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Thema / Archiv | Beitrag vom 23.01.2013

"Wir sammeln, wir bewahren"

Der künstlerische Direktor der Deutschen Kinemathek zur Zukunft des deutschen Filmgedächtnisses

Rainer Rother im Gespräch mit Frank Meyer

Rainer Rother, Künstlerischer Direktor der Deutschen Kinemathek (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)
Rainer Rother, Künstlerischer Direktor der Deutschen Kinemathek (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)

Die Zeiten, in denen Bewegtbilder nur im Kino und im Fernsehen zu sehen waren, die seien vorbei, erklärt Rainer Rother, künstlerischer Direktor der Deutschen Kinemathek. So sei mit YouTube ein Archiv neuen Typs entstanden, eine neue Kultur, an der sich Archive auch abarbeiten müssten.

Frank Meyer: Der verhangene erotische Blick von Marlene Dietrich und die Sesamstraße, der amerikanische Starregisseur Martin Scorsese und der deutsche Doku-Drama-Spezialist Heinrich Breloer, die begegnen einem zuerst auf der Homepage der Deutschen Kinemathek.

Mit diesen Themen befasst sich die Kinemathek jetzt rund um ihren 50. Geburtstag, und der wird in diesen Tagen gefeiert.

Wir reden gleich mit dem Direktor der Kinemathek, Rainer Rother, vorher stellt ihnen unser Filmkritiker Bernd Sobolla kurz vor, was alles unter dem Dach der Kinemathek passiert.

Bernd Sobolla über die Deutsche Kinemathek, und im Studio ist jetzt der künstlerische Direktor der Kinemathek, Rainer Rother. Herzlich willkommen!

Rainer Rother: Ich freue mich, hier zu sein!

Meyer: Wir haben ja gerade schon gehört, was für eine Spannweite Ihre Kinemathek hat: von privaten Fotos aus der deutschen Geschichte bis zu Ken Adam, also einem Großmeister des Filmdesigns, der viele James-Bond-Filme mitgeprägt hat - sammeln Sie denn alles, was in Deutschland im Bezug auf visuelle Medien passiert?

Rother: Ja, das könnte sich ein bisschen so anhören, aber es gibt das schöne Wort archivwürdig. Das heißt, wir sammeln nicht alles, sondern wir entscheiden schon sehr genau, was wir haben wollen, und das richtet sich nach der Relevanz dieses Materials, und das kann sehr unterschiedlich sein.

Also in diesem Internetarchiv - "wir waren so frei" - haben wir natürlich sehr viele Amateurfilme, aber auch Studentenfilme, die in den Jahren 89 bis 90 entstanden sind, weil die diese Zeitgeschichte festhalten. Ganz einzigartige Dokumente ...

Meyer: Die sind durch den historischen Moment gewürdigt.

Rother: Die sind durch den historischen Moment gewürdigt und werden auch entsprechend kommentiert und erschlossen. Es gibt auch mittlerweile eine didaktische Aufbereitung des Materials, sodass es in Schulen zum Einsatz kommen kann. Wir sammeln, wir bewahren, wir veröffentlichen, und dann ist jemand wie Ken Adam natürlich aus anderen Gründen für uns interessant durch die filmhistorische und ästhetische Bedeutung, aber auch, weil er zu denen gehört, die von den Nationalsozialisten in die Emigration gezwungen wurden.

Und wir haben seit den 70er-Jahren uns sehr intensiv um eben diese Film-Emigranten gekümmert und dort auch eine ganz große, einzigartige Sammlung aufgebaut.

Meyer: Die Frage, was sammelt ein Archiv für visuelle Kultur, die stellt sich ja heute in ganz besonderer Schärfe, weil wir in einem Umbruch des audiovisuellen Lebens durch die Digitalisierung - jeder kann heute mit ganz einfachen Mitteln Filme machen. Wie verhalten Sie sich dazu, auch zu Internetfilmkultur? Sammeln Sie inzwischen auch YouTube-Filme?

