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Thema / Archiv | Beitrag vom 25.07.2012

"Wir schmeißen gar nicht so viel aus den Wörterbüchern heraus"

"Duden"-Chefredakteur über die Entwicklung der Sprache, unnützes Wissen und Palindrome

Werner Scholze-Stubenrecht im Gespräch mit Frank Meyer

Die "Duden"-Reaktion stellte ein Buch über "Unnützes Sprachwissen" zusammen.
Die "Duden"-Reaktion stellte ein Buch über "Unnützes Sprachwissen" zusammen. (AP)

Palindrome – also Sätze oder Wörter, die rückwärts gelesen dasselbe ergeben – und andere Seltsamkeiten der deutschen Sprache hat die "Duden"-Redaktion nun in einem Buch veröffentlicht. Chefredakteur Werner Scholze-Stubenrecht erklärt, wie es dazu kam – und auch, warum es für den abgeknabberten Rest eines Apfels mehr als 50 Wörter gibt.

Frank Meyer: Wissen Sie, was ein Pomadenhengst ist? Und wie viele Begriffe kennen Sie für das, was beim Essen eines Apfels übrig bleibt, den Knabbel oder Griepsch oder Grütz oder, oder, es gibt mindestens 50 deutsche Wörter für diesen Apfelrest? Solche Sachen hat die "Duden"-Redaktion gesammelt, auch die schöne Reihe Armleuchter, Beutel, Bezirkstrottel, Blödian, Blödling und so weiter, insgesamt 60 Möglichkeiten, jemanden als Dummkopf zu beschimpfen.

Unnützes Sprachwissen, in dieses kleine "Duden"-Buch sind all diese Funde eingegangen und wir wollen jetzt einen Streifzug durch dieses unnütze Wissen unternehmen mit Werner Scholze-Stubenrecht, dem Chefredakteur der "Duden"-Redaktion. Seien Sie herzlich willkommen!

Werner Scholze-Stubenrecht: Guten Tag!

Meyer: Pomadenhengst, das ist eines Ihrer Beispiele für mausetote Wörter, ein Mann mit stark pomadisierter Frisur. Sie als Sprachforscher, Sie trauern doch wahrscheinlich um jedes entschwindende Wort, auch um den Pomadenhengst?

Scholze-Stubenrecht: Ja, so schnell wird das bei uns im Kopf nicht vergessen, wie wir es vielleicht manchmal aus den Wörterbüchern dann rausnehmen müssen, weil es einfach völlig außer Gebrauch gekommen ist. Aber man hängt schon an diesen älteren Dingen,und es ist auch ganz schön, etwas zu wissen, was einem helfen kann, wenn man mal ältere Texte liest und dann auf so was stößt.

Meyer: Sie haben gleich neben die toten Wörter in Ihrem Büchlein die vom Aussterben bedrohten gesetzt, so schöne Wörter wie Wams oder Zwist oder, was ich auch sehr mag, inkommodieren oder kujonieren. Das wäre doch schon schade, wenn die verschwinden. Kann man da nichts gegen tun?

Scholze-Stubenrecht: Ja, in gewisser Weise tun wir was dagegen, wenn wir auch ältere Bücher mal wieder lesen oder uns alte Geschichten erzählen. In Märchen kommen Wörter vor, die heute nicht mehr so gängig sind, in alten Volksliedern. Wenn das so ein bisschen gepflegt wird, wenn wir gelegentlich mal auch die etwas älteren Bücher wieder angucken, dann begegnen uns diese Wörter und dann erkennen wir sie auch wieder, dann sind sie noch nicht ganz tot.

Es ist halt so, dass sie heute im alltäglichen Sprachgebrauch keine große Rolle mehr spielen, und deshalb bei den Überlegungen, wenn man ein Wörterbuch aktuell halten will, halt immer die Frage ist, kann man das Wort jetzt noch guten Gewissens weiter tragen. Wir tun es in relativ viel, in vielen Fällen. Also, wir schmeißen gar nicht so viel aus den Wörterbüchern heraus, wie man manchmal glaubt. Vermerken dann halt, dass es veraltend ist oder dass es noch in der Literatur vorkommt.

