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Feiertag / Archiv | Beitrag vom 01.04.2013

Wir sind das Volk – Gottes Volk

Von Dekan Paul Magino, Wendlingen am Neckar

Papst Johannes XXIII. (AP Archiv)
Papst Johannes XXIII. (AP Archiv)

Das Zweite Vatikanische Konzil nimmt das alte Bild vom pilgernden Gottesvolk auf. Das ist mehr als ein Bild. Es erinnert alle Getauften an ihren Auftrag, die Welt zu gestalten, aufzubrechen, Neues zu wagen. Nicht immer war die Stimme des Volkes gefragt, politisch nicht und kirchlich nicht.

Das Konzil ermutigt alle Menschen, sich den Fragen der Zeit zu stellen, orientiert an der biblischen Botschaft anzugehen gegen Ungerechtigkeiten in der Welt mit der Zusage Gottes: "Sie sollen mein Volk und ich will ihr Gott sein" (Jeremia 7,23).

"Wir sind das Volk" - Wenn die Demonstranten der Leipziger Montagsdemonstrationen im Oktober 1989 diesen Ruf im Sprechchor skandieren, greifen sie zurück auf das Revolutionsdrama des Literaten Georg Büchner aus dem 19. Jahrhundert. Seither taucht dieses Wort in Variation immer wieder auf bis hin zu einer Vorlesung des Philosophen Martin Heidegger 1934, in der er sagt: "Im Augenblick dieses Begreifens ist unsere Entscheidung gefallen: Wir sind das Volk."

Mit der Zeit ändern die Demonstranten in Leipzig bewusst diesen Ruf ab und skandieren: "Wir sind ein Volk." Alle wollten sie damit einbeziehen, auch die Polizisten und Sicherheitsleute. Später macht die Politik sich dieses Wort zu Eigen, als es darum ging, die Deutsche Demokratische Republik und die Bundesrepublik Deutschland zusammenzuführen. Bis heute taucht dieses Wort im Zusammenhang mit der Diskussion gesellschaftlicher Probleme und mit der Bürgerbeteiligung an politischen Entscheidungsprozessen auf.

Das gemeinsame Aufstehen gegen die Strukturen in der damaligen DDR, das mutige öffentliche Auftreten bei den Montagsgebeten in den Kirchen und bei den Demonstrationen hat den Zusammenbruch und den gemeinsamen Neuanfang erst ermöglicht und wesentlich beschleunigt.
Aus dem Demonstrationsruf "Wir sind das Volk – Wir sind ein Volk" wurde ein Programm, eine Verpflichtung, die heute noch nicht in vollem Maße eingelöst ist.

Gott hat es gefallen, die Menschen nicht einzeln, unabhängig von aller wechselseitigen Verbindung, zu heiligen und zu retten, sondern sie zu einem Volk zu machen, das ihn in Wahrheit anerkennen und ihm in Heiligkeit dienen soll. Diese messianische Volk, das zum Haupt Christus hat, ist (…) für das ganze Menschengeschlecht die unzerstörbare Keimzelle der Einheit, der Hoffnung und des Heils.

Es ist Gottes Wille, alle Menschen zu heiligen und zu retten. Sein Volk soll seine Wahrheit anerkennen und ihm in Heiligkeit dienen. Das Haupt des Volkes Gottes ist Christus. Es lebt nach dem Gebot der Liebe, seine Bestimmung ist das Reich Gottes, sein Lebensprinzip ist der Heilige Geist. So sollen alle Gläubigen ausharren bis zu Jesu Wiederkunft und gemeinsam beten und Gott loben. Sie sollen überall und jederzeit Zeugnis geben für Christus und das ewige Leben. Zum Volk Gottes werden alle Menschen gerufen. Darum muss dieses Volk eines bleiben und sich über die ganze Welt verbreiten. Das ist nämlich Gottes Plan, alle Menschen zur Einheit zu versammeln, darum sandte er seinen Sohn. Deshalb sandte er den Heiligen Geist, er ist der Urgrund der Einheit in der Heilslehre und im Gebet.


