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Thema / Archiv | Beitrag vom 30.04.2013

"Wir können von den Unternehmen Transparenz fordern"

Lehren aus dem Einsturz einer Textilfabrik in Bangladesch

Stefanie Karl im Gespräch mit Andreas Müller

Diese Frau trauert um ihren Sohn, der seit dem Einsturz der Textilfabrik in Bangledesch vermisst wird. (dpa / pa / Abir Abdullah)
Diese Frau trauert um ihren Sohn, der seit dem Einsturz der Textilfabrik in Bangledesch vermisst wird. (dpa / pa / Abir Abdullah)

Nach dem Fabrikeinsturz in Bangladesch mit vielen Toten und Verletzten geraten Discounter wie Primark und H&M in die Kritik. Wir sprechen mit Stefanie Karl von der Initiative Fair Wear Foundation über miese Arbeitsbedingungen, Zertifikate für Hersteller und fragwürdige Boykottaufrufe.

Andreas Müller: Mindestens 373 Menschen starben beim Einsturz einer Textilfabrik in Bangladesch. In dem Land wird unter zum Teil katastrophalen Bedingungen Kleidung für den Weltmarkt produziert, die Branche ist der wichtigste Industriezweig in Bangladesch, er macht 79 Prozent der Exporteinnahmen aus. Die lokale Textilgewerkschaft kritisiert schon lange Discounter wie Primark, die seien mit ihrem Preisdumping letztlich verantwortlich für die Zustände. Und damit landet ja auch ein Teil der Verantwortung bei uns, den Kunden, schließlich kaufen wir die billigen Klamotten. Ich begrüße jetzt Stefanie Karl von der Fair Wear Foundation, schönen guten Tag!

Stefanie Karl: Ja, hallo, guten Nachmittag!

Müller: Frau Karl, wer trägt die Schuld an den Toten in Bangladesch?

Karl: Das ist eine ganz schwierige Frage. Ich würde gern nicht von Schuld, sondern vielleicht eher von Verantwortung sprechen. Also, das ist eine geteilte Verantwortung auf jeden Fall. Einerseits natürlich klar diejenigen, denen das Gebäude gehört hat, die Fabrikmanager vor Ort, die haben die Risse vorher bemerkt und trotzdem die Mitarbeiter gezwungen, dort zu arbeiten, natürlich ist aber auch der Staat verantwortlich, denn der sollte eigentlich die ganzen Gesetze und Richtlinien, die es zur Gebäudesicherheit, Feuerschutz, Brandschutzabkommen und so weiter gibt, überprüfen und auch forcieren, und natürlich aber auch die Kunden der Fabrik, also sprich die Marken, die wir hier in Europa kennen, die dort produzieren und für uns Kunden die Kleidung dort produzieren lassen.

Müller: Die Kette Primark ließ in der jetzt eingestürzten Fabrik produzieren, das Unternehmen zeigte sich betroffen, wies aber in einer Erklärung darauf hin, dass man seit Jahren mit verschiedenen NGOs, also Nichtregierungsorganisationen zusammengearbeitet habe, um die Standards der Fabriken in Bangladesch zu überprüfen. Offenbar ist ja doch eine Menge schiefgelaufen. Wie sehen denn solche Überprüfungen überhaupt aus?