Meyer: Was ich auch sehr aufschlussreich fand, was Sie schreiben über Volksetymologien, da wird man auf einige Irrtümer aufmerksam gemacht. Volksetymologien, das sind ja so die gebräuchlichen Auffassungen von der Herkunft eines Wortes: Pleitegeier zum Beispiel, da sieht man ja vor sich, wie die Geier über der pleitegegangenen Firma oder was auch immer kreisen. Nun schreiben Sie in Ihrem Buch, der Pleitegeier habe überhaupt nichts mit dem Geier, also dem Vogel, zu tun.

Scholze-Stubenrecht: Ja.

Meyer: Wie denn das?

Scholze-Stubenrecht: Ja, das ist eben in solchen Fällen so, dass es auf eine (…) Sprache zurückgeht, die heute nicht mehr so sehr lebendig ist. Das Jiddische hat mal eine Zeit lang auf das Deutsche einen großen Einfluss gehabt, und im jiddischen Geier ist dort das Wort für den Geher, also jemand, der pleitegeht, ist der Pleitegeher, und das hat sich dann über das jiddische Pleitegeier bei uns so verfestigt. Und natürlich denkt man heute erst mal an den Vogel, wenn man diese Buchstabenfolge sieht, weil das andere nicht mehr bekannt ist.

Meyer: Ein ähnlicher Fall soll die Schnapsdrossel sein, die auch nichts mit dem Vogel zu tun hat?

Scholze-Stubenrecht: Hier geht es halt darum, dass die Drossel ein älteres Wort für die Kehle ist. Wir haben ja noch den etwas unschönen Begriff, jemanden erdrosseln, das heißt, die Kehle zudrücken. Und das, was man sich da durch die Kehle gießt, das ist ein Schnapstrinker, eine Schnapskehle, das ist schon etwas plausibler, als wenn man an einen unschuldigen kleinen Vogel denkt, der eigentlich nie Alkohol zu sich nimmt.

Meyer: Aufschlussreiches, aber unnützes Sprachwissen hat die "Duden"-Redaktion gesammelt und jetzt in einem kleinen Büchlein veröffentlicht, darüber sprechen wir hier im Deutschlandradio Kultur mit Werner Scholze-Stubenrecht. Er ist der Chefredakteur der "Duden"-Redaktion.

Und apropos unnütz: Wirklich schön unnütz, sinnfreies Zeug, sind Satzpalindrome und Wortpalindrome, die Sie in Ihrem Buch veröffentlicht haben. Also, das sind Dinge, die rückwärts wie vorwärts gelesen das Gleiche ergeben. Anna ist der schlichteste Fall dafür, aber die Sätze, die Sie da aufreihen, die sind wirklich schön, zum Beispiel: Dein Grabreittier barg Neid. Oder ein anderes Beispiel: In Nagold legen Hähne Gold, log Anni. Auch es kommt wieder das gleiche unnütze Zeug heraus! – Wer denkt sich denn so was aus?

Scholze-Stubenrecht: Ja, das fällt unter den Bereich Denkspiele und Sprachspiele. Das sind immer so kleinere Fragen, da ist irgendeinem mal aufgefallen, dass das Wort, was weiß ich, Reittier vorwärts wie rückwärts dasselbe ergibt, und dann fragt man sich, gibt es denn noch andere? Und dann knobelt man rum. Und das haben also Leute bis zur Perfektion geführt. Es gibt ganze Sammelbändchen mit solchen Palindromen.

Meyer: Und das ist dann wie ein Setzbaukasten, diese Bücher, in denen man so einzelne Bausteine für Palindrome findet, da kann man die selber zusammenbauen?

Scholze-Stubenrecht: Es ist schwierig. Also, es gibt eben diese Fachleute, die das gerne machen, und die veröffentlichen dann ihre Ergebnisse. Und so als Anweisung ist es ja relativ trivial. Nimm irgendeinen Buchstaben und füge rechts und links so viel dran, dass immer wieder was entsteht. Oder gehe mal von außen zu. Die Techniken sind verschieden und nicht so besonders schwierig. Die Fantasie, die Wörter zu finden, die dann da reinpassen in das Schema, das ist die Kunst dabei!

Meyer: Dieses ganze unnütze Wissen, was Sie jetzt in diesem Büchlein versammelt haben, wo kommt das eigentlich her? Sind das so die Abfallprodukte Ihrer ansonsten ja sehr strengen Redaktionsarbeit?

