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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 30.11.2015

Wird Deutschland bargeldlos?Geldschein-Motive zum Abgewöhnen

Von Eleonora Pauli

Zahlreiche Euro-Banknoten und Euromünzen, aufgenommen am 03.01.2014 in Frankfurt am Main (Hessen). (picture-alliance / dpa / Daniel Reinhardt)
Gehören knisternde Euro-Scheine und blanke Münzen bald der Vergangenheit an? Man wird ja mal darüber nachdenken dürfen.... (picture-alliance / dpa / Daniel Reinhardt)

Schweden will das Bargeld abschaffen. Auch Finanzminister Wolfgang Schäuble hält das für sinnvoll, denn Bargeld ist teuer und seine Abschaffung würde die Wirtschaft ankurbeln. Wir berichten über einen nicht ganz ernst gemeinten Vorschlag dazu.

Nicht nur Dagobert Duck liebt seine Goldmünzen – auch die Deutschen hantieren gern mit Bargeld, so eine Studie der deutschen Bundesbank. Nicht nur, um den Datenschutz zu wahren, sondern auch wegen der Tradition – Geld ist immerhin Kulturgut. Und das steht jetzt auf dem Spiel: Ab 2016, so das Finanzministerium in einem bisher geheimen Referentenentwurf, werden so genannte Entzugs-Scheine eingeführt. Die Prototypen wurden letzte Woche an Passanten in Berlin getestet:

Passanten:

"Uhh, ist ja ekelhaft"
"Hässlich. Nein, das geht ja gar nicht."
"Also ich will das nicht anfassen."
"Nein, ernsthaft? Das ist ja ne Zumutung!"

Das Schlimmste aus allen Bundesländern

Genau die erhofften Reaktionen, sagt Gisela Gans. Die 45-Jährige ist für den Vertrieb bei der Bundesdruckerei zuständig:

"Ja, wir haben für die neuen Scheine die schlimmsten Motive aus den Bundesländern gewählt. Das soll die Menschen dazu motivieren, die Scheine möglichst schnell loszuwerden: Die schaffen sich dann sozusagen selbst ab. Und langfristig hoffen wir, so das gesamte Bargeld aus dem Verkehr zu ziehen."

Gisela Gans hat die neuen Geldnoten auf ihrem Schreibtisch nach Bundesländern sortiert. 16 Häufchen. Sie greift nach einem und erläutert die Schandfleck-Motive des Freistaats Bayern.

"Hier haben wir zum Beispiel einen der sogenannten Kaiser-Scheine – mit dem Kopf von Franz B. drauf. Wie ich finde, ein besonders bestechendes Motiv. Und dann haben wir den ehemaligen Ministerpräsidenten Stoiber, wie er auf dem Problembär Bruno in den Transrapid einsteigt, auch ein Bild, dass sicherlich wenig Zustimmung erntet."

Geldschein-Motive zum Abgewöhnen

Auf den Scheinen für NRW sind unter anderem der Rest des Kölner Stadtarchiv zu sehen, viele trostlose Landschaften – und die Statistik der Beteiligung bei den Kommunalwahlen im Herbst in NRW. So niedrige Zahlen dürften jedem im Portmonnaie peinlich sein.

Auf den Sachsen-Scheinen laufen die "besorgten Bürger", bei Baden-Württemberg dampft das AKW Philippsburg und auf den Sachsen-Anhalt-Noten ist ein Gruppenbild des Philologen Verbandes zu sehen – alle natürlich Oberkörperfrei – damit die jungen Mädchen sehen, dass auch Nicht-Muslime attraktive Burschen sind.

Aber das ist nicht alles. Neben der neuen Optik, erlaubt die moderne Technik noch mehr. Um Bargeld barrierefrei zu gestalten, haben die Scheine so genannte Enhanced-Merkmale, erklärt Bundesnoten-Chefdesigner Guido Wallenstein:

"Gerade in die größeren Scheine haben wir Spezial-Features eingebaut. Durch Sensoren wird beispielsweise eine Bluetooth-Verbindung zum Smartphone hergestellt. Darüber wird dann ein Audio abgespielt, das je nach Dauer der Verweilzeit des Scheins im Portemonnaie immer lauter wird. Ich aktiviere hier mal den 50-Euro Schein für Niedersachsen, der sieht ja erstmal ganz gewöhnlich aus, aber, wenn der länger als drei Tage im Portmonnaie ist, macht er folgende Geräusche."

Klingelton: "Die Unregelmäßigkeiten bei Dieselmotoren unseres Konzerns widersprechen allem, für das Volkswagen steht."

Winterkorn in der Hosentasche, das tut weh – nicht nur in Niedersachsen.

Wie klingt Geld aus dem Land der Frühaufsteher?

Und dieses Piepen verursacht der Fünf-Euro Schein für Sachsen-Anhalt nach zwei Tagen. Wer ist da noch froh über das Frühaufsteher-Motto? Genauso wenige dürften sich amüsieren, wenn in Baden-Württemberg der Baulärm des Stuttgarter Bahnhofs aus ihrer Geldbörse erklingt, oder für die Berliner der Gassenhauer "Auf der schwäb'schen Eisenbahn".

Also dürften die Menschen diese Scheine sofort ausgeben – das sorgt für Konsum und im Endeffekt sind alle bargeldlos und zahlen nur noch elektronisch, was schlecht für Steuerhinterzieher ist, hofft Wolfgang Schäuble. Der lobte kürzlich die Initiative "Bye, bye Bargeld" seines Amtskollegen aus Bayern:

"Ich will es nicht wiederholen, außer mich zu bedanken, das war eine sehr kluge Initiative unseres Kollegen, damit wir im Interesse der Menschen Fortschritte machen."

Um wirklich auch bundesweiten Erfolg zu garantieren, spielen bei den Entzugs-Scheinen aber nicht nur länderbezogene Designs eine Rolle. Auch der Sicherheitsaspekt steht im Vordergrund – wegen der bis zu 26.000 Krankheitserreger, die man auf dem Bargeld findet.

Der Anti-Keim-Geldschein der Zukunft

"Keime, die wir auf Geldscheinen finden können, sind im Wesentlichen Hautkeime, aber auch Keime aus dem Nasen-Rachen-Raum und gegebenenfalls auch Darmkeime."

So erklärt es Klaus Dieter Zastrow, Hygiene-Mediziner und Entwickler des neuen Geldkeimzählers – ein Mikrochip, der bereits in die neuen 20-Euro Scheine integriert wurde. Dort auf den Scheinen, wo ansonsten die silberfarbene Prägung zu finden war, findet man jetzt einen Balken, der sich mit steigender Keim-Belastung von grün über gelb zu rot verfärbt.

"Und spätestens dann sollte man den Schein nicht mehr berühren bzw. sollte ihn einfach ausgeben oder beim Glücksspiel verwenden. Denn um die Sicherheit der Bürgerinnen und Bürger zu garantieren, werden diese Scheine dann einbehalten."

Sagt Gisela Gans von der Bundesdruckerei. Ab 2016 müssen wir uns also auf ein bargeldloses Leben gefasst machen.

 

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