Karl: Ja, da gibt es ganz verschiedene Überprüfungsmechanismen am Markt, es gibt verschiedene Organisationen, die auf unterschiedlichste Art und Weise Dinge überprüfen. Ich würde gern selbst, weil davon kann ich am besten sprechen, von der Fair Wear Foundation sprechen, wie wir das zum Beispiel machen, und zwar überprüfen wir auf verschiedenen Leveln. Wir überprüfen natürlich die Mitgliedsunternehmen, die bei uns Mitglied geworden sind, um gute Bedingungen vor Ort umzusetzen, wir überprüfen in den Fabriken sehr intensiv, Viereinhalb-Mann-Tage pro Betrieb inklusive Arbeiter-Interviews zum Beispiel auch außerhalb der Fabrik. Und ganz, ganz wichtig ist, dass die Fair Wear Foundation eine Multi-stakeholder Initiative ist, die lokal und international mit Organisationen, Gewerkschaften, staatlich, Nichtregierungsorganisationen, Aktivisten wie die Kampagne für saubere Kleidung zusammenarbeitet und dann aber auch ganz eng mit den Mitgliedsunternehmen, also zum Beispiel wie sind deren Einkaufspraktiken, wie sind deren Lieferzeiten, wie sind die intern aufgestellt, sodass überhaupt auf der anderen Seite gute Arbeitsbedingungen geschaffen werden können. Und vor allem wenn die Mitgliedsunternehmen dann von einem Problem wissen, was tun sie, um vor Ort die Bedingungen zu verbessern?

Müller: Also, Sie sind offensichtlich gut vernetzt, breit aufgestellt, Ihrem Zertifikat kann man durchaus dann trauen.

Karl: Stopp, wir zertifizieren nicht, das ist ganz wichtig. Fair Wear Foundation ist eine der wenigen Organisationen, die nicht zertifizieren, weil wir glauben, dass man Arbeitsbedingungen nicht zertifizieren kann. Wir verifizieren, wir arbeiten mit Mitgliedsunternehmen zusammen, wir beraten die Mitgliedsunternehmen, wir pushen sie in eine gewisse Richtung, wir arbeiten an Standards, sodass wir denken, dass vor Ort die besten Arbeitsbedingungen umgesetzt werden können. Die Verantwortung dazu liegt aber bei den Unternehmen.

Müller: Das Interessante, im vergangenen September starben fast 300 Menschen bei einem Brand in einer Fabrik in Pakistan, die besaß ein Zertifikat, von wem auch immer.

Karl: Genau.

Müller: Darin hieß es, dass dort ausreichende Sicherheitsmaßnahmen existierten, das Gebäude verfügte aber nicht mal über Notausgänge. Was sind dann solche Bescheinigungen überhaupt wert?

Karl: Ich kann nur von Fair Wear Foundation sprechen und wir sagen, man kann Arbeitsbedingungen nicht zertifizieren. Arbeitsbedingungen sind immer von Menschen abhängig und das kann von einer Fabrik zur nächsten Fabrik oder von einem Management zum nächsten Management schon komplett sich ändern.

Müller: Vielleicht wissen Sie aber, wer Fairness zum Beispiel bescheinigt, denn es ist interessant, dass Ketten Primark, aber auch H&M Wert darauf legen, dass ihre Kleidung fair ist. Dafür besitzen die auch Bescheinigungen. Aber man kann sich einfach nicht vorstellen, dass ein T-Shirt, das hier für zwei Euro verkauft wird, unter fairen Bedingungen hergestellt und gehandelt wurde. Also, wer bescheinigt da?

Karl: Klar, bei einem Zwei-Euro-T-Shirt wird es schon wirklich knapp. Also, man muss ganz klar rechnen, das Material braucht, die Transportkosten brauchen, die Leute müssen nähen können, die Arbeitszeit muss bezahlt werden, die Overhead-Kosten müssen bezahlt werden. Es kommt aber schlussendlich nicht auf einen Preis drauf an. Wir haben Berechnungen vorliegen, wo ein T-Shirt zwei, drei Euro kostet und im Verkauf dann um die 15, und das Gleiche aber auch, die gleichen Produktionskosten und im Verkauf für 30. Und das zeigt auch der Zusammenbruch der Firma jetzt. In diesem Produktionsbetrieb oder in einem von diesen mehreren, das waren ja mehrere Fabriken in dem Gebäude, da wurde für Primark produziert, aber genauso auch für Benetton, was preislich wahrscheinlich vom Einkaufspreis her keinen großen Unterschied gemacht hat, aber von dem Preis, den wir als Kunden dann am Schluss hier am Markt zahlen, natürlich schon.

