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Interview / Archiv | Beitrag vom 27.02.2013

"Wir pressen da Gifte in den Untergrund"

Grünen-Politiker Oliver Krischer warnt vor Risiken der Gasförderung durch Fracking

Fracking-Anlage in Pennsylvania, USA: Hier ist die Ausgangssituation eine andere. (picture alliance / dpa / Jim Lo Scalzo)
Fracking-Anlage in Pennsylvania, USA: Hier ist die Ausgangssituation eine andere. (picture alliance / dpa / Jim Lo Scalzo)

Der energiepolitische Sprecher der Bundestagsfraktion Bündnis90/Grüne, Oliver Krischer, sieht für die Gasförderung mit der Fracking-Methode in Deutschland keine Perspektiven. Die eingesetzten Chemikalien seien zu risikobehaftet.

Nana Brink: Die Gasförderung in Deutschland soll künftig auch mit der Fracking-Methode möglich sein. Was in den USA schon gang und gäbe ist und die Gaspreise purzeln lässt, ist hier noch umstritten.

Und Fracking soll nun auch unter bestimmten Vorgaben hier möglich sein, darauf einigten sich Bundesumweltminister Altmaier und Wirtschaftsminister Rösler zu Wochenbeginn. Viel Kritik kam unter anderem von den Grünen, und am Telefon ist jetzt Oliver Krischer, er ist energiepolitischer Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion. Schönen guten Morgen, Herr Krischer!

Oliver Krischer: Guten Morgen!

Brink: Was kritisieren Sie an dem Vorhaben der Bundesregierung?

Krischer: Ja, die Bundesregierung hat eigentlich, anders als Herr Altmaier das öffentlich kommuniziert, ein Fracking-Fördergesetz gemacht, weil man schließt zwar Fracking in Trinkwasserschutzgebieten aus, aber Trinkwasserschutzgebiete machen nur 14 Prozent der Landesfläche aus. Im Umkehrschluss heißt das ja, 86 Prozent der Landesfläche, da kann jetzt gefrackt werden, und das ist schon eine neue Qualität.

Bisher war dieser Zustand nicht geregelt, war diese Methode weder erlaubt noch verboten. Sie ist in Niedersachsen schon längere Zeit von verschiedenen Gaskonzernen praktiziert worden, aber mit dem, was da gestern vorgelegt wird, wenn das im Bundestag dann so beschlossen wird, und da gehe ich jetzt mal von aus, dass die Koalitionsfraktion das so vorhaben und so absegnen werden, dann wird auf großen Teilen der deutschen Fläche in Zukunft Fracking legal stattfinden können.

Brink: Laut Bundesumweltminister Altmaier soll Fracking – Sie haben es gesagt, und ich zitiere ihn jetzt – "in Trinkwasserschutzgebieten grundsätzlich verboten" sein, das sind 14 Prozent der Landesfläche, und für alle anderen Bereiche wird es strenge Umweltverträglichkeitsprüfungen geben. Warum reicht Ihnen das nicht?

Gute Arbeit der Gas-Lobby

Krischer: Ja, eine Umweltverträglichkeitsprüfung, da ist eigentlich jetzt nur eine Lücke geschlossen worden, weil in Deutschland ist es seit langem üblich, dass für jede Windkraftanlage, für jeden Kuhstall eine Umweltverträglichkeitsprüfung erforderlich ist. Absurderweise war das bei Gasbohrungen bisher nicht der Fall, da gab es eine Gesetzeslücke, da hat in der Vergangenheit offensichtlich die Gas-Lobby sehr gut gearbeitet, dass sie diese Prüfung nicht machen muss. Man muss aber allerdings dazu wissen, Umweltverträglichkeitsprüfung heißt nicht, dass da jetzt strengere Auflagen oder sonst etwas gelten, sondern es wird nur intensiver untersucht, es werden mehr Gutachten gemacht und es führt am Ende dazu, dass es möglicherweise strengere Auflagen gibt, also beispielsweise, dass mehr für den Schutz des Grundwassers des Bodens getan werden muss, dass aber nicht grundsätzlich …

Brink: Aber warum zweifeln Sie daran, dass der Bundesumweltminister damit irgendwie gut umgeht? Sie scheinen ja Zweifel daran zu haben.

Krischer: Ja, die Umweltverträglichkeitsprüfung klingt gut, heißt aber nicht, dass hier an der Stelle dann auch Fracking untersagt werden kann. Wir haben hier in Deutschland eine Diskussion, wollen wir diese Technologie im Moment überhaupt anwenden, oder wollen wir sie nicht anwenden. Und ich habe Herrn Altmaier bisher immer so verstanden, dass er das alles sehr kritisch sieht, dass er das gar nicht will. Jetzt legt er einen Gesetzentwurf vor, der eigentlich das Gegenteil sagt, das exakte Gegenteil, dass nämlich auf einem Großteil der Landesfläche das unter Auflagen gemacht werden kann, und das ist schon eine neue Qualität in Deutschland.

Brink: Immerhin hat die Bundeskanzlerin sich ja auch sehr skeptisch gezeigt, es dürften keine Gefahren für die Menschen und die Umwelt entstehen, das hat sie geäußert. Verstehe ich Sie richtig, dass Sie kategorisch gegen den Einsatz dieser Technologie sind, egal welches Gesetz es dazu geben soll?