Etwas fremd klingt in unseren heutigen Ohren, was die Konzilsväter vor 49 Jahren in der Dogmatischen Konstitution über die Kirche "Lumen Gentium" geschrieben und beinahe einstimmig beschlossen haben. Das Zweite Vatikanische Konzil hat den alten Gedanken des Volkes Gottes wieder neu entdeckt. Schon das Alte Testament redet an verschiedenen Stellen vom Volk Gottes, das mit seinem Gott durch die Geschichte unterwegs ist. Gott schließt mit Noah (Gen 9, 8-17) und dann mit Abraham (Gen 12,2 und 15.5-6) einen Bund, er macht Israel zu seinem Volk (Dtn 7,6). Die Propheten verkünden einen neuen Bund, in dem sich Gott ein neues Volk erwählen wird (Jer 31, 31-34). In Jesus Christus geht diese Verheißung für uns Christen und die ganze Welt in Erfüllung.

Schon von Anfang der Christenheit an ist dieses Bild vom Volk Gottes ein Bild auch für die Kirche. Erst mit der Zeit des Mittelalters und in der Reaktion der katholischen Kirche auf die Reformation gerät der Gedanke von der Kirche als Volk Gottes in den Hintergrund. Kirche wird in einem sehr engen, mystischen Sinn als Leib Christi verstanden und zum Geheimnis gemacht. Auch der Gedanke der Verantwortung aller Getauften und Gefirmten als zum Priestertum Berufene gerät in Vergessenheit.

Das Zweite Vatikanische Konzil geht nach heftigen Debatten wieder zu den biblischen und frühkirchlichen Ursprüngen zurück. Vorbereitet durch Theologen aus den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts und aus der Nachkriegstheologie stellt es klar, dass mit "Volk Gottes" nicht nur die sogenannten Laien in der Kirche gemeint sind, sondern alle, auch die Kleriker, die zu einem besonderen Amt geweiht sind. Betont wird wieder die gemeinsame priesterliche Würde des gesamten Gottesvolkes.

Ein Volk ist unterwegs in der Geschichte, es bleibt nicht stehen. Und so ist die Kirche als Volk Gottes unterwegs nicht ein für allemal fertig, sondern selber unterwegs, pilgernd. Kirche ist immer reformbedürftig. Auch dieser Gedanke hat sich in den Konzilsdokumenten an etlichen Stellen durchgesetzt.

Dieses Verständnis von Kirche als Gottesvolk auf dem Weg ermöglicht ihr im Konzil und nachher ganz neue, lange schon grundgelegte, aber bislang verschüttete Möglichkeiten. Das Verhältnis zum Judentum, unseren Vätern und Müttern im Glauben, lässt sich jetzt neu bestimmen. Der Alte Bund Gottes mit seinem Volk Israel ist durch den Neuen Bund nicht abgelöst und erloschen, sondern erfüllt sich in Jesus Christus. Gemeinsam sind wir verbunden und unterwegs zu dem Ziel, zu dem Gott uns führen will.

Wenn heute an vielen Orten der Welt, in vielen Diözesen die gemeinsame Verantwortung aller Getauften für die Kirche und ihre Sendung nicht nur in Worten betont wird, sondern auch im Alltag gelebt wird, ist das eine Frucht dieser Debatten und dieses Kirchenverständnisses

Als am 25. Dezember 1961 Papst Johannes XXIII. in Rom zu einem Konzil eingeladen hat, konnte noch niemand erahnen, was das bedeuten wird. Es gab Kreise im Vatikan, die dieses Konzil fürchteten, hat doch Johannes XXIII. ausdrücklich als Programm vorgegeben, die Kirche zu "verheutigen", ins Heute zu führen, "Aggiornamento" nannte er dieses Vorhaben. Den Auftrag, die Zeichen der Zeit zu erkennen, gab er mit auf den Weg. Das Konzil konnte er noch auf den Weg bringen, eröffnen und den ersten Teil mitgestalten. Paul VI. löste ihn nach seinem Tode als neuer Papst ab, er hat das Konzil fortgesetzt und zu Abschluss gebracht.

