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Kulturinterview / Archiv | Beitrag vom 10.08.2006

"Wir sind hier konsequent europäisch"

Kurator Wilfried Rogasch zur Berliner Ausstellung über Flucht und Vertreibung

Moderation: Jürgen König, Winfried Sträter

Flüchtlinge warten im Oktober 1945 auf einen Zug in Berlin (AP Archiv/Henry Burroughs)
Flüchtlinge warten im Oktober 1945 auf einen Zug in Berlin (AP Archiv/Henry Burroughs)

Von der Vertreibung der Armenier 1915 bis zum Krieg in Jugoslawien will die Ausstellung "Erzwungene Wege" Flucht und Vertreibung im Europa des 20. Jahrhunderts thematisieren. Die unmittelbare deutsche Nachkriegsgeschichte sei nur ein Teil der Schau im Berliner Kronprinzenpalais, betonte Kurator Wilfried Rogasch. Sie sei ein "Lackmus"-Test für das geplante "Zentrum gegen Vertreibungen".

König: Der Bund der Vertriebenen und seine Stiftung "Zentrum gegen Vertreibungen" haben sich stets mit dem Vorwurf auseinander setzen müssen, sie wollten vor allem die Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg in den Mittelpunkt ihrer Arbeit stellen, sie wollten die Deutschen als Opfer definieren, um ihre Täterrolle im Krieg zu kaschieren. Dabei wurde nicht bestritten, dass es sinnvoll und nützlich wäre, die Geschichte der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa, objektiv und in allen Aspekten darzustellen.

Was befürchtet wurde und als zentraler Einwand gegen die Unternehmung, zum Beispiel von Wolfgang Benz, dem Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung, formuliert wurde, war die Aussicht, die Vertreibung der Deutschen könne als Völkermord definiert werden, als geplante und systematische Vernichtung einer Gruppe aus ethnischen, religiösen und kulturellen Gründen. Die Stiftung selber hat sich immer gegen diese Vorwürfe gewehrt: Nein, es gelte sehr wohl, alle Vertreibung in den Blick zu nehmen. Heute eröffnet die Stiftung ihre erste Ausstellung.

"Erzwungene Wege - Flucht und Vertreibung im Europa des 20. Jahrhunderts" heißt sie. Wir werden in den nächsten Tagen immer wieder darauf zurückkommen. Heute hören Sie einen, sagen wir, akustischen Rundgang. Winfried Sträter hat sich gestern Abend durch die Räume des Berliner Kronprinzenpalais führen lassen, begleitet von einem der drei Kuratoren, vom Historiker Wilfried Rogasch.

Sträter: Die Menschheitsgeschichte ist im Grunde eine Geschichte der Vertreibungen. Und auch der Prozess der Zivilisation, der neuzeitliche Prozess der Zivilisation, hat im Grunde daran nicht allzu viel geändert. Das zeigt sich an der Geschichte Europas im 20. Jahrhundert. Wir haben uns als Deutsche in den letzten Jahren sehr stark um die Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten nach dem Zweiten Weltkrieg gekümmert, haben sehr viel daran erinnert.

Herr Rogasch, wir stehen hier in dieser Ausstellung, die gerade in den letzten Zügen aufgebaut wird. Wurde es Zeit, dass der Blick einmal geweitet wird, vom eigenen nationalen Schicksal?

Rogasch: Ich denke ja, wir sind hier konsequent europäisch, das sieht man schon an der Ausstellungsarchitektur. Hier durchschreiten wir das Europa im 20. Jahrhundert chronologisch und geografisch. Der ganze Raum wird bedeckt von einer riesigen Europakarte. 400 Quadratmeter, das geht auch die Wände hoch. Sie sehen, wir stehen hier auf Italien, das zeigt uns die geografische Dimension Europas. Chronologisch läuft ein Fries um den ganzen Raum herum, 70 Meter lang, wo verschiedene Vertreibungssituationen dargestellt werden. Von der Vertreibung der Armenier 1915 bis zur Vertreibung in Ex-Jugoslawien in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts.

Sträter: Wir gehen einfach einmal um die Ecke in dieser Ausstellungshalle. Geschichtskundige Menschen wissen, dass Anfang der 20er Jahre sich ja Furchtbares zwischen Türken und Griechen abgespielt hat. Konkret wissen es aber doch, glaube ich, in der breiten Menge nicht so viele, dass es 1922/23 eine schreckliche Vertreibungsgeschichte auf dem Balkan gegeben hat.

