Seit 22:30 Uhr Studio 9 kompakt
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 22:30 Uhr Studio 9 kompakt
 
 

Interview / Archiv | Beitrag vom 28.05.2013

"Wir sehen das als einen ganz großen Test"

Bild.de wird kostenpflichtig

Donata Hopfen im Gespräch mit Marietta Schwarz

Axel-Springer-Verantwortliche bei der Vorstellung von Bild Plus. (picture alliance / dpa / Stephanie Pilick)
Axel-Springer-Verantwortliche bei der Vorstellung von Bild Plus. (picture alliance / dpa / Stephanie Pilick)

Nachrichten bleiben kostenlos, aber alles das, was nur "Bild" kann, werde künftig bei "Bild Plus" stattfinden, sagt Donata Hopfen, Geschäftsführerin von Bild Digital. Nach den positiven Erfahrungen mit der kostenpflichtigen iPhone-App sei man hoffnungsfroh, dass auch "Bild Plus" erfolgreich werde.

Marietta Schwarz: Bis nach Kalifornien musste Kai Diekmann reisen, um zu begreifen, dass zu viel Gel im Haar ebenso wenig State of the Art ist wie das Klammern deutscher Printmedien an die guten alten Vorinternetzeiten. Nun kehrt Diekmann zurück, mit Bart und modischer Brille und der Botschaft, dass die Zukunft der Verlage im Internet liegt. Denn auch bei "Bild" sinkt die Printauflage und es wird immer wichtiger, mit Online-Inhalten Geld zu verdienen. Gestern Abend stellte der Springer-Verlag ein neues Bezahlmodell für Bild.de vor, in Zukunft wird es verschiedene Abopakete für Online-Inhalte geben sowie ein sogenanntes Freemium-Modell für Nichtabonnenten. Was sich dahinter verbirgt, kann uns Donata Hopfen erklären, Geschäftsführerin von Bild Digital. Guten Morgen, Frau Hopfen!

Donata Hopfen: Guten Morgen, Frau Schwarz!

Schwarz: Freemium heißt, in Zukunft gibt es kostenfreien und kostenlosen Inhalt auf der Bild.de-Seite?

Hopfen: Genau. Wir werden parallel die Seite zu Teilen mit dem Bild-Plus-Clubmodell versehen. Das heißt, Artikel, die exklusiv sind, die nur "Bild" so schreibt, wie "Bild" sie schreibt, Fotos, die nur wir haben, Videos, die Exklusivität haben, alles das, was einen sehr starken Servicecharakter und eine Einzigartigkeit hat, das wird den Bild-Plus-Kunden vorbehalten sein. Alle anderen Inhalte, zum Beispiel Nachrichten, die auch sehr leicht kopierbar sind, bleiben im freien Bereich für jedermann zugänglich, dass wir hoffen, unsere Reichweitenführerschaft, die wir in den letzten Jahren aufgebaut haben, vielleicht sogar zu halten und diese Paid-Content-Säule on top zu setzen.

Schwarz: Das heißt, in Zukunft bin ich "Bild"-Abonnent oder ich habe nur einen reduzierten Zugriff auf alle Informationen, die auf Bild.de zu finden sind?

Hopfen: Genauso sieht es aus.

Schwarz: Bild.de hat das mit großem Brimborium angekündigt, wie überhaupt um die Marke und Herrn Diekmann ja in letzter Zeit ziemlich viel Wind gemacht worden ist. Aber ist das wirklich so sensationell? Also, Bezahlschranken für mobile Endgeräte gab es bei Ihnen doch schon vorher!

Hopfen: Ja, das ist genau richtig. Wir haben bereits 2009 erste Erfahrungen mit unserer iPhone-App gemacht und später auch verschiedene weitere Apps, die wir jeweils auch gegen Entgelt angeboten haben. Das stimmt uns ehrlich gestanden so hoffnungsfroh, weil das sehr erfolgreich lief, dass wir das jetzt auch auf breiterer Basis ausprobieren werden und eben dieses Freemium-Modell auch in unseren ganz klassischen Browser einführen und damit in all den Bereichen, wo Bild.de digital zu lesen ist. Wir sind davon überzeugt, dass dieses zweite Modell zusätzlich zu der Anzeigenvermarktung die Zukunft für unabhängigen Journalismus sein wird.

Schwarz: Mit welchen Einnahmen rechnen Sie denn?