In vier Sitzungsperioden zwischen 1962 und 1965 trafen sich mehr als 2.300 Bischöfe der Katholischen Kirche aus der ganzen Welt zu den Konzilsberatungen.

Die Verantwortung der Kirche für die Menschen wird in einem weiteren Beschluss des Konzils deutlich ausgeführt. Die Pastorale Konstitution "Gaudium et Spes" – Die Kirche in der Welt von heute sagt:

Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen seinen Widerhall fände. Ist doch ihre eigene Gemeinschaft aus Menschen gebildet, die, in Christus geeint, vom Heiligen Geist auf ihrer Pilgerschaft zum Reich des Vaters geleitet werden und eine Heilsbotschaft empfangen haben, die allen auszurichten ist.

Zur Erfüllung dieses ihres Auftrags obliegt der Kirche allzeit die Pflicht, nach den Zeichen der Zeit zu forschen und sie im Licht des Evangeliums zu deuten. So kann sie dann in einer jeweils einer Generation angemessenen Weise auf die bleibenden Fragen der Menschen nach dem Sinn des gegenwärtigen und des zukünftigen Lebens und nach dem Verhältnis beider zueinander Antwort geben. Es gilt also, die Welt, in der wir leben, ihre Erwartungen, Bestrebungen und ihren oft dramatischen Charakter zu erfassen und zu verstehen. Einige Hauptzüge der Welt von heute lassen sich folgendermaßen umschreiben.

Heute steht die Menschheit in einer neuen Epoche ihrer Geschichte, in der tiefgehende und rasche Veränderungen Schritt um Schritt auf die ganze Welt übergreifen. Vom Menschen, seiner Vernunft und schöpferischen Gestaltungskraft gehen sie aus; sie wirken auf ihn wieder zurück, auf seine persönlichen und kollektiven Urteile und Wünsche, auf seine Art und Weise, die Dinge und die Menschen zu sehen und mit ihnen umzugehen. So kann man schon von einer wirklichen sozialen und kulturellen Umgestaltung sprechen, die sich auch auf das religiöse Leben auswirkt.


Auch hier ist die Sprache anstrengend, wie aus einer anderen Zeit. Der Text allerdings eröffnete viele Möglichkeiten für das Engagement der Kirche in der Welt, ja, er erinnert an die große Verantwortung der Kirche und aller Getauften für die Welt. Von hier aus ist der diakonische Auftrag der Kirche zu verstehen. Die Sorge für die Armen, der Auftrag zu Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung leitet sich aus diesem Dokument ab. Ganz neu kommt hier der Ruf Jesu in seine Nachfolge ins Bewusstsein der ganzen Kirche. Gerade Papst Franziskus hat das bisher als Bischof gelebt und jetzt als Programm, als Magna Charta, für die ganze Kirche wieder verdeutlicht.

Als das Konzil in Rom stattfand war ich als Schüler im Internat im Allgäu. Fernsehen hatten wir keines. Aber zur Konzilseröffnung und zur Wahl und Amtseinsetzung von Papst Paul VI. wurde vom örtlichen Elektrofachgeschäft ein Fernsehgerät ausgeliehen. Weltkirche in schwarz weiß ist in den Speisesaal im Allgäu eingekehrt. Ich konnte damals nicht wissen und voll verstehen, was theologisch in Rom debattiert, diskutiert und beschlossen wurde, welche Auswirkungen das für mein eigenes Leben haben wird, was das Alles auslöst in Kirche und Welt.

