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Thema / Archiv | Beitrag vom 05.11.2008

"Wir leben von der Substanz"

Klimaökonom Edenhofer über den Zusammenhang von Finanz- und Klimakrise

Ottmar Edenhofer im Gespräch mit Joachim Scholl

Sollten die Erfahrungen aus der Finanzkrise die Klimapoltik beeinflussenß (AP)
Sollten die Erfahrungen aus der Finanzkrise die Klimapoltik beeinflussenß (AP)

Der Schock der Finanzkrise sollte nach Einschätzung des Klimaökonoms Ottmar Edenhofer die Klimapolitik beeinflussen. "Finanzkrise und das sogenannte Klimaproblem haben eine gemeinsame Ursache", sagte Edenhofer.

Joachim Scholl: Alle reden von der Finanzkrise und einer möglichen Rezession. Dazwischen tröpfeln Meldungen, dass der Klimawandel sich weit rascher und dramatischer vollzieht als bislang angenommen. Doch diese Nachrichten scheinen in diesen Tagen kaum Gewicht zu haben. Wirtschaft also zuerst, Klimaschutz in der zweiten Reihe?

Im Studio begrüße ich Ottmar Edenhofer vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung. Jetzt ist er zudem frisch gebackener Professor für Ökonomie des Klimawandels an der Technischen Universität Berlin, eine jüngst eingerichtete Professur. Willkommen im "Radiofeuilleton", Herr Edenhofer, Sie treten Ihr Amt in einer Zeit an, in der eher der Kontostand regiert und CO2-Werte weniger zu interessieren scheinen als Börsenkurse. Ist das nicht bitter für einen Fachmann, der seine ganze Zeit und Energie dem Klimaschutz widmet?

Ottmar Edenhofer: Nein, das ist eigentlich nicht bitter, denn die Finanzkrise und das sogenannte Klimaproblem haben eine gemeinsame Ursache: Das ist eine Nachhaltigkeitskrise. Und vielleicht ist es mal ganz nützlich, sich noch mal vor Augen zu führen, was Nachhaltigkeit bedeutet. Nachhaltigkeit lässt sich ja zusammenfassen in einem recht einfachen Postulat, das heißt, handle so, dass du die Grundlagen deines Handelns nicht zerstörst. Und was wir jetzt im Augenblick erleben, ist, dass die Finanzkrise die Geschäftsgrundlage der Banken zerstört. Und so ist es auch mit dem Klimawandel, wir zerstören eigentlich das natürliche Kapital, von dem wir leben. Also beide Male, Finanzkrise und Klimakrise, haben die gemeinsame Ursache: Wir leben von der Substanz.

Scholl: Man hat in diesen Wochen oft den Satz gehört: Für das Finanzsystem werden plötzlich Hunderte von Milliarden mobilisiert, dabei ist der Klimawandel die weit größere Katastrophe, dafür wären ähnliche Summen auch hilfreich. Ist das eine falsche Relation? Als Vergleich wirkt es ja im ersten Augenblick sehr überzeugend.

Edenhofer: Ich würde folgendes Bild gebrauchen: Auf der Titanic ist das Casino vorübergehend geschlossen, und die Party ist vorbei, aber die Frage, wie wir es schaffen, mit der Titanic nicht auf den Eisberg zu fahren und den Eisberg nicht zu schrammen, die bleibt. Und vor dem Hintergrund hat es überhaupt keinen Sinn, sich die Frage zu stellen: Sollen wir diese kurzfristige, vielleicht auch mittelfristige Finanzkrise gegen die langfristige Klimakrise ausspielen? Beide haben die gleiche Ursache, und in Zeiten der Nachhaltigkeitskrise hilft nur eines: rückhaltlose Offenlegung der Bücher und rückhaltlose Rechenschaftspflicht.

Scholl: Aber momentan hat man ja das Gefühl, dass die Stimmung so etwas anders ist. Also mühsam haben die Deutschen gelernt und akzeptiert in den letzten Jahren und Jahrzehnten, dass ihr geliebtes Auto ein Klimakiller par excellence ist, momentan rutscht die Autoindustrie in die Krise, und plötzlich heißt es, Leute, kauft neue Autos, aber möglichst flott, ihr bekommt auch die Steuern erlassen. Ist das nicht ein eklatanter Rückschritt in der Debatte um den Klimaschutz?