Scholze-Stubenrecht: Ja, zum größeren Teil ist das so. Wir haben relativ viele Informationen über Sprache, die wir in den normalen Wörterbüchern einfach nicht abdrucken. Also, in einem Rechtschreib-"Duden", da sind zwar viele längere Wörter drin, aber was jetzt genau das längste Wort ist, das findet man nicht.

Und wir haben dann manchmal, also, in der letzen Auflage des Rechtschreib-"Dudens" einen kleinen Sprachstatistikteil untergebracht, wo wir so was mal anbringen, weil wir immer wieder auch danach gefragt werden. Wir haben ja einen Sprachberatungsservice, wo sich die meisten Menschen natürlich erst mal darüber informieren, ob sie in ihren Texten ein Komma richtig gesetzt haben oder wie man ein Wort schreibt, die aber auch mit solchen Fragen kommen, sagen Sie mal, es gibt doch im Deutschen so wenige Wörter, die auf nf enden, und da gibt es doch angeblich fünf, mir fallen aber nur vier ein! Und solche Dinge, die werden von uns dann eben gesammelt, die sind dann in dem Sinne Abfall, dass sie nicht unmittelbar ins Wörterbuch, in die Grammatik kommen, sondern wenn das öfter vorkommt, dann haben wir da so eine kleine Sammlung mittlerweile, die angewachsen ist, damit wir auf solche Fragen auch ein bisschen vorbereitet sind. Und daraus hat sich dann vieles ergeben, was jetzt auch in dieses Büchlein eingeflossen ist.

Meyer: Manches ist aber auch wirklich interessant. Zum Beispiel habe ich gelesen in diesem Büchlein, dass der deutsche Wortschatz, wenn man nur die Grundform der Wörter nimmt, 300.000 bis 500.000 Wörter umfasst, dass aber Sprecher auch passiv nur so bis etwa 80.000 beherrschen. Das heißt ja, dass jeder von uns eigentlich den größten Teil unserer Sprache gar nicht kennt?

Scholze-Stubenrecht: Zumindest die Wörter nicht kennt, ja. Es ist natürlich so: Wir wissen, dass die größeren Wörterbücher bei uns 200.000 bis 400.000 Wörter beinhalten, aber was jetzt darüber hinaus noch dazukommen kann, ist einfach schwierig bei der Sprache. Zum Beispiel die Frage, ab wann rechnen wir denn eben die deutsche Sprache, ist der Pomadenhengst heute noch dabei, gehen wir zurück bis Goethe, gehen wir zurück bis Luther, wo wir noch Neuhochdeutsch haben? Was ist mit den ganzen Fachsprachen, was ist mit den vielen Dialekten, wo es noch Wörter gibt?

Das Bützchen kennt man vielleicht aus dem Rheinischen, auch in Berlin, hat man vielleicht auch in Berlin schon mal gehört, oder das Klönen aus dem Norddeutschen, aber da gibt es viel, viel mehr noch dazu. Da die Grenze zu ziehen, ist sehr schwierig. Und diese Zahl von 300.000 bis 500.000 ist eben so etwas, was man ganz grob abgeschätzt hat. Und dass wir selbst den Wortschatz einer Sprache, unserer Muttersprache, nie voll beherrschen werden, das merkt man, wenn man einfach mal ein größeres Wörterbuch nimmt und ein bisschen drin liest.

Dann begegnet einem auf jeder Seite irgendwas, was man nicht noch gehört hat, was aber andere Sprachteilhaber ganz gut kennen. Hängt ja ganz davon ab, wie wir groß geworden sind, ob wir von früh mit Musik zu tun hatten, dann wissen wir, was ein Adagio ist; ein anderer, der sich eigentlich mehr mit Fußball beschäftigt hat, der weiß besser, was eine Bananenflanke ist.

Meyer: Gute Beispiele! Und gute Beispiele haben Sie auch in Ihrem Buch, zum Beispiel 60 Alternativen für das Wort Dummkopf. Da ist ja klar, das Reich der Dummheit ist riesig, da braucht man ein paar Benennungsalternativen. Aber was ich dann erstaunlich fand, dass Sie 50 Bezeichnungen für den abgeknabberten Rest eines Apfels auflisten: Das geht vom Griebs oder Grubsch im Norden bis zum Opflibutzen im Süden. Das ist ja erstaunlich, dass die Sprache da so kreativ ist für so einen vergleichsweise irrelevanten Gegenstand!

