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Thema / Archiv | Beitrag vom 31.01.2012

"Wir sind zur Völkerverständigung da"

Berlinale-Direktor Kosslick über Umbrüche in Filmen und Kino in Zeiten der Wirtschaftskrise

Dieter Kosslick bei der Berlinale-Präsentation 2012
Dieter Kosslick bei der Berlinale-Präsentation 2012 (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)

Einen Film über die Wirtschaftskrise gebe es in diesem Jahr auf der Berlinale nicht, sagt Direktor Dieter Kosslick. Aber das Festival leiste einen Beitrag zur Versöhnung der Völker angesichts der vielen Stereotype, die wegen der Finanzkrise erneut auftauchten.

Dieter Kassel: Es wird kalt in Berlin, was auch Auswirkungen auf das öffentliche Leben hat, und soweit man den langfristigen Vorhersagen trauen kann, wird es auch am Donnerstag nächster Woche noch ziemlich kalt sein. Dann aber werden diese Auswirkungen nicht mehr zu spüren sein, denn dann - am 9. Februar - beginnen die 62. Berliner Filmfestspiele. Und Kälte macht den Berliner Kinofans nichts aus. Das haben sie im vergangenen Jahr eindrücklich bewiesen.

Warum sich der Weg durch die eisigen Straßen lohnt, das hat der Leiter der Berliner Festspiele, Dieter Kosslick, heute Vormittag auf einer Pressekonferenz allen Journalisten erklärt, und kurz vor Beginn dieser Sendung ist er dann auch noch in unseren Ü-Wagen gegangen, und ich konnte mit ihm sprechen und habe ihn als erstes nach dem Eröffnungsfilm der diesjährigen Berlinale gefragt. Es ist ein französischer Film mit dem Titel "Les Adieux à la Reine", und ich habe Dieter Kosslick gefragt, warum das der ideale Eröffnungsfilm ist, ob das so eine Art cineastische eierlegende Wollmilchsau sei.

Dieter Kosslick: Ja, aber das ist keine filmische eierlegende Wollmilchsau, also was man in Bayern als Wolpertinger bezeichnet. Das ist es nicht, sondern wir haben den Film schon vor ein paar Monaten gesehen. Wir fanden den im wahrsten Sinne des Wortes schön, weil das ein Kostümfilm ist. Aber wenn man diesen Film anguckt, merkt man plötzlich, das ist gar nicht ein Kostümfilm, sondern das ist ein Film, der die Welt, vor allen Dingen die Welt von Versailles vor 220 Jahren, von unten zeigt, von hinten, von da, wo die Dienstboten waren. Es gibt ja diesen Film von Robert Altman, "Gosford Park", wo man die gesamte Sache in England aus der Dienstmädchen-Perspektive sieht. Hier sieht man sie aus der Perspektive einer Kammerzofe, und man erlebt die letzten 48 Stunden von Marie-Antoinette und was die da macht.

Und da zogen sich so langsam Parallelen, dass die nichts anderes gemacht hat als Mubarak, als er vor einem Jahr abgehauen ist: Er hat auch versucht, sein Geld zusammen in eine Kiste zu legen und sein Leben zu retten. Gaddafi hat 80 Laster bestellt für sein Gold, um es in den Tschad zu transportieren - also da sind sie offensichtlich alle gleich, und das ist der Charme neben der Schauspiel- und Regiekunst dieses Films. Das ist ein charmanter Film, der das Motto der Berlinale auch von Umbrüchen nicht besser einleiten könnte.

Kassel: Das heißt, er ist charmant, es ist natürlich ein Kostümfilm, allein schon, weil er in dieser Zeit spielt, aber das ist, wenn ich mich da hinsetzen würde und das zwei Stunden sehe, keine Weltflucht, sondern das ist in Ihren Augen auch hochaktuell?

Kosslick: Nein. Erstens mal ist das keine zwei Stunden - das ist ja auch wichtig für einen Eröffnungsfilm, ja? -, sondern der ist genau 90 Minuten, man muss sich das vorstellen, so was gibt es noch, und der entführt Sie irgendwo hin - am Anfang fragen Sie sich: Hey, ja, ist das ein Kostümfilm, was, und so -, und plötzlich werden Sie damit reingezogen in diese Welt der schönen Frauen, in diese Welt, wo es ganz anders zuging, plötzlich drängen sich einem Parallelen auf, so ein Hofstaat, was das alles bedeutet, was da alles gemacht wird - ja, da ist, glaube ich, für jeden was drin. Sie müssen ja dran denken, wir haben fast 3.000 Gäste an diesem Abend, da ist das Gschmäckle ja doch völlig unterschiedlich.

Kassel: Das klingt jetzt aber doch wieder nach Wolpertinger irgendwie.

Kosslick: Ja, vielleicht ist es doch ein Wolpertinger, aber ein französischer.