Rogasch: Das ist richtig. Wenn man heute als Türkei-Urlauber sich Ephesus anschaut oder die anderen griechischen Kolonien, dann denkt man selten daran, dass diese antiken Griechen vor 2500 Jahren dort leben geblieben sind, und dass die Griechen in Kleinasien bis in das 20. Jahrhundert sesshaft waren. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges ermunterten die Alliierten, die Siegermächte, Franzosen, Briten, die griechischen Verbündeten, sich auch politisch auf der kleinasiatischen Seite festzusetzen, also Griechenland besetzte Teile von Kleinasien. Und da haben dann mit Kemal Atatürk, die Jungtürken 1921/22 gesagt, so geht das nicht, wir müssen das zurückerobern. Und das ist Atatürk ja auch gelungen und dabei ist es zu grauenvollen Massakern gekommen und zu einem millionenfachen Exodus. Das nennen die Griechen bis heute die kleinasiatische Katastrophe. Und diese Griechen mussten dann über die Ägäis flüchten, wenn sie nicht ermordet worden sind, in das Mutterland Griechenland. Das Ganze ist dann nachträglich vom Völkerbund legitimiert worden, in einem Abkommen in Lausanne 1923. Aber die Fakten waren schon längst vorher geschaffen worden. Dieses Lausanner Vertragswerk ist auch deswegen so faszinierend, weil das waren ja nicht irgendwelche Diktatoren, sondern, das war die zivilisierte Weltgemeinschaft, die hat gesagt, na ja, das ist vielleicht nicht das Allertollste, aber Zwangsumsiedlungen können auch das kleinere Übel sein. Also auch in den Köpfen dieser Diplomaten spukte die Idee vom ethnisch homogenen Nationalstaat.

Und wir haben hier zum Beispiel ein Buch vom Völkerbund, League of Nations, Genf 1926. Dort wird dieser brutale Bevölkerungsaustausch zwischen Griechen und Türken als Erfolgsgeschichte verkauft. Man sieht dann da kleine Baracken, Fotografien, wie gut es angeblich diesen Zwangsumgesiedelten in ihrer neuen Heimat ging. Und die Diplomaten bei der Potsdamer Konferenz, die waren natürlich selber nie in Griechenland oder in der Türkei. Die blätterten in diesem Buch und sagten, na ja, so ist das jetzt. Jetzt gibt es die Westverschiebung Polens, und dann müssen wir eben diese Deutschen, die da lebten, die müssen wir da jetzt in einer humanen und ordentlichen Weise, wie es im Artikel 12 des Potsdamer Abkommen heißt, herausbugsieren. Und die Diplomaten haben gesagt, na ja, das hat ja schon damals mit Griechen und Türken funktioniert, also wird das jetzt hier mit Polen und Deutschen auch funktionieren.

Das ist etwas, was uns ganz wichtig ist, diese neuen verschiedenen Fallbeispiele stehen nicht monolithisch da, das eine Beispiel hat nichts mit dem anderen zu tun, sondern das Gegenteil ist der Fall. Schauen Sie mal, hier sind wir bei der Vertreibung der Juden, als Vorstufe zum Holocaust. Wir haben uns gesagt, das Thema der Ausstellung ist nicht der Holocaust, aber die Vorgeschichte der Ermordung der Juden ist die Geschichte der Vertreibung aus dem öffentlichen Leben, aus den Städten. Und hier sehen wir zum Beispiel den Reisepass von dem Schriftsteller Franz Werfel, der schon in der armenischen Abteilung uns begegnet. Da hat er das bekannte Buch, den Roman, geschrieben "Die 40 Tage des Musa Dagh", wo er das Schicksal der Armenier in Romanform verarbeitet - einer der erfolgreichsten deutschen Romane des 20. Jahrhunderts.

Und hier, eine Abteilung weiter, ist er selber dann auch schon Vertreibungsopfer, weil er ein Jude war. Sie sehen hier seinen Reisepass. Er war tschechischer Staatsbürger, das wissen die meisten gar nicht, und hat in Wien gelebt. Und hier sehen Sie diesen tschechischen Reisepass und da sehen Sie als Wohnort Wien, das ist durchgestrichen. Als die Nazis Österreich angeschlossen haben, ist er nach Paris geflohen, und hier steht also Paris als sein neuer Wohnort. Sie wissen, dass er dann diese abenteuerliche Flucht gemacht hat über die Pyrenäen und über Spanien und Portugal. Und es ist ihm gelungen, sein Leben immerhin, das nackte Leben, zu retten.

Sträter: Wenn wir jetzt hinübergehen in die anderen Räume, wie baut sich die Ausstellung weiter auf?