Edenhofer: Es ist sicherlich nicht hilfreich. Und vielleicht sollte man noch mal zurückgehen auf das Jahr 2001, das ist vielleicht ganz hilfreich, sich das vor Augen zu führen. Es gab ja damals schon Kollegen von mir, Ökonomen, die vor dieser Finanzkrise gewarnt haben. Es ist ja nicht ein völlig neues und überraschendes Phänomen. Hätte im Jahr 2001 jemand angefangen zu sagen, hört mal zu, ihr riskiert eine Finanzkrise, die Finanzmärkte sind falsch reguliert, dann hätte man auch gerne abgewunken und gesagt, hör mal, wir haben jetzt ganz andere Probleme, wir haben das Problem, dass die Konjunktur nicht abschmieren darf.

Und dann ist durch die extreme Niedrigzinspolitik des damaligen Präsidenten der Fed in den USA ein wichtiger Meilenstein gelegt worden für die gegenwärtige Finanzkrise. Wir müssen eigentlich aufpassen, dass wir nicht von einer Krise in die andere stolpern, weil wir immer mit kurzem Atem uns mit solchen Krisen beschäftigen. Und deswegen ist die Aussage, na ja, jetzt müssen wir mal ein Auto kaufen, falsch. Die Automobilindustrie wird sich umstellen müssen. Wir brauchen andere Mobilitätskonzepte.

Und aus meiner Sicht geht das nicht von heute auf morgen, aber man muss einen klaren Rahmen vorgeben. Und aus meiner Sicht wäre der klare Rahmen der, dass die Politik unbedingt dabeibleiben muss zu sagen, wir wollen in Europa die Emissionen bis zum Jahr 2020 um 20 Prozent respektive 30 Prozent, wenn andere mitmachen, senken. Und das muss ein ganz klares Signal für alle Investoren sein in der europäischen Wirtschaft. Wenn ich das noch sagen darf: Im Augenblick ist es natürlich so, dass wir in diesem Emissionshandel, bei diesen Emissionsminderungszielen im Wesentlichen nur den Stromsektor mit einbezogen haben. Wir müssen jetzt dafür sorgen, dass dieser Emissionshandel fit gemacht wird, dass eben alle Sektoren mit einbezogen werden. Und dann muss es hier eine klare Vorgabe geben, und die Vorgabe heißt Emissionsreduktion. Und wie das dann erreicht werden soll, das kann man dann eben der Kreativität der Unternehmer und Verbraucher anheimstellen.

Scholl: Ist in Zeiten der Rezession der Klimaschatz passé? Wir fragen im Deutschlandradio Kultur Ottmar Edenhofer, Professor für die Ökonomie des Klimawandels. Nun sind die deutschen Bemühungen das eine, global gesehen nehmen sie sich fast eher putzig aus. China hat die USA mittlerweile im CO2-Ausstoß überholt und die Aufholjagd der einstigen Schwellenländer, die gewinnt auch in dieser Hinsicht immer mehr an Fahrt. Was nützen eigentlich noch die internationalen Vereinbarungen, Stichwort Kyoto-Protokoll? Scheint es nicht nur noch Papier zu sein

Edenhofer: Ich glaube nicht, dass es nur Papier ist. Aber es ist schon richtig, dass Deutschland und Europa das Weltklima nicht retten können. Und dieses berühmte Zwei-Grad-Ziel der EU, also dass wir den Anstieg der globalen Mitteltemperatur auf zwei Grad begrenzen wollen, das ist ein Ziel der EU für die gesamte Weltgemeinschaft.

Aber die EU kann dieses Ziel überhaupt nicht erreichen. Das heißt, wir brauchen die Schwellenländer. Und was uns eigentlich besonders beunruhigt, ist, dass ja entgegen landläufiger Auffassung der hohe Ölpreis ein Desaster ist für den Klimaschutz. Warum? Der hohe Ölpreis zieht den Gaspreis mit in die Höhe, durch den hohen Gaspreis wird die Verstromung von Kohle auf der ganzen Welt rentabel, vor allem in China und Indien.

Der hohe Ölpreis führt auch dazu, dass wir nicht nur die konventionellen Ölfelder neu zu suchen beginnen, sondern es werden auch die nicht konventionellen, wie zum Beispiel die Ölsande, jetzt rentabel. Und der dritte Aspekt: Es gibt ein großes Investitionsprogramm für die Kohleverflüssigung in China, in Indien, aber auch in den Vereinigten Staaten.