Müller: Es ist gut, dass Sie darauf hinweisen, es sind ja nicht nur die Billighemden und -hosen, die da produziert werden, auch die großen, teuren Marken, wo die Hose, die Jeans oder was weiß ich ein Vielfaches kostet, lassen in Bangladesch, Pakistan, natürlich auch in der Türkei herstellen. Nach dem Einsturz einer Textilfabrik in Bangladesch mit vielen Toten und Verletzten geraten Discounter wie Primark und H&M in die Kritik mit ihren Niedrigpreisen, darüber spreche ich mit Stefanie Karl von Fair Wear Foundation. In Bangladesch wurde jetzt gerade zum Teil gewalttätig gegen die Arbeitsbedingungen protestiert. Was können wir hier tun? Angenommen, es käme zu so etwas wie einem Boykott gegen, sagen wir, Primark, würde das die Lage der Arbeiterinnen und Arbeiter vor Ort nicht weiter verschlechtern, einfach weil die dann keine Arbeit mehr hätten?

Karl: Genau, also, ich denke prinzipiell auch, man sollte nicht zum Beispiel Produkte made in Bangladesh jetzt komplett boykottieren, das wird dem Land nicht helfen, das Land ist total abhängig von der Textilindustrie. Was aber natürlich wir als Kunden machen können, ist, wir können zu den Markenunternehmen gehen und nachfragen, wir können fragen, sag mal, wie ist das denn bei euch. Und wir können von den Unternehmen Transparenz fordern. Und das ist genau das, was Fair Wear Foundation auch tut, wir fordern Mitgliedsunternehmen auf, transparent zu sein, und Unternehmen, die uns beigetreten sind, die müssen zum Beispiel einen Bericht schreiben jedes Jahr, woraus hervorgeht, was sie im Bereich Sozialstandards gemacht haben, also sprich im Bereich gute Arbeitsbedingungen vor Ort. Und auch Fair Wear Foundation schreibt jedes Jahr einen Bericht über jedes Mitgliedsunternehmen, um der Öffentlichkeit zu zeigen, da steht das Unternehmen und das macht es gut und da kann es sich noch verbessern.

Müller: Nun beherrschen natürlich die Firmen, die bei Ihnen nicht sozusagen Mitglied sind oder von Ihnen beraten und getestet werden, wenn man so will, den Markt. Wie kann die Situation weiter entschärft werden? Ich meine, ist es überhaupt denkbar, dass es ein Zurück von diesem Preisdumping geben kann?

Karl: Da ist noch sehr, sehr Arbeit notwendig, ganz klare Sache. Fair Wear Foundation engagiert sich gerade stark mit anderen Organisationen, um ein einheitliches Abkommen zu fördern. Es muss in solchen Ländern ja Maßnahmen geben, die koordiniert sind, sprich zusammen mit Markenunternehmen, mit Organisationen, mit Gewerkschaften, eine Multi-stakeholder Action würden wir es auf Englisch nennen, also sprich ein Abkommen von den verschiedensten Institutionen auf staatlicher und nichtstaatlicher, aus lokaler und internationaler Ebene. Weil das Land insgesamt ja ein einheitliches Konzept, ein einheitliches Forcieren braucht, um überhaupt aus diesem Zustand noch herauszukommen.

Müller: Es sind die NGOs, die sich sehr engagieren. Inwieweit kann denn die Politik, also die deutsche zum Beispiel eingreifen?

Karl: Das macht die Politik schon auch in Deutschland, zum Beispiel über die GIZ, die auch aktiv mit in diese Multi-stakeholder-Aktion, in diesem Brandschutzabkommen, was wir gerade entwickeln, aktiv sind. Gleichzeitig, das ist jetzt natürlich nur eine Aktion für das Land Bangladesch an sich, wir haben ja jetzt in Bangladesch die ganzen Unfälle oder Tragödien, in Pakistan war es genauso. Also sprich, prinzipiell, denke ich, muss der Staat auch noch mehr Verantwortung übernehmen im Sinne von Transparenz schaffen, sodass wir überhaupt wissen, was wir kaufen, und auch öffentlicher Konsum schlussendlich sollte danach ausgerichtet sein, dass gute Arbeitsbedingungen eingehalten werden können.