Kassel: Reden wir über die Umbrüche, die sie gerade erwähnt haben: Umbrüche, Revolutionen, das ist so ein bisschen ja das - oder Hauptthema gibt es ja nicht bei solchen Festspielen -, aber ein großes Thema auch bei dem Film. Wie wirkt sich das aus?

Kosslick: Nun, das ist natürlich gekommen mit der Zeit beim Auswählen. Und jetzt müssen wir da ein bisschen weggehen vom Wettbewerb. Wir haben Filme im Wettbewerb, die Umbrüche zeigen außer dem Eröffnungsfilm, zum Beispiel Filme, wie Romas in Ungarn behandelt werden, über Umbrüche in Afrika, in Senegal - also das haben wir auch im Wettbewerb, aber die Dokumentarstücke dazu, die gibt es in anderen Reihen, die gibt es im Panorama, und die gibt es in unserem neuen Kino in der Schaperstraße 24, wo wir eine neue Reihe aufmachen, wo wir solche Dokumentarfilme und Dokumente zeigen über den Arabischen Frühling.

Werner Herzog präsentiert da Menschen, die auf ihre Exekution warten, Angelina Jolie wird ihr Regiedebüt dort zeigen, "Land of Blood and Honey", die Geschichte, die wir schon mal auf der Berlinale gesehen habe, nämlich von Bosnien die Massenvergewaltigungsgeschichte, diesmal aus Sicht von Angelina Jolie. Also da sieht man, überall brechen die alten Systeme zusammen, da entsteht was neues, da kämpfen Leute für ihre Freiheit und für ihre Menschenwürde, und sie kämpfen auf völlig unterschiedliche Art. Und weshalb wir das jetzt haben, so viele Dokumente plötzlich, hängt auch mit der Technologie zusammen, wie diese Art von Dokumentation aufgenommen wird, und wir werden sehr viele Protagonisten da haben, die darüber sprechen.

Kassel: Das Interessante ist nun, Herr Kosslick, es gibt drei deutsche Spielfilme dieses Jahr in Wettbewerb, Filme von Christian Petzold, Hans-Christian Schmid und Matthias Glasner. Und wenn ich das richtig verstanden habe - weil es ist ein Wettbewerb, es sind Premieren, ich habe sie nicht gesehen bisher -, aber wenn ich das richtig verstanden habe, was über diese Filme zu lesen war, dann geht es da gewissermaßen schon auch um Umbrüche, aber in dem Fall doch um sehr private und familiäre Veränderung.

Kosslick: Ja, also erst mal, die haben alle gemeinsam, dass es um private Geschichten, eigentlich auch um Familiengeschichten geht, ja, das haben sie gemeinsam. Bei Christian Petzold, dessen Filme wir ja auch alle auf der Berlinale hatten, da geht es natürlich auch privat und Politik zusammen. Das ist eine Geschichte, die in der ehemaligen DDR spielt. Bei Glasner geht es auch um einen Aufbruch einer Familie, die wegfährt in den Norden und dort versucht, ein neues Leben zu etablieren, und dann passiert etwas, was dieses Leben durcheinanderbringt, aber vielleicht dann auch die Familie wieder zusammenbringt.

Das wird man dann sehen, wenn man diesen Film sieht. Und bei Christian Schmid, da bleiben wir in Berlin, da findet es alles in Berlin statt, und da gibt es Familienkonventionen, Zusammenhänge, aus denen die Einzelnen alle versuchen auszubrechen, aber letztendlich doch nicht können. Ja, das verbindet sie. Es ist interessant, dass es diese drei Filme jetzt zur gleichen Zeit gibt, die so ein Thema haben, aber völlig unterschiedlich in ihrer Art und Weise, in ihrer Dramaturgie und auch in der Art und Weise, wie die Schauspieler diese Geschichte spielen, zeigen, das ist interessant. Wir haben sie auch über das ganze Festival verteilt, und ich hoffe, dass der deutsche Film bei der Berlinale wieder - wie in den letzten Jahren - gut wegkommt.

Kassel: Jetzt haben Sie aber das provoziert, was ich Sie jetzt fragen muss, Herr Kosslick: Sie haben selber schon gesagt, das sind drei Filmemacher, von denen schon ganz viele Filme auf Berlinalen zu sehen waren, immer wieder auch im Wettbewerb - da kann man natürlich böse auch sagen, da haben Sie sich die üblichen Verdächtigen ausgesucht.

Kosslick: Na ja, also so viele Verdächtige gibt es ja so jetzt eigentlich nicht hier. Wir müssen ja gucken, welche Filme fertig sind. Wir zeigen auch eben international die Weltpremiere von Doris Dörries Film "Glück", die ja vor zwei Jahren im Wettbewerb war, wir müssen die nehmen, die Filme, die wir denken, dass sie passen im Wettbewerb, und da sind es halt dann die. Aber wenn Sie das so sehen wollen, ja, so ist es nun mal.