Also der hohe Ölpreis zieht die weltweiten Emissionen nach oben, und wir beobachten seit 2001 die höchsten Wachstumsraten bei den weltweiten Emissionen, obwohl alle Welt glaubt, wir reden doch schon die ganze Zeit über das Klima, warum verdammt noch mal sinken die Emissionen nicht. Und jetzt zu Ihrer Frage: Vor diesem Hintergrund ist Kyoto Makulatur. Ich würde sagen, es nicht Makulatur, aber es kommt jetzt ganz entscheidend darauf an, dass 2009 in Kopenhagen ein sinnvolles und realistisches Abkommen vereinbart wird. Und man kann vielleicht mal ganz kurz skizzieren, was muss eigentlich dieses Kopenhagen-Abkommen beinhalten. Kopenhagen muss beinhalten, dass die Weltgemeinschaft als Ganzes sich dazu verpflichtet, dass wir sagen, bis zum Jahr 2020 stabilisieren wir die Emissionen, bis zum Jahr 2050 halbieren wir die Emissionen gegenüber dem Niveau von 2000. Das ist das Minimum, was dieses Abkommen erreichen muss.

Scholl: Sie, Ottmar Edenhofer, sind stellvertretender Direktor am Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung. Diese Einrichtung ist mittlerweile weltberühmt geworden und eine Instanz auch in allen Fragen des Klimawandels. Jetzt diese Professur, neu eingerichtet für Ökonomie des Klimawandels. Wie ist sie ausgerichtet? Was können und was wollen Sie in der universitären Lehre und Forschung bewirken, was haben Sie sich vorgenommen?

Edenhofer: Also zunächst mal geht es mir darum, Wege zu erkunden, wie wir zu einer emissionsfreien, kohlenstoffarmen Weltwirtschaft kommen. Und jetzt kann man sagen, das ist doch ganz einfach, wir müssen die Emissionen reduzieren. Aber dann stellt sich die Frage: Wie machen wir das eigentlich, mit welchen Technologien? Ich möchte mal ein Beispiel geben dafür. Wir beobachten ja, dass viele Klimaforscher sagen, dieses Zwei-Grad-Ziel, um das zu erreichen, müssen wir die atmosphärische Konzentration von CO2 auf einem sehr niedrigen Niveau stabilisieren, vielleicht 400 ppm CO2, heute sind wir bei 380. Das ist eine gewaltige Aufgabe. Und wir sehen eigentlich, dass wir, um das zu erreichen, vor allem eine Option brauchen, Biomasse, und am besten wäre es noch, wenn wir diese Biomasse-Option, also wenn wir Biomasse verbrennen in Kraftwärmekopplungsanlagen oder Biogas machen, wäre es noch, wenn wir das frei gewordene CO2 einfangen könnten und im geologischen Untergrund vergraben.

Scholl: Das wäre der nächste Nobelpreis?

Edenhofer: Das wäre vielleicht der nächste Nobelpreis. Aber dann stellt sich sofort die Frage, haben wir überhaupt das Potenzial, so viel Biomasse bereitzustellen weltweit, ohne dass wir weitere Nahrungsmittelkrisen hervorrufen, ohne dass wir die Biodiversität in erheblichem Umfang beeinträchtigen. Was das zeigen soll, dieses Beispiel, ist, wir haben ein Problem zu lösen, nämlich den gefährlichen Klimawandel aufzuhalten. Wir verstehen aber jetzt plötzlich, dass viele unserer Maßnahmen auch Seiteneffekte haben und unbeabsichtigte Nebenwirkungen, Risiken, die wir dann leider nicht mehr der Verpackungsbeilage entnehmen können, sondern die dann serial werden. Und das ist eine meiner Aufgaben, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass wir mit Maß und Proportion rangehen müssen, aber kraftvoll rangehen müssen und dass wir immer einen Blick haben müssen auf die Chancen, die sich daraus ergeben, aber auch die Risiken. Stellen Sie sich vor, wir würden jetzt in großem Maßstab Biomasse nutzen, wir hätten am Ende große Nahrungsmittelkrisen, weiter steigende Nahrungsmittelpreise, und wir hätten dann in den Schlagzeilen der Welt, die Klimapolitik ist für Hungerkrisen verantwortlich. Das wäre natürlich vollkommen inakzeptabel.

Scholl: Klimaschutz in Zeiten der Rezession. Das war Ottmar Edenhofer, jetzt Professor für die Ökonomie des Klimawandels an der Technischen Universität Berlin. Ich danke Ihnen für Ihren Besuch, alles Gute für Ihre Arbeit. Ich bin mir sicher, wir sprechen uns wieder.

Edenhofer: Vielen Dank!

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