Hopfen: Wir haben so viele Szenarien gerechnet, es ist ganz, ganz schwierig, das zu prognostizieren. Es ist eine totale Innovation, mit der wir hier an den Markt gehen, es gibt eigentlich überhaupt nichts, mit dem wir uns vergleichen können. Und auch eine Marktforschung ist im Vorfeld ganz schwierig, weil die Nutzer überhaupt nicht wissen konnten, was wir von ihnen erwarten und was sie von uns zu erwarten haben. Insofern warten wir einfach ab, wie das jetzt läuft, und wir sehen das als einen ganz großen Test. Wir sehen das mit einem sehr großen Versuchscharakter. Wir werden sicherlich auch Fehler machen, uns korrigieren, an der einen oder anderen Stelle nachjustieren. Und eine richtige Grenze, wo wir sagen, das ist Erfolg oder Misserfolg, haben wir uns nicht gesetzt, sondern gehen einfach sehr erwartungsvoll experimentell an die Sache heran.

Schwarz: Warum haben Sie sich denn jetzt für dieses Freemium-Modell entschieden und nicht für eine andere Form der Bezahlschranke, wie sie zum Beispiel die "New York Times" eingeführt hat, also Freigabe einer bestimmten Zahl von Artikeln?

Hopfen: Ja, die "New York Times" setzt auf ein Modell, was ein technisches Modell ist. Es gibt einen Countdown-Zähler, der nach 20 Klicks den Nutzer bittet, ab sofort zu bezahlen. Wir glauben, dass man die Marke "Bild" anders interpretieren muss. Die Marke "Bild" ist völlig anders vom Inhalt, von der Positionierung, vor allem auch von der Art, wie unsere Journalisten schreiben, als eine "New York Times". Bei uns spielt der Gesamtkontext die größere Rolle und wir glauben, dass ein Modell dann erfolgreich ist, wenn der Journalist entscheidet, welcher Artikel Geld wert ist und welcher eben bezahlt werden muss, und nicht eine Maschine. Deswegen haben wir uns entschieden, Nachrichten bleiben frei und alles das, was nur "Bild" kann, das wird zukünftig bei Bild Plus stattfinden. Also, bei uns entscheidet der Mensch, der Redakteur und nicht die Maschine.

Schwarz: Und welche redaktionellen Konsequenzen hat das? Es wurde ja auch von Stellenstreichungen gesprochen, 150 bis 200 Stellen.

Hopfen: Wir haben das gestern Abend bei der Präsentation ausgeführt. Der Journalismus insgesamt ist momentan einem großen Wandel unterworfen und für Bild Plus haben wir natürlich Stellen geschaffen. Wir müssen hier anfangen, unseren redaktionellen Rhythmus, unseren Alltag ganz neu zu denken, in den kaufmännischen Bereichen haben wir neue Verantwortlichkeiten, neue Aufgaben, die wir mit bearbeiten müssen. Insofern sind wir momentan dabei, uns für die Zukunft zu wappnen und aufzustellen und …

Schwarz: Also keine Stellenstreichungen bei "Bild"?

Hopfen: Für Bild Plus haben wir Stellen aufgebaut und Axel Springer hat 2013 mehr Redakteure als noch 2000, also insofern, da wird es sicherlich für die Zukunft und für das Bereitmachen für die Zukunft jetzt verschiedene Anpassungen geben, weil unsere Redakteure noch stärker in der digitalen Zukunft anfangen müssen. Aber ehrlich gestanden, über ansonsten kaufmännische Entscheidungen gerade im Bereich Print werde ich jetzt hier nicht sprechen können, weil es gar nicht mein Verantwortungsbereich ist.

Schwarz: Donata Hopfen, Geschäftsführerin von Bild Digital, zur neuen Bezahlstrategie von Bild Online. Frau Hopfen, danke Ihnen!

Hopfen: Danke Ihnen!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Interview

Big Data und PsychometrieInternetdaten als Wahlkampfhelfer?
Donald Trump während seiner Rede in New York nach seinem Wahlsieg bei der US-Präsidentschaftswahl (AFP/ Mandel Ngan)

Hat Donald Trump den US-Wahlkampf aufgrund der gezielten Auswertung von Internet-Profilen gewonnen? Ein Artikel aus dem Magazin des Schweizer Tagesanzeigers legt genau das nahe. Für den Netzaktivisten Markus Beckedahl greift die Erklärung allerdings zu kurz.Mehr

Angela MerkelZwischen Reizfigur und Retterin
Bundeskanzlerin Angela Merkel. (dpa/picture-alliance/Michael Sohn)

Wegen ihrer Flüchtlingspolitik wird Angela Merkel von den einen scharf kritisiert, von den anderen frenetisch gefeiert. Viele dieser Bewertungen seien übertrieben, sagt der Politologe Josef Janning. Nur eins muss sich die Kanzlerin tatsächlich vorwerfen lassen. Mehr

Deutsches BildungssystemLernunfähige Schulen
Schüler sitzen in einem Klassenzimmer.  (dpa / picture alliance / Marc Tirl)

Heute werden in Berlin die Ergebnisse der neuesten PISA-Studie vorgestellt. Verändern wird sich dadurch aber nur wenig, meint der Historiker Ulrich Heinemann. Denn das deutschen Bildungssystem sei alles - nur leider wenig lernfreudig. Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur