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Interview / Archiv | Beitrag vom 27.04.2012

"Wir sind natürlich gegen einen Boykott"

Sportfunktionär Michael Vesper verteidigt Fußball-EM in der Ukraine

Michael Vesper im Gespräch mit Nana Brink

Michael Vesper: Die EM ist "eine hell ausgeleuchtete Bühne " (AP)
Michael Vesper: Die EM ist "eine hell ausgeleuchtete Bühne " (AP)

Der Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes, Michael Vesper, hat sich gegen eine Boykott-Diskussion im Zusammenhang mit der Fußball-Europameisterschaft in der Ukraine gewandt.

Nana Brink: Der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck hat gestern deutlich gemacht, was er von den Vorgängen in der Ukraine hält: Er hat seinen Besuch für Mitte Mai abgesagt und damit ein Zeichen gesetzt gegen die Behandlung der gefangenen Oppositionspolitikerin Julija Timoschenko, die seit Tagen im Hungerstreik ist. Ein Zeichen, immerhin, aber der Protest wird wahrscheinlich verhallen, denn niemand zweifelt daran: Die Fußball-EM wird in gut sechs Wochen in Polen und eben auch in der Ukraine beginnen, wie auch die Olympischen Spiele in Peking stattfanden. Der Umgang des ukrainischen Staates mit der Opposition allerdings entflammt die Frage neu: Darf der Sport unpolitisch sein? Michael Vesper, Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes, früher lange grüner Minister in Nordrhein-Westfalen, ist jetzt bei uns am Telefon. Schönen guten Morgen, Herr Vesper!

Michael Vesper: Morgen, Frau Brink!

Brink: Kann sich der ukrainische Staatspräsident Janukowitsch darauf verlassen, dass die Fußball-EM in seinem Land geräuschlos beginnen wird?

Vesper: Ob sie geräuschlos beginnen wird, weiß ich nicht, aber ich denke, es ist - um das gleich zu Beginn zu beantworten - weder sinnvoll, noch wäre es erfolgreich, jetzt eine Boykott-Diskussion zu entfachen. Ich denke, dass jetzt die Welt im Moment zuschaut und dass die Scheinwerfer sich auf die Ukraine und auf die Menschenrechtslage dort richten, hat ja sehr viel mit der bevorstehenden Fußball-Europameisterschaft zu tun, und das ist zu begrüßen, dass sich die Welt damit beschäftigt. Und die Forderungen, auch aus dem Sport, sind ja eindeutig: Lassen Sie Frau Timoschenko ausreisen, in Deutschland behandeln, und lassen Sie die politischen Gefangenen in der Ukraine frei.

Brink: Was hat der Deutsche Olympische Sportbund für eine Haltung, ganz konkret?

Vesper: Ja, wir sind natürlich gegen einen Boykott, weil der nichts bringen würde, aber wir sind selbstverständlich nicht der Meinung, dass der Sport unpolitisch ist, wie Sie es in der Anmoderation gesagt haben, sondern ...

Brink: Ich habe die Frage aufgeworfen.

Vesper: Ja, ja, natürlich. Aber der Sport ist natürlich politisch oder er ist Teil der Gesellschaft, auch der Weltgesellschaft, und positioniert sich ja auch: Wolfgang Niersbach, der Präsident des DFB, hat das gestern eindeutig getan in einem Interview. Und ich sage das auch: Wir sind natürlich besorgt über die Menschenrechtssituation in der Ukraine und wir wünschen uns, dass Frau Timoschenko freikommt und dass sie behandelt werden kann, und dass auch die anderen politischen Gefangenen jetzt freikommen und die Menschenrechte in der Ukraine durchgesetzt werden.

Brink: Aber reicht das denn, wenn man einfach nur ständige Zeichen des Missfallens gibt?

Vesper: Die Fußball-Europameisterschaft ist ja eine Kommunikationsbühne und eine hell ausgeleuchtete Bühne, und ich denke schon, dass das eine Wirkung entfaltet, diese Diskussion, die jetzt nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa vor sich geht, und die wird auch Wirkung zeigen, da bin ich mir relativ sicher oder ich hoffe es jedenfalls.

Brink: Aber können Vertreter des deutschen Sportes dann im Stadion sitzen, neben diesem Präsidenten Viktor Janukowitsch?

Vesper: Ich denke, dass man den Sport nicht als Werkzeug der Politik sehen darf. Der Sport ist politisch, das ist ganz klar, aber ...

Brink: Würden Sie sich neben ihn setzen?