Kassel: Wir reden im Deutschlandradio Kultur mit Dieter Kosslick, dem Leiter der Berliner Filmfestspiele. Die Filmfestspiele beginnen am 9. Februar, eine gute Woche ist es noch hin. Und dann - Sie haben es gesagt, Herr Kosslick - gibt es schon wieder einen Spielort mehr in Wilmersdorf, Haus der Berliner Festspiele, Schaperstraße - bald, schon nächstes Jahr oder übernächstes, kommt der Zoopalast wieder dazu, das heißt, die Berlinale wird auch räumlich, auch was Veranstaltungsorte angeht, immer größer. Gibt es da eigentlich irgendwann mal eine Grenze, wo man irgendwann auch sagen muss, das Ding ist jetzt zu groß?

Kosslick: Die Grenze ist ja schon längst eingezogen. Wir haben ja nur 300.000 Karten zur Verfügung, die wir verkaufen können, und die werden verkauft. Wir könnten natürlich das noch größer machen, das tun wir aber nicht, selbst wenn es jetzt so scheint. Was wir machen, ist, wir versuchen bis 2013 ein Kinokonzept zu machen, was es uns ermöglicht, auch den Markt zu vergrößern. Denn der Markt auf der Berlinale boomt in diesem Jahr, wie es noch nie gewesen ist. Wir haben über 1.000 Filme, die dort gezeigt werden, wir haben über 1.300 Screenings, die dort gemacht werden - das findet ja alles im Martin-Gropius-Bau und in Hotels in der Zwischenzeit statt.

Und dadurch, dass wir die neuen Spielstätten und unsere alte Kult-Spielstätte Zoopalast zurückbekommen und auf dem Weg dahin jetzt in die Festspiele einziehen, die ja renoviert worden sind mit Hilfe des Kulturstaatsministers, mit diesem Topf - und das haben wir gleich als Kino geplant -, da werden wir eine andere Struktur bekommen. Größer kann die Berlinale in dem Sinne nicht mehr werden. Die haben wir abgeschlossen mit dem Kiez-Kino, das wollten wir eigentlich nur zum Geburtstag machen, aber da gab es so viele Proteste, dass wir das Kiez-Kino nicht mehr machen wollten, dass wir es lieber gelassen haben. Denn mein Motto als Festival-Direktor ist: Ich bin der Letzte, der jemand hindert, ins Kino zu gehen.

Kassel: Sozusagen bei Popular Demand haben Sie das Ganze dann fortgesetzt. Herr Kosslick, wenn ich das höre, wie großartig der Markt funktioniert, wenn ich sehe, dass, glaube ich, Ihr Etat in diesem Jahr fast 20 Millionen ist - das ist knapp das Doppelte von dem, womit Sie als Leiter mal angefangen haben. Kann ich daraus schließen, von Krise ist zumindest bei den Berlinale-Filmen nirgendwo was zu spüren? Ich meine durch die wirtschaftliche Krise jetzt.

Kosslick: Nein, das haben wir jetzt nicht. Wir haben auch diese Filme dieses Jahr interessanterweise nicht. Wir hatten ja letztes Jahr "Margin Call" im Wettbewerb, der Film, der die Nacht gezeigt hat von den Lehman Brothers, was sie da gemacht haben. Und auch die Einstellung haben wir dieses Jahr gar nicht. Aber das Interessante in diesem Zusammenhang ist, dass es ja eine Krise gibt, in der wir drin sind, und zwar ein ökonomische Krise, in der wir weltweit, aber auch in Europa sind. Und was viel schlimmer ist, finde ich, was die letzten Wochen so dräut hier überall in Europa, dass jetzt die alten Stereotypen wieder kommen, was die Griechen über die Deutschen sagen und die Deutschen über italienische Kapitäne und all dieser ganze Schmarren, ja?

Dagegen müssen wir irgendwas setzen, und Gott sei Dank gibt es da die Berlinale schon mal. Wir sind zur Völkerverständigung da, und wenn man dieses Europa retten will, dann garantiert nicht mit endlosem Weitermachen mit denselben Systemen der Banken und mit denselben Geldsystemen, sondern wenn man das retten will, dann kann man es nur kulturell retten, indem man wechselseitige Akzeptanz, Toleranz und diese Dinge, Völkerverständigung heißt es bei der Berlinale, macht, und das ist unsere große Aufgabe. Von daher haben wir keine Krise bei der Berlinale, sondern versuchen, die Krise mit anderen Mitteln zu bewältigen, und zwar mit kulturellen.

Kassel: Sagt Dieter Kosslick, der Direktor der Berliner Filmfestspiele. Ich habe kurz vor Beginn dieser Sendung mit ihm gesprochen. Die Filmfestspiele 2012, die 62., die beginnen nächste Woche Donnerstag, am 9. Februar also.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.