Scholze-Stubenrecht: Ja, aber es ist halt so ein Alltagsgegenstand, der bei vielen vorkommt, der aber jetzt, sagen wir mal, im überregionalen Bereich keine größere Rolle spielt. Wir haben keinen Handel mit diesem Apfelgriebs oder Apfelbutzen oder was auch immer, sondern das ist relativ privat. Und dann bleiben die Bezeichnungen auch sozusagen gegen die Globalisierung relativ lokal begrenzt, die man eben von zu Hause aus da mitbekommt. Also, bei mir zu Hause war das der Apfelkrotzen, ich bin im Hessischen aufgewachsen, ich habe dann von anderen gehört, dass die Apfelgriebs sagen und Apfelbutzen und Apfelstrunk, was auch immer.

Da ist mir dann auch mal klar geworden, dass es eben eine ganz große Vielfalt innerhalb einer Sprache gibt in den Bereichen, die jetzt nicht sozusagen gebietsübergreifend besonders geregelt werden müssen. Da ergibt sich dann unter Umständen auch gar nicht die Notwendigkeit, so einen Standardbegriff dafür zu haben, da bleibt es eben bei vielen Einzelbegriffen.

Meyer: Zur Sprachgeschichte gehört immer die Auseinandersetzung mit Fremdwörtern, das haben wir ja heute auch. Und es gibt historisch immer wieder Versuche, Fremdwörter einzudeutschen, deutsche Varianten zu finden, was zu wunderbaren Unfällen führt. Zum Beispiel gab es mal den Vorschlag, für Mumie das deutsche Wort – also, Mumie, der Sprachimport –, das deutsche Wort Dörrleiche einzuführen. Hat sich zum Glück nicht durchgesetzt! Was sind denn für Sie so die schönsten Eindeutschungsunfälle?

Scholze-Stubenrecht: Na ja, man sagt immer, dass man die Pistole mal als Meuchelpuffer eindeutschen wollte oder ein Nonnenkloster als Jungfernzwinger. Das ist schon etwas, wo man heute drüber lächelt. Andererseits gibt es auch ganz gut geglückte Eindeutschungen, so zum Beispiel der Bahn oder in der Post: Wir gehen heute auf den Bahnsteig und nicht mehr auf den Perron, und das hat sich eigentlich ganz gut eingebürgert, dass also die Sprache eigentlich in vielen Fällen auch bereichert wurde dadurch, dass neben das Fremdwort ein deutsches Wort getreten ist oder manchmal auch umgekehrt.

Meyer: Man staunt, wenn man Ihr Büchlein durchblättert, wie kreativ so die Sprachgemeinschaft ist, eben auch bei diesem Eindeutschungen. Aber dann gibt es ganz zum Schluss ein Beispiel, wo ich dann wieder gestaunt habe, wie unkreativ die deutschen Sprecher sind! Da geht es um die beliebtesten Kosenamen der Deutschen, und da ist die Rangfolge folgende: Erster Platz Schatz, zweiter Platz Schatzi, dritter Platz Hase, dann folgen Liebling, Schnuckel und Mausi. Offenbar sind die Deutschen nicht sehr fantasievoll, was Kosenamen angeht?

Scholze-Stubenrecht: Sagen wir mal so: Die Statistik führt dann doch relativ wenige zusammen. Wenn man dann in die etwas weniger häufig gebrauchten runtergeht und dann auch so was wie meine Lotusblüte oder mein Schäfchen oder mein Sahnetörtchen sieht, da wird es dann schon ein bisschen bunter und gemischter. Aber mir hat mal jemand gesagt, es ist einfach praktisch, wenn ich immer Schatz sage, dann ist es egal, ob es jetzt die Ex oder die neue Freundin ist, dann vertue ich mich nicht dabei!

Meyer: Unnützes Wissen und Erstaunliches über unsere Sprache wurde gesammelt von der "Duden"-Redaktion für ein kleines, vergnügliches Buch. Das heißt genau so: "Unnützes Sprachwissen". Wir haben darüber gesprochen mit Werner Scholze-Stubenrecht, dem Chefredakteur der "Duden"-Redaktion, ganz herzlichen Dank für das Gespräch!

Scholze-Stubenrecht: Gern geschehen, hat mir Spaß gemacht!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.