Vesper: Nein, ich würde mich nicht neben ihn setzen, aber ich denke, dass der Sport dadurch, dass der diese Kommunikationsbühne ist, wie ich es gerade gesagt habe, dadurch eine große Wirkung entfaltet, die andere Bereiche so nicht entfalten können. Aber der Sport ist nicht ein beliebiges Werkzeug der Politik, und zu glauben, dass ein Boykott die Dinge ändern würde, ist falsch. Er wird deswegen ja auch von niemandem gefordert. Auch der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung Markus Löning hat das noch mal bestätigt. Es ist gut, dass jetzt die Welt hinschaut, dass die Diskussion stattfindet, dass die Medien sich damit beschäftigen, und ich bin ganz sicher, dass dieser Druck seine positive Wirkung entfalten wird.

Brink: Die Frage nach dem Spagat zwischen Politik und Sport ist ja alt. Wir hatten die Diskussion ja schon bei den Olympischen Spielen in Peking, da wissen Sie gut Bescheid, wir hatten sie kürzlich beim Formel-1-Rennen in Bahrain. Aber keiner steigt aus sportlichen Großveranstaltungen dann letztlich aus - weil es nicht opportun ist, oder weil es nicht geht?

Vesper: Nein, weil es auch nichts bringt. Wir haben das ja einmal gesehen, in Moskau 1980, und den Gegenboykott, Los Angeles, die Olympischen Spiele 1984, und da haben beide Boykotte überhaupt nichts in der Sache gebracht, die Sportler waren damals die Verlierer. Und deswegen ist es besser, hinzuschauen, die Dinge zu thematisieren, ihnen dadurch eine größere Aufmerksamkeit zu verschaffen, als sie es sonst bekämen, als nun einen Boykott zu fordern. Wohin würde das führen? Das würde dazu führen, dass jede Sportveranstaltung, jede sportliche Großveranstaltung mit einer solchen Diskussion belastet würde, und das bringt auch in der Sache nichts.

Brink: Dann gehen wir noch mal einen Schritt vorher zum Thema der Vergabe. Wenn man die Vergabe der Olympischen Winterspiele 2014 nach Sotschi oder die Vergabe der Fußball-WM 2022 in den Wüstenstaat Katar nimmt - Menschenrechte, Pressefreiheit, Umweltprobleme: Spielen sie keine Rolle mehr?

Vesper: Sie sollten eine Rolle spielen.

Brink: Oder haben sie überhaupt schon mal eine gespielt?

Vesper: Sie sollten eine Rolle spielen, aber ich meine, schauen Sie, die Fußball-EM, die wurde ja in die Ukraine gemeinsam mit Polen vergeben zu einem Zeitpunkt, als die Orangene Revolution noch voll im Gange war, also als sich das Land ganz anders dargestellt hat. Man kann Sportveranstaltungen nicht allein von politischen Entwicklungen hin oder her abhängig machen, sondern Sportveranstaltungen müssen möglich sein, aber ich sage noch einmal, dass der Sport sich nicht aus der Verantwortung stehlen kann und auch nicht stiehlt, die Dinge dann beim Namen zu nennen.

Brink: Aber trotzdem hat man ja doch den Eindruck, dass sportliche Großveranstaltungen dort hingehen, wo das meiste Geld ist - ich sage mal Katar.

Vesper: Über die Entscheidungen der FIFA, die Fußball-WM 2022 nach Katar zu vergeben, ist ja sehr viel diskutiert worden. Auch unsere deutschen Vertreter, Theo Zwanziger, Wolfgang Niersbach, die haben dazu ja eine klare Meinung gesagt, und ich glaube, dass man das durchaus kritisieren kann. Ich kann nicht in die Motive der FIFA-Leute schauen. Das ist auch nicht meine Aufgabe.

Brink: Sie sind Gründungsmitglied der Grünen. Wo ist für Sie die Grenze erreicht, an der Sie sagen: Dorthin fahre ich nicht, diese sportliche Veranstaltung darf nicht stattfinden?

Vesper: Das sind jetzt spekulative Fragen, die man immer sehr schwer beantworten kann, weil sie theoretisch sind. Ich sage nur, dass ich es richtig finde, dass man auch über eine schwierige Menschenrechtslage, wie das jetzt in der Ukraine der Fall ist, vor dem Hintergrund eines solchen Sportereignisses intensiv diskutiert, übrigens auch diejenigen, die dort den Sport machen, die Spieler darüber aufklärt, sie darüber informiert, und durch diese Kommunikation auch einen Beitrag dazu leistet, den notwendigen Druck auszuüben.

Brink: Michael Vesper, Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes. Herr Vesper, herzlichen Dank für das Gespräch!

Vesper: Gerne!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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