hält doch fest an seinen Reflexionen, den bösartigen Beobachtungen, bissigen Vergleichen und Tiraden.

Jean-Paul Dubois, der Autor, ist 1950 in Toulouse geboren und kennt jeden Winkel dieser Stadt im Südwesten, in der er heute als Journalist und Schriftsteller lebt. Gerade weil wir mit seinem Paul Blick in der Peripherie landen statt an heroischen und bedeutungsgeladenen Pariser Schauplätzen, skizziert das Buch "ein französisches Leben" (so der Titel des Originals).

In diesem Leben spielte der Gegensatz zwischen Stadt und Land, zwischen Großgrundbesitzern und Schafhirten wie in Blicks eigener Familie eine Rolle, denn die Welt war rigoros sortiert und gnadenlos auf die Unterschiede bedacht. Dubois beschreibt die Gesetze und Mechanismen dieser vergangenen Zeit, als die Wirtschaftswundergüter in bar bezahlt und der Streit um die richtige Weinsorte wichtiger war als Mitleid. Und er registriert die langsamen Umschwünge im politischen Klima, die er unter anderem an den Amtzeiten der jeweiligen Präsidenten fest macht.


Jean-Paul Dubois: Die Jahre des Paul Blick
aus dem Französischen von Liz Künzli,
Ullstein Berlin, 2005

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