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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 02.11.2012

Wir waren alle blind

Bei der Suche nach der NSU hat die gesamte Gesellschaft versagt

Von Christian Fuchs

Die mutmaßlichen Mitglieder der Terrorzelle Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) Uwe Mundlos, Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt (picture alliance / dpa)
Die mutmaßlichen Mitglieder der Terrorzelle Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) Uwe Mundlos, Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt (picture alliance / dpa)

Ein Jahr nach Auffliegen der rechten Terrorzelle sollten wir aufhören, einseitig die Schuld nur bei den Ermittlern zu suchen. Wir müssen beginnen, unsere eigene Ignoranz zu hinterfragen und uns endlich mit latentem Rassismus in unserer Gesellschaft auseinandersetzen, meint Christian Fuchs.

"Der Uwe ist nicht mehr, der Uwe lebt nicht mehr." Das sind die Worte mit denen sich Beate Zschäpe vor einem Jahr bei der Mutter ihres Komplizen meldet. Uwe Mundlos hatte sich nach einem missglückten Banküberfall selbst erschossen. Der Anruf erreicht die Eltern vor genau einem Jahr: am 5.November 2011, kurz vor Acht am Morgen. Wenige Tage später wird sich auch die meistgesuchte Frau Deutschlands der Polizei stellen. Die mutmaßliche Terrorbande "Nationalsozialistischer Untergrund" ist aufgeflogen.

Seitdem erreichen uns fast täglich Nachrichten, die den Glauben in unseren Rechtsstaat erschüttern: Über ein Jahrzehnt lang ermordeten Neonazis zehn Menschen, zogen bankraubend durchs Land und versetzten Köln mit zwei Bombenanschlägen in Angst und Schrecken. Es ist der schrecklichste politische Gewaltexzess in Deutschland seit dem Treiben der Roten Armee Fraktion vor 30 Jahren. Und was tat die Polizei? Sie suchte an der falschen Ecke, vermutete die Täter im türkischen Mafiamilieu. Der Geheimdienst mauerte und gab seine Erkenntnisse über gewaltbereite Rechtsextreme nicht an die Polizei weiter - aus Angst seine eigenen V-Leute zu verbrennen. Die Familien der Opfer wurden wie Verbrecher behandelt, ihre Hinweise auf Neonazis als mögliche Täter nahmen die Ermittler nicht ernst. Schuld am NSU-Schlamassel haben also ausschließlich Verfassungsschutz und Polizei. Diese Haltung dominiert die derzeitige Debatte.

Wir Bürger richten uns mit dieser Erklärung gerade gefährlich in einem Kokon aus Ignoranz ein. Wir zeigen mit dem Finger auf die Sicherheitsbehörden und unterstellen ihnen, auf dem rechten Auge blind gewesen zu sein. Damit machen wir es uns aber zu einfach!

Nach der großen Empörungswelle verfallen wir jetzt in eine Guido Knopp-Bequemlichkeit. Der Fernseh-Historiker hat mit seinen Hitler-Dokumentationen in den vergangenen Jahren viel dafür getan, dass wir heute glauben, eine kleine Gruppe Nazi-Monster sei allein schuld an Massenmord und Zweiten Weltkrieg. Mit uns Deutschen hatte der Holocaust aber nichts zu tun.
Wer die Berichterstattung über den NSU verfolgt, muss auch glauben: Mit uns Deutschen hat der rechte Terror nichts zu tun. Verantwortlich sind allein Polizei und Geheimdienst.

Nicht das Sie mich falsch verstehen: Die Kritik an den Sicherheitsbehörden ist wichtig, die angestoßenen Reformen der Dienste überfällig. Aber auch Politik, Presse und Zivilgesellschaft haben Fehler gemacht in den vergangenen Jahren.

Wer übernahm denn die These der Polizei wenig reflektiert und schrieb jahrelang von "Dönermorden"? Wir Journalisten. Und wer hörte den türkischstämmigen Opfern nicht zu, als sie sagten, dass hinter den Morden auch Neonazis stecken könnten? Wir Journalisten. Auch jetzt schreiben wir von den Opfern als "acht Türken, einem Griechen und einer Polizistin" und reduzieren die neun Kleinunternehmer damit allein auf ihre Herkunft. Dabei hatten zwei der getöteten Migranten einen deutschen Pass.

Neben der Presse haben all die Jahre aber auch die Politiker versagt. Sie haben zugelassen, dass die Rechtsextremismus-Abteilung des Verfassungsschutzes abgeschafft wurde. Oder Otto Schily. Als Innenminister behauptete er einen Tag nach dem Nagelbombenanschlag in Köln, dass ein terroristischer Hintergrund ausgeschlossen werden könne. Damals waren die Spurensicherer noch am Tatort. Das Image unseres Landes - so kurz vor der Fussballweltmeisterschaft - schien wichtiger, als eine ernstgemeinte Aufklärung.

Und wo waren die Kritiker von Verfassungsschutz und Polizei in all den vergangenen Jahren? Welche Antirassismus-Initiative, welcher Oppositionspolitiker, welcher Antifa-Fachjournalist hat denn erkannt, dass die Ceska-Mordserie einen rechten Hintergrund haben könnte? Kein Einziger.

Als die Familien der Opfer nach dem neunten Mord vor fünf Jahren schweigend durch Kassel und Dortmund marschierten, blieben die türkischstämmigen Deutschen fast unter sich. Wenn wir ehrlich zu uns sind, war uns Ur-Deutschen doch egal, dass Bürger mit ausländischen Wurzeln erschossen wurden.

Ein Jahr nach Auffliegen der rechten Terrorzelle sollten wir aufhören, einseitig die Schuld nur bei den Ermittlern zu suchen. Wir müssen beginnen, unsere eigene Ignoranz zu hinterfragen und uns endlich mit latentem Rassismus in unserer Gesellschaft auseinandersetzen.

Christian Fuchs (privat)Christian Fuchs (privat)Christian Fuchs, Jahrgang 1979, ist Reporter und Autor in Leipzig. Er schreibt für DIE ZEIT, Süddeutsche Zeitung sowie Spiegel Online und arbeitet fürs Fernsehen. 2012 veröffentlichte er zusammen mit John Goetz "Die Zelle - Rechter Terror in Deutschland" bei Rowohlt.

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