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Interview / Archiv | Beitrag vom 11.02.2011

"Wir wissen nicht, was die Bank wirklich wert ist"

Buchautor Müller: "Lügengebäude" bei der WestLB wird zusammenbrechen

Leo Müller im Gespräch mit Jörg Degenhardt

Die WestLB in Düsseldorf - ohne Zukunft? (AP)
Die WestLB in Düsseldorf - ohne Zukunft? (AP)

Die Westdeutsche Landesbank, durch misslungene Auslandsgeschäfte und Fehlspekulationen in Schieflage geraten, soll nach dem Willen der EU-Kommission schrumpfen und einen neuen Eigentümer bekommen. Der Experte für internationale Finanzkriminalität, Leo Müller, sieht jedoch keine Zukunft mehr für Bank. Die WestLB erbringe keine wichtigen Leistungen für die Volkswirtschaft, sagte der Journalist und Buchautor.

Jörg Degenhardt: Es war einmal eine große und starke Bank, das mächtigste öffentlich-rechtliche Kreditinstitut in Deutschland, aber das ist Geschichte. Von der WestLB ist die Rede, entstanden 1969, eng vernetzt mit Politik und Wirtschaft an Rhein und Ruhr. Schon vor der weltweiten Finanzkrise brachten Milliardenverluste durch misslungene Auslandsgeschäfte und Fehlspekulationen die Düsseldorfer Bank in Schieflage, doch mit Ausbruch der Finanzkrise kam es richtig dicke: Seit 2008 musste die krisengeschüttelte Bank von der öffentlichen Hand mit 16 Milliarden Euro gestützt werden. Die EU-Kommission will nun, das die Bank bis zum 15. Februar ein Sanierungskonzept vorlegt, dabei verlangen die Wettbewerbshüter nicht nur eine drastische Schrumpfung, sondern auch einen Eigentümerwechsel und ein erfolgversprechendes neues Geschäftsmodell für das Geldinstitut. Mein Gesprächspartner ist jetzt Leo Müller, er ist Experte für internationale Finanzkriminalität, von ihm stammt zum Beispiel das Buch "Die Bankräuber". Guten Morgen, Herr Müller!

Leo Müller: Guten Morgen, Herr Degenhardt!

Degenhardt: Welche volkswirtschaftlich wichtige Leistung erbringt eigentlich die WestLB?

Müller: Sicherlich keine mehr, die man nach System wichtig nennen könnte, wie das die Politiker zeitweise getan haben. Es ist auch so, dass ein Gutachten jetzt zum Ergebnis gekommen ist, das veröffentlicht worden ist, dass die Bank keine wirklich wichtigen Leistungen mehr erbringt, die verzichtbar sind, also die volkswirtschaftlich verzichtbar sind für das Land oder für die Welt.

Degenhardt: Ernsthaft geprüft werden solle deswegen die Abwicklung der Bank, das wäre natürlich für die Beschäftigten hart. Ist das für Sie auch ein wahrscheinliches Szenario?

Müller: Das ist letztendlich sehr wahrscheinlich. Wir haben hier ein Schreckensszenario, das letztendlich sich endlos fortsetzt, jetzt schon seit zwei Jahren. Was wir hier erleben, ist eigentlich der Zusammenbruch eines Lügengebäudes. Dieses Gebäude war über Jahre hinweg aufgebaut worden mit falschen Geschäften, mit Geschäften, deren Qualität man nicht kannte und die man in der Bilanz versteckt hatte. Als das dann zu Beginn der Finanzkrise erkennbar war, dass hier Probleme vorliegen, hat man das weiter versteckt. Ich habe während der Finanzkrise zwei Bankentypen kennengelernt, die einen, das waren diejenigen, die schnell und ehrlich ihre problematischen Wertpapiere berichtigt haben, die sind sehr schnell dafür auch von ihren Aktionären natürlich abgestraft worden und standen im öffentlichen Bild sehr schnell auch als die Belzenbuben da, und dann gab es aber eben auch Banken, die haben es immer wieder verschleiert, die Wertberichtigungen verschoben, also diese Abschreibungen verschoben, das heißt, keine ehrlichen Daten in den Bilanzen publiziert über das, was sie in den Büchern haben. Dazu gehört ohne Zweifel die WestLB, und wir erleben jetzt, dass dieses Gebäude jetzt endgültig zusammenbricht.