Krischer: Ja, man muss ja sehen, unter welchen Risiken man das Ganze macht. Wir pressen da Gifte in den Untergrund – Sie haben es eben im Vorbeitrag auch angesprochen, das Problem des Lagerstättenwassers ist ungelöst, wir produzieren da große, große Probleme, Altlasten. Die Gutachten, die die Bundesregierung selber in Auftrag gegeben hat, kommen zu dem Schluss, dass wir heute überhaupt nicht einschätzen können, welche Langzeitfolgen die Anwendung dieser Technologie hat, und da sagen wir schon, unter diesen Umständen, unter diesen Bedingungen, macht das im Moment keinen Sinn.

Toxische, krebserregende, erbutverändernde Stoffe

Ich kann draußen schwer erklären, dass Menschen beispielsweise ihren Kanalanschluss auf Dichtigkeit mit hohem Aufwand überprüfen müssen, dass sie drauf achten müssen, dass keinerlei Abwasser in den Untergrund kommt, da sind wir sehr genau, da guckt man in Deutschland genau hin. Und wenn dann ein paar Kilometer weiter ein Gaskonzern Gift in die Erde presst – das ist ein Widerspruch, den man eigentlich nicht auflösen kann. Und deshalb sagen wir unter den momentanen Bedingungen, dass das nur mit toxischen, krebserregenden, erbgutverändernden Stoffen gemacht werden kann – und das ist leider beim Fracking die Realität –, dann macht das keinen Sinn.

Wenn sich die Technik weiterentwickelt, wenn wir irgendwann das hinkriegen ohne solche Stoffe, dann ist das eine neue Debatte, dann kann man darüber reden, dann muss man gucken, wie kann man es vernünftig machen, aber im Moment sagen wir, das Risiko, das mit dieser Fördermethode verbunden ist, ist zu hoch für die positiven Effekte, die möglicherweise dann aus der Gasförderung resultieren.

Brink: Die positiven Effekte sind dann zum Beispiel ein Einfluss auf die Preise, das kann man in den USA sehen, dort wird ja Fracking betrieben, allerdings auch in vielen Gebieten, das muss man dazu sagen, die nicht bevölkert sind. Ist es denn nicht auch möglich, bei uns hier nüchtern an die Sache ranzugehen und zu sehen, wo ist Fracking möglich und wo nicht?

Krischer: Ja, man geht schon nüchtern an die Sache ran, und wenn man nüchtern an die Sache rangeht, muss man natürlich auch drauf achten, wie sind eigentlich die Vorräte in Deutschland. Und Sie haben völlig Recht, in den USA ist durch Fracking ein Gas-Boom entstanden, die Gasförderung ist deutlich angestiegen in den USA, die sind vom Gasimport- zum Gasexportland geworden, aber in Deutschland stellt sich die geologische Situation deutlich anders dar. Die Vorräte bei uns sind erheblich geringer, und es wird nicht dazu führen, wenn wir in Deutschland jetzt diese Technologie anwenden, dass dadurch das Gas billiger wird.

Es ist eher das Gegenteil der Fall, weil neulich hat es eine Veranstaltung der Gaswirtschaft gegeben, und man hat gefragt, was kostet das eigentlich, die Gasförderung hier unter den geologischen Bedingungen, unter den Umweltbedingungen, eben bei der dichten Besiedlung in Deutschland, und da stellt sich dann raus, das ist überhaupt nicht zu den Preisen wie in den USA zu machen, weil einfach der Aufwand hier deutlich höher ist, und dann auch keine positiven Preiseffekte für Verbraucher oder so etwas zu erwarten sind.

Genug Gas am deutschen Makrt

Brink: Es ist ja nun legitim, dass man sich über diese Methode Gedanken macht, weil, wie gesagt, der Gaspreis ja trotzdem langfristig auch fallen kann. Sehen Sie Alternativen?

Krischer: Ja, im Moment ist es so, dass wir in Deutschland genug Gas am Markt haben. Die Gaspreise gehen im Moment in der Tendenz zumindest, weniger für die Verbraucher, das hat aber andere Gründe, zumindest im Großhandelsbereich deutlich zurück. Also insofern ist keine Knappheit erkennbar, auch für die nächsten Jahre nicht erkennbar. Wir werden aus Norwegen, wir werden aus den Niederlanden, wir werden aus Russland beliefert, es gibt zunehmend das LNG, also das Gas, was mit Tankschiffen nach Deutschland transportiert wird, und da ist eigentlich eine Gasversorgung von Deutschland auf absehbare Zeit sichergestellt, sodass ich einfach nicht sehe, welchen grundsätzlichen strategischen Wandel in der Gasversorgung die Fracking-Methode mit sich bringen würde, also in der Abwägung der Risiken und der Chancen sehe ich da eindeutig keine langfristige, oder im Moment keine Perspektive für Fracking.

Brink: Oliver Krischer, energiepolitischer Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion. Schönen Dank für das Gespräch!

Krischer: Ich danke Ihnen!


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