Müller: Es sind ja vor allem junge Leute, die in Läden wie H&M und Primark einkaufen. Denen wird doch suggeriert, dass Kleidung fast nichts kosten darf. Muss da nicht auch ein bisschen aufgeklärt werden? Ich meine, früher war Kleidung, war Wäsche etwas sehr Kostbares, aber eben auch etwas sehr Haltbares, also da hatte der Sohn manchmal noch den Anzug vom Vater geerbt. Muss da nicht auch ein bisschen was an Aufklärung passieren, in der Schule zum Beispiel?

Karl: Ja, in der Schule wäre gut anzufangen. Wichtig ist aber jetzt nicht nur, von der Kundenseite zu gucken, sondern auch die Markenwelt. Es gibt ja Unternehmen, die wirklich jeden Monat, teilweise sogar jede Woche eine neue Kollektion auf den Markt bringen, und das reizt natürlich in einer konsumgesteuerten Welt mit Produkten, wo man nicht wirklich viel für zahlen muss, immer mehr zum Wegwerfen, statt Langfristigkeit zu tendieren. Und natürlich auch, ich meine, die Unternehmen, die bieten ja jetzt nicht nur günstige Preise an, damit wir noch mehr kaufen können, sondern die müssen auch irgendwie günstig produziert sein, sprich auch die Textilien, die man zu den Preisen kaufen kann. Muss nicht sein, aber kann sein, dass die auch eben zum Beispiel ein ganz dünnes Material haben, sodass sie gar nicht lang halten, damit man eben die nächste Kollektion wieder auf den Markt bringen kann, die dann wieder gekauft wird, weil das Textil vielleicht einfach nicht so lang gehalten hat. Wobei das nicht für alle Billigtextilien gelten muss.

Müller: Glauben Sie, dass sich kurzfristig etwas an den miserablen Arbeitsbedingungen in den Herstellungsländern ändern wird? Oder ist die Ideologie des "Geiz ist geil" am Ende zu stark?

Karl: Kurzfristig, denke ich, nein. Einfach weil die Strukturen verändert werden müssen. Und immer, wenn Strukturen verändert werden müssen, ist das ein Prozess. Und das ist auch genau das, was Fair Wear Foundation macht, Fair Wear Foundation hat einen Prozesscharakter. Wir sagen Unternehmen explizit, wenn ihr guckt, wie die Bedingung vor Ort ist, und arbeitet an den Bedingungen vor Ort, also wenn ihr vor Ort Probleme in den Fabriken findet, nicht die Fabrik wechseln, sondern explizit dort bleiben und mit dem Fabrikmanagement zusammen an dem Thema arbeiten. Also sprich Verantwortung übernehmen. Und ich denke, das muss noch viel gezielter forciert werden, vorangetrieben werden.

Und gerade in Bangladesch, ich meine, das hat sich über die letzten Jahre hin entwickelt, dass immer mehr Produktionen nach Bangladesch gegangen sind, immer mehr Gebäude wurden aufgestockt, weil man einfach mehr Produktionsräume gebraucht hat, die Elektrizität. Die Kapazitäten sind schlicht und ergreifend erschöpft, die Infrastruktur hat sich nicht entsprechend mitentwickelt. Jeder muss seinen Teil Verantwortung übernehmen, damit sich die Situation dann hoffentlich in den nächsten Jahren verbessern kann.

Müller: Stefanie Karl war das von Fair Wear Foundation, einer Initiative verschiedener Akteure, die die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Kleidungs- und Textilindustrie zum Ziel hat. Vielen Dank für dieses Gespräch.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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