Degenhardt: Aber angeblich sollen sich ja vier Bieter beim Verkaufsbeauftragten, bei Friedrich Merz, gemeldet haben, allerdings ganz unverbindlich. Bis heute Mittag 12 Uhr können sie ihre Angebote noch konkretisieren. Warum sollte jemand eine solche Krisenbank kaufen?

Müller: Wissen Sie, das sind jetzt alles Dinge, die wir nicht wissen, da sprechen wir über angeblich und über irgendwelche angeblichen Bieter, die wurden schon in Geschäftsberichten vor einem Jahr erwähnt, dass es dort Angebote gäbe. Wir wissen nicht bei der WestLB, welches Portfolio ausgelagert worden ist zum Beispiel in eine Bad Bank, wir wissen nicht, was die Bank wirklich wert ist, wir wissen nicht, welche Papiere sie hat und welche wirklichen Belastungen sie hat. Es gab auch nie eine Untersuchung des Landes Nordrhein-Westfalen oder der Bundesregierung über die Problemlagen der Landesbanken, in denen dies systematisch aufgeklärt worden ist. Warum ist das so? Die Aufsichtsräte, also die verantwortlichen Manager dieser Landesbanken sind Finanzpolitiker, und diese Finanzpolitiker vereiteln die wirkliche und tatsächlich saubere Information über die Lage dieser Banken. Deswegen spekulieren wir immer noch darüber, ob sie irgendetwas wert sind oder was sie wert sind. Tatsächlich haben wir die Situation, dass wir jetzt in die Lage kommen, wo wir erkennen müssen, dass möglicherweise das alles nicht so viel wert ist und, das Traurige dabei, 4000 Mitarbeiter dort stehen und erkennen müssen, dass sie keiner mehr ruft.

Degenhardt: Was wäre aus Sicht der Steuerzahler die beste Zukunftslösung für die WestLB?

Müller: Das Problem bei dieser Geschichte ist, dass sie hier immer mit Milliardenbeträgen zu tun haben und die Dinge sehr schwer verstehen. Wir müssen es uns vielleicht mal an einem kleinen Beispiel darstellen. Wenn Sie als Autohändler eine große Halde Autos oder im Showroom eine große Zahl von Autos stehen haben, von denen Sie wissen, dass sie keiner kaufen möchte, und Sie wissen zudem, dass unter der Haube dieser Fahrzeuge bei fast allen schwerwiegende Defekte sind, dann beginnen Sie irgendwann, diese Autos aus dem Showroom herauszunehmen, weil das ja nicht mehr so schön aussieht und jeder weiß, dass das Schrott ist, und stellen sie außerhalb auf eine Halde. Nun wird Ihr Eigentümer Ihnen irgendwann sagen, ich will aber wissen, wie viel das wert ist, was da auf der Halde steht. Dafür hat man Bilanzen, und in dieser Bilanz muss man feststellen: Das ist der Wert des gesamten Wagenparks, den wir auf der Halde stehen haben. Wenn wir die zu Buchwerten oder zu Anschaffungswerten feststellen, das ist das, was wir im Moment bei der WestLB machen, dann haben wir das Gefühl, das ist immer noch sehr viel wert. Wenn wir aber feststellen, diese Autohalde nach den aktuellen Marktwerten und zu dem, was mutmaßlich oder tatsächlich dafür noch bezahlt würde, stellen wir fest, was wir tatsächlich in der Tasche haben.

Degenhardt: Wohin auch immer die Reise geht, es bleibt festzuhalten: Die WestLB steht am Scheideweg. Über die Zukunft des Kreditinstitutes sprach ich mit Leo Müller, er ist Experte für internationale Finanzkriminalität. Vielen Dank, Herr Müller, für Ihre Einschätzungen!

Müller: Bitte schön!

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