Auf einem Laptop ist in Berlin das Internet-Videoportal YouTube zusehen (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)"Das würde uns überfordern, wenn wir auch YouTube-Filme sammeln", sagt Rainer Rother. (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)Rother: Ich glaube, das würde uns überfordern, wenn wir auch YouTube-Filme sammeln, aber es ist richtig, dass dort natürlich Materialien eingestellt werden - jetzt nicht die große Menge. Aber es werden Materialien eingestellt, von denen wir früher gesagt hätten, das sind die ersten Schritte von Filmemachern, und die werden für uns sicher mal interessant.

Das muss man abwarten, YouTube ist ein Archiv, wenn man so will, ein Archiv neuen Typs, und eines, an dem sich Archive auch abarbeiten müssen. Das hängt sicher mit einer ganz veränderten Kultur des Bewegtbildes zusammen, die Zeiten, in denen Bewegtbilder nur im Kino oder dann später nur im Kino und im Fernsehen zu sehen waren und es ein begrenztes Angebot gab, die sind vorbei, das bedeutet aber für ein Museum, für Film und Fernsehen und für eine Deutsche Kinemathek, dass wir unsere Auswahlkriterien schärfen müssen, und wir müssen sie auch deswegen schärfen, weil die Archivierung natürlich nicht billig ist. Das kostet Geld, es kostet Manpower, es bedarf sozusagen der Pflege des Materials, und da muss man Einschränkungen machen.

Meyer: Aber wie weit sind Sie da, sind Sie da noch beim Beobachten und Überlegen, was könnten unsere Maßstäbe sein, oder haben Sie schon angefangen, Filme, die erst mal nur im Internet kursieren, tatsächlich zu sammeln?

Rother: Nein, wir haben noch nicht angefangen, Filme, die im Internet stehen, zu sammeln. Das würde ja sozusagen in der Tradition der Home Movies, der Filme, die Privatleute gemacht haben, und die dann tatsächlich durch den historischen Abstand interessant werden, würde es stehen. Der Abstand ist aber einfach noch nicht da, und die Menge ist durch die neuen Techniken derartig angewachsen, dass wir diesen Abstand auch brauchen, um zu entscheiden, was bleibt.

Meyer: Und was machen Sie, jetzt auch wieder mit Blick auf die digitale Kultur mit den Beständen, die Sie haben? Ist da das Ziel, das irgendwann alles digitalisiert zu haben, übers Netz zugänglich zu machen? Arbeiten Sie daran?

Rother: Alles ist viel, alles ist zu viel, wir haben ja riesige Bestände, wir haben eine Million Fotos, 21.000 Plakate, Zigtausende Drehbücher - das alles zu digitalisieren und ins Netz zu stellen, ist von der schieren Masse her unmöglich, dann gibt es aber auch rechtliche Beschränkungen, das heißt, unsere Präsentation vor allem der filmbegleitenden Materialien, nicht unbedingt der Filme selbst, das gibt noch mal ganz andere rechtliche Schranken.

Da ist etwas, was wir nur in ausgewählten Projekten realisieren können, da gibt es einige, "Wir waren so frei" ist eines, "Tabu" ist ein anderes. Wir haben einen Film von Heinrich Breloer, mit der Breloer-Sammlung jetzt ja einige Jahre auf unserer Website eingestellt, da sind einfach richtige Hürden zu überwinden.

Der Anspruch, dass Archive sehr viel und dieses Viele dann auch möglichst umfassend erschlossen ins Netz stellen, ist ja legitim. Die Archive sind aber alle mit diesem Anspruch zunächst überfordert, und es kommt darauf an, dass man dass Internet nutzt, um etwas zu machen, was man sonst nicht machen könnte. Natürlich kommen immer noch Forscher, Interessenten und Fans zu uns und schauen sich die Materialien im Original an, das wird auch bleiben.

Was wir gemacht haben, ist, zu versuchen, Projekte zu entwickeln, wo wir die neuen Möglichkeiten des Internets nutzen. Und das ist zum Beispiel bei "Wir waren so frei" der Fall, aber auch, wenn man an "Lost Films" denkt, eine Seite, in der verschwundene Filme dokumentiert werden durch das, was von ihnen übriggeblieben ist, nämlich die schriftlichen oder bildlichen Zeugnisse, dann sieht man, das hätte man früher nicht machen können.