Erst im Laufe der Jahre ist mir das aufgegangen. Was ich allerdings gespürt habe: da tut sich Großes, Eigenartiges, das geschieht Umbruch, da entsteht Neues. Wilhelm Sedlmeier, Weihbischof der Diözese Rottenburg und damit Konzilsteilnehmer, kam zwischen den Sitzungsperioden mit einer Unzahl an Dias, an Bildern vom Konzil. Er hat uns Schüler mitgenommen in dieses große Ereignis. Da sahen wir die Bilder vom Petersdom, der zur Konzilsaula umgebaut war, vom Einzug der Bischöfe, von Bischöfen im Sturmschritt auf dem Petersplatz, von debattierenden, gestikulierenden Konzilsvätern, von der Pracht Roms. Da hörten wir von den Ereignissen im Petersdom, in kleinen Zirkeln, offiziellen und inoffiziellen, von Textvorlagen aus dem Inneren des Vatikans, die die Bischöfe vom Tisch gefegt haben, weil sie ihnen zu eng waren, und weil sie selber die Verantwortung wahrgenommen haben für das Konzil, und seinen Verlauf. Da erfuhren wir vom Katakombenpakt, der Selbstverpflichtung einiger Bischöfe, zum Leben in Einfachheit gleich den Armen. Wir sahen die Bilder von den Vertretern anderer christlicher Kirchen und Konfessionen und später auch von den ganz wenigen Frauen, die als Beobachterinnen zugelassen waren.

Die Liturgiereform war zunächst am deutlichsten spürbar und erlebbar. Die Volkssprache ist infolge des Konzils in die Kirche eingekehrt, der Priester wendet sich bei der Feier der Eucharistie dem Volke zu, der Altar rückt näher zu dem feiernden Gottesvolk. Mein Heimatpfarrer hat mich in der Übergangszeit beauftragt, das Evangelium auf Deutsch in der Kirche im Gottesdienst laut zu lesen, während er noch lateinisch in der Stille lesen musste. Auch, und erst recht für ihn und die Kollegen seiner Generation, war das Alles neu. Es war eine Zeit des Erprobens, das Aufbrechens, auch des Abschiednehmens von Gewohntem.

Es war auch die Zeit, als in mir selber der Gedanke aufkam, in dieser Kirche Verantwortung zu übernehmen. Ich habe mich entschieden Theologie zu studieren und in dieser Studienzeit fiel die Entscheidung, Priester zu werden. Ich wollte mich in diese Entwicklung, angestoßen durch das Zweite Vatikanische Konzil, als einer im Volke Gottes mit einer besonderen Verantwortung hinein nehmen lassen. Bis heute habe ich diesen Schritt bei allen Schwierigkeiten und eigenen Grenzen nicht bereut. Und die Umsetzung des letzten Konzils ist noch lange nicht zu Ende. In der Katholischen Kirche sind wird derzeit in einem schwierigen Dialog- und Erneuerungsprozessen und orientieren uns an dem, was vor 50 Jahren im Konzil vorgegeben wurde. Gerade auch im Wahrnehmen und in der Sorge um "Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art", macht der neue Papst Franziskus Hoffnung und gibt Zuversicht für den Weg der Kirche in der Zeit.

Im Osterfest und heute am Ostermontag feiern wir die befreiende Auferstehung Jesu. In seiner Nachfolge steht die Kirche, immer eingeladen und dazu berufen, Volk Gottes in der Zeit zu sein.
Gemeinsam sind wir unterwegs – wir sind das Volk – wir sind ein Volk – Volk Gottes.


Musik und Literatur dieser Sendung:

- CD: Geistliche Werke von Conradin Kreutzer, damusic, Diepholz

- Martin Heidegger, Helene Weiss: Lógica: lecciones de M. Heidegger (semestre verano 1934) en el legado de Helene Weiss (spanisch und deutsch)

- Lumen Gentium II., zitiert aus Karl Rahner, Herbert Vorgrimmler, Kleines Konzislkompendium, Herder, 2. Auflage, 1966

- Gaudium et Spes, Vorwort, Rahner/Vorgrimmler, Seite 449 und 451


Die redaktionelle und inhaltliche Verantwortung für diesen Beitrag hat der katholische Senderbeauftragte für Deutschlandradio Kultur, Pfarrer Lutz Nehk.

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