Rogasch: Nach diesem sehr textlastigen und sehr kühl Zahlen, Daten, Fakten vermittelnden Europaraum kommen wir in Bereiche, die eher an die Emotionen gerichtet sind. Da gibt es eine Fülle von Exponaten, die Geschichten erzählen, sehr subjektive Geschichten, aus der Sicht der Vertriebenen, das, was sie mitnehmen konnten. Überlegen Sie mal, was würden Sie mitnehmen, wenn man Ihnen sagte, Sie haben jetzt eine Stunde Zeit und Sie können mitnehmen, was Sie mit Ihren Händen tragen können? Eine Bosnierin hat mir erzählt, auf diese Frage, was hat sie mitgenommen, sagte sie einfach lakonisch: zwei Kinder. Und von ihr haben wir hier einen Nagelclip. Sie hatte auch noch einen Koffer irgendwie, den haben ihr die serbischen Partisanen abgenommen, das einzige, der einzige Gegenstand ist dieser Nagelclip, der war in ihrer Jeanstasche, und deswegen hat sie den behalten.

Sträter: Also wir sind jetzt praktisch durch einen Raum durchgeschritten. In welchem Raum stehen wir jetzt?

Rogasch: Also wir sind jetzt in dem Raum, der die Fluchtwege thematisiert, und zwar nicht mehr nach einzelnen Nationen gegliedert, sondern sich allgemein dieser menschlichen Grundsituation Flucht widmet. Fluchtwege, was bedeutet das? Das bedeutet, zurückgeworfen sein auf das nackte Leben, das bedeutet Hitze, das bedeutet Kälte, das bedeutet Verdursten, das bedeutet möglicherweise Erfrieren von Ostpreußen, die bei minus 20 Grad im Winter '44/45 geflüchtet sind. Es bedeutet aber auch zum Beispiel Ertrinken in der Ostsee. Das wahrscheinlich spektakulärste Exponat der Ausstellung ist hier die Schiffsglocke der "Wilhelm Gustloff". Die ist so groß wie eine Kirchenglocke, ist auch 300 Kilogramm schwer, und diese Glocke ist mitsamt der "Wilhelm Gustloff" im Januar 1945 in der Ostsee versunken. Auf dem Schiff - ja, man kann Sie hören das auch - also diese Glocke symbolisiert die größte Seetragödie der Menschheit. Und für mich als Ausstellungsmacher ist es natürlich besonders, ja, auch berührend, dass wir diese Glocke hier bekommen haben. Die Glocke ist dann von der polnischen Küstenwacht aus dem Wrack vom Grunde der Ostsee gehoben worden im Jahre 1979. Und sie hat merkwürdigerweise in den letzten Monaten in einem Fischrestaurant in Gdingen, polnisch Gdynia, ja, bei Danzig, gestanden. Da sind wir darauf gestoßen, auf diese Fährte. Und dann ist es doch gelungen, nach längeren Verhandlungen, die Polen davon zu überzeugen, dass wir hier keine revanchistische deutschnationale Ausstellung machen, sondern eben auch polnisches Leid thematisieren. Und dann haben sie gesagt, ja, dann kriegt ihr auch diese Glocke, die eine ganz große Tragödie der deutschen Vertreibung, der Vertreibung der Deutschen am Ende des Zweiten Weltkrieges war.

Sträter: Was hat diese Ausstellung, die Vertreibungen im europäischen Ausmaß zeigt, mit dem erstrebten, geplanten, beabsichtigten "Zentrum gegen Vertreibungen" zu tun?

Rogasch: Na ja, das ist schon der Lackmustest. Also wenn diese Ausstellung hier in Grund und Boden verrissen wird, dann sieht es sicherlich sehr schlecht aus mit einem "Zentrum gegen Vertreibung". Ich bin aber optimistisch, dass dies sozusagen das Probestück ist, dass die Kritik das begutachten wird. Und wenn sie sagt, das ist recht ordentlich und das geht in die richtige Richtung, dann könnte das ein ganz wichtiger, zentraler Baustein für ein Dokumentationszentrum, für eine Gedenkstätte, für ein sichtbares Zeichen in Berlin werden.

König: Der Lackmustest für das "Zentrum gegen Vertreibung" sei diese Ausstellung "Erzwungene Wege - Flucht und Vertreibung im Europa des 20. Jahrhunderts", sagt einer der drei Kuratoren, der Historiker Wilfried Rogasch. Er führte unseren Kollegen Winfried Sträter durch die Räume des Kronprinzenpalais in Berlin, wo die Ausstellung heute eröffnet wird. Zu sehen ist sie dort bis zum 29. Oktober, wir werden das Thema in den nächsten Tagen immer wieder aufgreifen.

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"Der Bund der Vertriebenen ist dafür nicht qualifiziert"

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