Meyer: Eines interessiert mich, im Moment haben Sie gerade eine sehr große repräsentative Ausstellung über den amerikanischen Regisseur Martin Scorsese, das ist nun erwiesenermaßen ein amerikanischer Regisseur. Warum müssen Sie sich als Deutsche Kinemathek eigentlich so für sein Werk einsetzen?

Rother: Das ist eine interessante Frage, die würde man ja, glaube ich, der Nationalgalerie nicht stellen, warum haben Sie jetzt eigentlich eine Ausstellung zu Roscoe, oder wem auch immer.

Kinematheken sind in ihrem Selbstverständnis, und bei uns übrigens auch durch den Satzungszweck vorgegeben, interessiert an der Entwicklung nicht nur des nationalen Filmerbes, sondern des internationalen Films, weil die Einflüsse ja ganz immens sind. Man sieht es einerseits bei den Exilfilmen, man sieht das aber an einem Beispiel wie Scorsese natürlich auch, dass er zum Vorbild für Generationen von Filmemachern geworden ist in Europa und auch in Deutschland.

Scorsese ist für uns sozusagen der große Vertreter des New Hollywood, der eine amerikanische Art und Weise, Autor zu sein, Autor zu werden, repräsentiert, die ganz ungewöhnlich ist, und die, wenn man jetzt ein bisschen weiter denkt, natürlich nicht ganz ohne deutsche Einflüsse geblieben ist. Michael Ballhaus ist sicher einer der wesentlichen Kameramänner, die dazu beigetragen haben, und die Resonanz beim Publikum zeigt ja auch, dass genau so etwas von einer nationalen Institution wie der Deutschen Kinemathek erwartet wird, einen Überblick über die eigenen Grenzen hinaus zu ermöglichen.

Der amerikanische Filmregisseur Martin Scorsese (AP)Der amerikanische Filmregisseur Martin Scorsese (AP)Meyer: Martin Scorsese hat schon mit einem Film die Berlinale eröffnet, war natürlich vielfach vertreten bei den Berliner Filmfestspielen. Da sind Sie auch immer beteiligt, die Deutsche Kinemathek, mit der Retrospektive. Das Motto der Retrospektive ist in diesem Jahr der internationale Einfluss des Weimarer Kinos nach 1933. Dieser Rückblick auf die Geschichte des deutschen Films - da gibt es doch sicher auch einen Zusammenhang mit dem 50. Geburtstag der Kinemathek.

Rother: Ja, das kann man nicht leugnen, wir haben ja versucht, die Aktivitäten, die wir in diesem Jahr entfalten, alle ganz eng zu binden an die Tradition des Hauses. Und es gibt, glaube ich, keine stärkere Tradition des Hauses als die Pflege des Exilfilms. Wir haben das früher in Retrospektiven, Personal-Retrospektiven, auch immer schon bedacht, Fritz Lang, Otto Preminger und andere.

Und diesmal widmen wir uns einem Kino, das von den Nationalsozialisten liquidiert wurde, dem Weimarer Kino, das aber Einflüsse gehabt hat - die Emigranten haben dieses Know-how, diese Vorbildung, die ästhetische Prägung aus dem Weimarer Kino natürlich in die anderen Filmländer mitgenommen, und das sieht man diesen Filmen zum Teil sehr, sehr deutlich, manchmal nur verdeckt an, und genau diese Frage, was bleibt vom Weimarer Kino, wenn es eben ins Exil getrieben wird, was realisieren Fritz Lang und andere, was realisieren Komponisten, Autoren, Schauspieler von dem, was sie in Weimar gelernt haben, in Amerika, Frankreich, den Niederlanden und anderswo.

Meyer: Die Deutsche Kinemathek wird 50 Jahre alt, das wird in den nächsten Tagen groß gefeiert. Bei uns war der künstlerische Direktor Rainer Rother. Vielen Dank für das Gespräch!

Rother: Ich danke Ihnen!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.


Links bei dradio.de:
Magie der Leinwand - 50 Jahre Deutsche Kinemathek

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